Karl, der auf dem Balkon steht und raucht. Die Asche, die krumm an seiner Zigarette hängt. Nach unten hängend sind auch die Finger an Karls Händen, wie die Asche an der Zigarette, wie die Arme der Tanne, die neben Karl auf dem Balkon steht. Leere Blumenkisten, zwei Paar Turnschuhe am Boden.

Und Karl, der sagt, es sei bezeichnend für sein Leben, dass an zwei Paar seiner Turnschuhe Hundedreck klebe, dass er zweimal in einer Woche in frischen Hundedreck getreten sei. Karl, der sagt, er habe das eine Paar Schuhe rausgestellt, auf den Balkon, weil er nicht gewusst habe, was er mit ihnen tun soll, mit dem Dreck an ihnen, und dann sei er in ein Geschäft gegangen und habe sich das gleiche Paar Schuhe noch einmal gekauft.

Die Dame im Schuhgeschäft, sagt Karl, habe eine singende Stimme gehabt, das sei eine gute Wahl, habe sie gesungen, der Schuh würde gut zu ihm, zu Karl passen. Er sei dynamisch und schlicht, habe sie gesagt und ihn dabei angelächelt.

Er habe diese beiden Worte, in der Kombination mit der Frau, die selbst eine Verkörperung der Dynamik und Schlichtheit gewesen sei, sich hundertmal leise vorgesagt und sie hätten unwahrscheinlich gut geschmeckt, die Worte, in seinem Mund, sagt Karl, und dass er beim nächsten Lauf im Park frühmorgens, im Nebel, die Schuhe angesehen habe und so auch habe mit ansehen können, wie er mit ihnen in diesen zweiten Hundedreck getreten sei. Nun würden beide Paar Schuhe hier draussen stehen, und diese Geschichte erinnere ihn an eine andere Geschichte, seiner nicht unähnlich.

Als er ein Kind gewesen sei, habe der Vater am Weihnachtstag mit ihm gespielt. Die Mutter habe so in Ruhe kochen können, aufräumen und den Baum schmücken. Die Mutter habe auch immer den Boden zum Glänzen gebracht und es habe warm und süsslich nach Zwiebeln und Bratensauce gerochen, nach Kuchen und Keksen, wenn sie heimgekommen seien von ihren Ausflügen in den Wald oder in eine Bar, Kerzen hätten gebrannt und alles sei sauber gewesen und warm.

An einem dieser Weihnachtstage habe der Vater vergessen, den Baum mit nach Hause zu bringen, er habe vergessen, einen zu kaufen, sie hätten den ganzen Tag rumgesessen bei seinen Freunden in einer Bar, in der man Fussballspiele habe schauen können, die vor Jahren stattgefunden hätten, in der Zeit noch, wie der Vater gesagt habe, als er, der Vater selbst noch Fussballspieler der ersten Liga habe werden wollen.

Der Vater habe sich entschuldigt wegen des Baumes und dann habe er der Mutter aber einen Vorwurf gemacht, warum sie ihm das nicht gesagt habe mit dem Baum, dann hätte man das vorher erledigen können, habe der Vater gesagt, und die Hände verworfen, nun sei es ja wohl ein bisschen spät dafür. Worauf die Mutter sich entschuldigte, weil sie am Abend wieder die Harmonie unter dem Baum, der dann vielleicht da sein würde, haben wollte und wusste, dass sie gefährdet sei, wenn der Vater einmal eine Wut in sich haben würde, eine der klebrigen Art, eine Wut, die nicht mehr so leicht aus dem Körper zu holen wäre, auch mit Komplimenten nicht und nicht mit Streicheln und gutem Essen und Geschenken.

Der Vater, so sagt es Karl, habe manchmal eine Wut aus Kaugummi, manchmal eine aus Zement in sich gehabt, die wochenlang nicht mehr aus ihm rauskonnte. Zum Beispiel nach seiner Entlassung, da sei er so lange voller Wut gewesen, wie er es vorher noch nie gewesen sei, er sei bis obenhin voll gewesen mit einer zähflüssigen Wut, die immer härter geworden sei, bis sie Zement war, bis die Wut die Form des Körpers des Vaters eingenommen habe, dabei habe er seinen Beruf nicht einmal gemocht, sagt Karl.

