Kultur

Das Lebenswerk dieser Künstlerin aus Wohlen sprengt alle Räume

Heidi Widmer hat Hunderte Werke auf langen Tischen ausgebreitet. Rot, Blau, Gold und Schwarz sind ihre Farben.

Heidi Widmer hat Hunderte Werke auf langen Tischen ausgebreitet. Rot, Blau, Gold und Schwarz sind ihre Farben.

Seit 50 Jahren zeichnet und malt Heidi Widmer. Unermüdlich. Eine Schau in Wohlen würdigt ihr Schaffen. Und verblüfft.

Der Eingang sei in einer Ecke, etwas versteckt, informiert Heidi Widmer am Telefon. «Die Ausstellung ist in der grossen Halle, es brauchte mehr als ein paar Wände.» Sie kommt mit dem Velo, trotz Hitze, schliesst auf – und freut sich ob unserer Verblüffung. In der riesigen Halle sind raumlange, niedere Tische aufgebaut, Reihe um Reihe, darauf liegt Zeichnung an Zeichnung. Unglaublich diese Menge – wie kann man sie überblicken, sie für sich ordnen? Heidi Widmer lacht und sagt: «Das ist erst die Übersicht.» Die Ausstellung sei coronamässig organisiert. «Man beginnt hier, folgt der Chronologie von Tisch zu Tisch im Einbahnsystem. In den anderen Räumen sind einzelne Themen dann vertieft.» Und im Übrigen seien diese rund 400 Blätter nur ein paar Prozent ihres Schaffens.

Die Künstlerin und der Fotograf in der grossen Halle

Die Künstlerin und der Fotograf in der grossen Halle

Schon mit 18 Jahren war sie Künstlerin

Angefangen hat Heidi Widmer 1958. Sie wurde ermuntert, an die Ecole des Beaux Arts in Genf zu gehen. «Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, aber von da an war ich Künstlerin.» Bereits damals war sie bereit, für die Kunst zu hungern und zu frieren – was in den ersten Jahren nicht metaphorisch, sondern durchaus real passierte.

Drei pastose, kräftige Landschaften belegen ihre Anfänge. Dann der grosse, der wichtige Bruch zur Zeichnung. Mit kräftigem Bleistiftstrich sind Figuren umrissen. Sind es Skulpturen oder Menschen?, fragt man sich. Doch Heidi Widmer ist schneller, weist darauf hin, dass sie wie eine zweite Figur in sich tragen. «Die Idee der Doppelfigur ist ein Thema, das immer wieder auftaucht.» Und weiter gehts im Schnellzugtempo durch ihr Leben und Werk – in die Strafanstalt Lenzburg, wo sie die Räume und die Menschen zeichnete und wo sie Jahre später Zeichnungskurse gab. Doch zuvor war sie in Rom, an der Akademie, wo sie ihr Studium 1965 abschloss – und wohin sie als Stipendiatin des Schweizer Instituts gerne zurückkehrte.

Aber bevor man sich’s versieht, fährt man mit der Künstlerin auf dem Amazonas. «Da habe ich die Zeichnungen zerschneiden müssen, habe die ausgeschnittenen Streifen mit Blau unterlegt, um die Dichte und Tiefe sichtbar zu machen.»

Streifen und Balken definieren seither die Raumkonstruktionen in ihren Blättern, Menschen und Heiligenfiguren aus aller Welt bevölkern sie. Zum Bleistift kam bald der Farbstift, kamen – wenn sie nicht unterwegs war – die Wasserfarben. Blau und Rot und Gelb/Gold sind ihre «Lebensfarben». Sie prägen neben dem Schwarz des Grafits nicht nur die Blätter, sondern auch Heidi Widmers Umgebung bis hin zu ihrem Zuhause oder ihren Kleidern.

Streifen und Balken bestimmen die Bildräume.

Streifen und Balken bestimmen die Bildräume.

Blau sei das Tiefste und Höchste zugleich, sagt sie. «Blau ist die Wassertiefe, der Himmel und die Unendlichkeit.» Gelb oder Gold steht für das Licht, Rot für das Leben und die Emotionen. Mit roten Fäden – «Schicksalsfäden» – verknüpft sie Figuren und Lebensstationen auf ihren Zeichnungen.

