Klassikfestival

Das Lucerne Festival bringt den Greta-Effekt in die Klassik

Patricia Kopatchinskaja.

Patricia Kopatchinskaja.

Das grösste Klassikfestival der Schweiz setzt mit einem Jugendfestival, mehr Frauen und eigenwilligen Performern neue Akzente.

Lucerne Festival hatte versprochen, die Streichung der Spartenfestivals an Ostern und am Piano durch einen Aufbruch im Sommer zu kompensieren. Zu den Konflikten, die im Gefolge dieser strategischen Neuorientierung zum vorzeitigen Rücktritt von Hubert Achermann führten, will sich Intendant Michael Haefliger nicht äussern – dies ist nach Absprache mit Markus Hongler Sache des neuen Stiftungspräsidenten. Aber Haefliger räumt ein, dass die Vorgänge ihn persönlich betroffen gemacht hätten, weil er «mit Hubert Achermann und Dominik Deuber lange und gut zusammengearbeitet habe».

Neues Jugendfestival zum Auftakt

Vom «Arbeitskonflikt» ist dem nun präsentierten Programm nichts anzumerken. Es enthält eine Reihe von Innovationen, die im Sinn der von Hubert Achermann angestossenen strategischen Neuorientierung und insofern auch ihm zu verdanken sein dürften. So steht am Herbstwochenende das wirblige Geigentemperament Patricia Kopatchinskaja im Zentrum. Und auch zum Sommer wurden jetzt Programmschwerpunkte bekannt, die Überraschungen in das erwartbare Beethoven-Jubiläumsprogramm unter dem Motto «Freude» bringen.

Patricia Kopatchinskaja

Patricia Kopatchinskaja

So bietet der Sommer mit dem erstmals durchgeführten Pre-Festival «Music for Future» jungen Musikern aus der Schweiz, Russland oder Afrika eine Plattform. Die bisher von Dominik Deuber geleitete Festival-Academy und deren Alumni steuern mit Sinfoniekonzerten und dem «Kosmos Boulez» markante Moderne-Akzente bei. Fünf Veranstaltungen gehen Verknüpfungen zwischen Beethoven und Hölderlin (beide geboren vor 250 Jahren) nach. «Beethoven NINE», eine Koproduktion mit dem Luzerner Theater, macht Beethovens Neunte zu einem Stadtrundgang mit Elektronik und Luzerner Chören.

«Farewell Beethoven» mit Levit und Kopatchinskaja

Das Herbstwochenende steht mit neuen Formaten dem Wochenende im April (mit dem aufrührerischen Pultmagier Theodor Currentzis) in nichts nach. Patricia Kopatchinskaja und der Pianist Igor Levit eröffnen «Farewell Beethoven» (20. Bis 22. November) mit dem musikalisch-literarischen Gemeinschaftsprojekt «Die Kreutzersonate».

Levit beendet seinen Beethoven-Zyklus mit den letzten sechs Klaviersonaten, Kopatchinskaja bringt ein inszeniertes Konzert nach Luzern. «Bye-Bye Beethoven», das Beethovens Violinkonzert mit alter und neuer Musik kombiniert, wird durch die Mitwirkung von Mitgliedern des Lucerne Festival Orchestra, der Festival-Alumni und des Luzerner Sinfonieorchesters zur exklusiven Eigenproduktion. Das hat mehr Festivalcharakter als zuvor die allzu beliebig programmierten Spartenfestivals.

Currentzis und Kopatchinskaja stehen an der Spitze einer neuen Künstlergeneration, die mit ihrer eine eigenwilligen Art der Performance der Klassik zu einem Vitaminzufuhr verhilft. Auch aus diesem Grund ist für Haefliger die Förderung und Präsenz junger Menschen und Künstler wichtig – nicht nur in der Young-Produktionen. «Unsere Gesellschaft nimmt Jugendliche generell zuwenig ernst. Aber das Beispiel Greta Thunberg zeigt, dass sich da ein Wandel vollzieht. Unser Pre-Festival «Music for Future» setzt ein Signal dafür, dass sich das vermehrt am Festival wiederspiegeln soll. Bei Lucerne Festival gehört die Zukunft der Jugend!»

Die Frauen kommen - auch am Dirigentenpult

Neu ist auch die verstärkte Präsenz von Frauen im Sommer. So ist Mirga Grazinite-Tyla als Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra «artiste étoile», mit Luisa Mälkki kommt eine zweite Topdirigentin nach Luzern, «Composer in residence» ist die Engländerin Rebecca Saunders. Auch da zeichnen sich also Galionsfiguren für künftige Wochenenden ab. Stehen auch Frauen am Pult für eine neue Art der Performance? «Ja, bei Dirigentinnen erlebe ich oft, dass sie sich in den Proben schnell durchsetzen und auf dem Podium auf das verbreitete Maestro-Gehabe verzichten», bestätigt Haefliger: «Ich bin sicher, dass Frauen als Dirigentinnen eine immer grössere Rolle spielen, auch am Festival.»

Bleibt die Frage, ob all das und der hohe Starfaktor eine Exklusivität sichern kann, wie sie Opernfestivals durch ihre Premieren haben. «Die Parade der Top-Orchester aus aller Welt begründet wesentlich den Ruf des Festivals», sagt Haefliger: «Das gibt es in dieser Dichte nirgendwo auf der Welt. Und ermöglicht, jetzt mit der Aufführung aller Beethoven-Sinfonien durch unterschiedlichste Orchster und Dirigenten, durchaus Exklusivität.»

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