Neue Arbeiten in Gold und Blau.

Neue Arbeiten in Gold und Blau.

Abenteuerliche Reisen, konzentrierte Arbeit

Von Tisch zu Tisch, von Thema zu Thema, von Reise zu Reise wandert man. Kohärent ist dieses ausufernde Werk, alles ist mit allem verwandt und doch steuert jedes Blatt wieder einen eigenen Ton, eine etwas andere Perspektive bei. «Sie sind wie Buchstaben oder Wörter, die erst zusammen einen Satz und dann einen ganzen Text ergeben,» erklärt die Künstlerin.

Entscheidend für die junge Frau war ihre abenteuerliche Reise durch ganz Amerika. 1971 reiste sie alleine in New York los, südwärts und in grossem Bogen durch Südamerika, wochenlang war sie auf dem Amazonas. Man spürt: Das war prägend. In einem Nebenraum ist ein weiterer langer Tisch, bedeckt mit Porträts aus Bolivien, «Menschen, mit denen ich geredet habe, bei denen ich gelebt habe», an den Wänden hängen Fotografien. «Ich habe immer fotografiert, diese auch selber vergrössert und aufgezogen.»

Porträts von Menschen aus Südamerika - gezeichnet und fotografiert.

Porträts von Menschen aus Südamerika - gezeichnet und fotografiert.

Ebenso aussergewöhnlich klingen ihre Erlebnisse in Moçambique oder in Südafrika, wo sie als einzige Weisse in einem Township lebte, angestellt als Sakristanin durch einen Missionar aus Wohlen. In Sri Lanka überlebte sie 2004 den Tsunami – nur dank eines glücklichen Zufalls. Wochenlang blieb sie dort, um zu helfen. Gefässe und rote Fäden, Himmel und Afrika sind Schwerpunkte in weiteren Räumen. Immer wieder sehen wir die gleichen Motive – Menschen, Räume und Himmel – immer wieder anders.

Der Lieblingsraum

Ihr Lieblingsraum in der Ausstellung, die Freunde und die Kunstkommission Wohlen organisiert haben, nennt sie Kapelle. Hier hat sie die grossen Bleistiftzeichnungen, «die abstrakten Himmelreiche von Prag», versammelt, die 1993 im Prager Atelier des Kuratoriums entstanden sind – inspiriert von den Kirchen, vom Grau der Stadt nach der Wende und den Figuren auf der Karlsbrücke. Gross und dicht sind sie. «Stundenlang habe ich mit dem Radiergummi die weissen Stellen aus dem Dunkel herausgearbeitet und das Licht wieder hineingebracht.»

Diesen Raum mit den Zeichnungen aus Prag nennt Heidi Widmer «Kapelle».

Diesen Raum mit den Zeichnungen aus Prag nennt Heidi Widmer «Kapelle».

Der Tag beginnt und endet mit Zeichnen

Dann ist da noch der Korridor in der Bleichi: Hier bilden Hunderte postkartenkleine Aquarelle einen Wand und Tisch bedeckenden blau-roten Teppich. «Diese Karten entstehen am Morgen», erzählt Heidi Widmer. «Wenn ich erwache, setzte ich mich sofort an den Tisch, wo Blätter und Farben bereitstehen, und male, was aus mir herausströmen will.» Erst danach kämen der erste Kaffee, der Alltag.

Hunderte Karten bilden einen bunten Teppich.

Hunderte Karten bilden einen bunten Teppich.

An diesem Tisch zeichnet Heidi Widmer jeden Morgen..

An diesem Tisch zeichnet Heidi Widmer jeden Morgen..

Den Tag beendet die Künstlerin mit einem anderen Ritual: Im Bett zeichnet sie in ihre Nachtbücher, oft stundenlang und bis ihr der Tintenstift aus der Hand fällt. Gegen zweihundert Bücher habe sie gefüllt, Ausschnitte daraus werden in der Halle auf eine grosse Leinwand projiziert. «Für mich ist das, das grösste Geschenk dieser Ausstellung», sagt Heidi Widmer. So kann man auch diesen roten Faden in ihrem Werk erleben.

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