© Illustration: Nina Weber

Aber der Vater habe damals zu Karl gesagt, als er heimgekommen sei, nach der Arbeit, mit diesem Brief in der Hand, sie hätten ihn in das Büro des Chefs geholt und dort hätten drei Männer und eine Sekretärin ihm eine halbe Stunde lang erklärt, warum man ihn nicht mehr brauche. Und es sei kein genaues, in diesem Rahmen Nicht-mehr-Brauchen oder aus strukturellen, wirtschaftlichen Gründen Nicht-mehr-Brauchen gewesen, nein, es sei ein ganz individuelles, persönliches Nicht-mehr-Brauchen gewesen, ein Ihn-nicht-mehr-Brauchen, und eigentlich, so erzählte es der Vater damals, hätten sie ihm lange und deutlich klargemacht, an jenem Tag, zwischen den silbernen Regalen und den in den Regalen aufgereihten Ordnern, Akten und Zahlen, im Büro des Chefs, dass die Welt ihn nicht mehr brauche.

Das wiederum sei auch das Problem an jenem Weihnachtstag gewesen, denn soweit er sich erinnere, sei es eben auch der Weihnachtstag gewesen, der der Entlassung folgte, das sei wahrscheinlich auch der Grund gewesen, warum er und der Vater den ganzen Tag in der Bar verbracht hätten und der Vater eben auch den Baum vergessen habe.

Der Vater sei dann aber doch noch losgefahren und habe einen Baum holen wollen, er sei schon spät gewesen, er habe auch schon etwas getrunken gehabt. Es sei schon ziemlich dunkelblau gewesen draussen, sagt Karl, hier und dort habe man in den Fenstern bereits die Kerzen an den Bäumen brennen sehen. Der Vater sei also losgefahren, um einen Baum zu finden. Rottanne, habe die Mutter ihm noch hinterhergerufen mit einer Stimme aus Daunen und danke vielmals. Kurze Zeit später habe die Mutter einen Anruf erhalten, dass der Vater von der Polizei angehalten worden sei.

Der Beamte sagte der Mutter, er, der Vater, sei angetrunken gewesen, am Steuer und habe dann auch noch einen Polizisten beschimpft und sogar tätlich angegriffen. Das glaube sie nicht, habe die Mutter gesagt und ihre Hände nervös am Blumenkleid gerieben, das würde der Vater niemals tun. Ob denn noch jemand dabei gewesen sei, habe die Mutter gefragt, ein Zeuge vielleicht. Nein, es sei nur sein Kollege dort gewesen und ihr Mann. Ob es ihrem Mann gut gehe und was denn nun passiere, habe die Mutter gefragt.

Er, der Vater, müsse wohl einige Tage in Untersuchungshaft bleiben, habe der Polizist gesagt. Aber das ginge nicht, habe die Mutter ausgerufen, sie müssten Weihnachten feiern. Ihr Mann habe einen Sohn und dieser Sohn warte auf seinen Vater und den Baum, den der Vater bringe, den sie dann endlich schmücken würden.

Sie müssten diesen Baum schmücken und dieses Weihnachten feiern, habe die Mutter gerufen, das müssten sie, das müsse man, sie wolle dieses Weihnachten feiern, ein ganz normales, weiches, gut riechendes, liebevolles Weihnachten mit vielen Geschenken, die man sich leisten könne, weil man hart arbeite und stolz sein könne und es sich verdient habe, so ein Weihnachten, habe die Mutter in den Telefonhörer gerufen und den Beamten angefleht, ihren Mann nach Hause zu schicken.

Da könne er vielleicht etwas tun, er schaue einmal, ob er etwas für sie tun könne, habe der Beamte zur Mutter gesagt, und dann habe er ihr noch frohe, besinnliche Weihnachtstagegewünscht. Der Vater sei tatsächlich einige Stunden später nach Hause gekommen und die Mutter habe noch einen Baum geholt, sagt Karl, habe ihn auch geschmückt. Sie habe goldenes Engelshaar in die Äste gehängt und rote, glänzende Kugeln. Er könne sich an sein Gesicht in der Kugel erinnern, das auseinanderlaufende Gesicht und an den Vater, der zur Tür hereingekommen sei und sich hinter Karl in der Kugel gespiegelt habe.

Die Mutter habe leise geweint und die letzten Kerzen am Baum befestigt, der Vater habe einen grossen, blauen Fleck im Gesicht gehabt, sei einer feuchten Papiertüte gleich auf dem Sessel vor dem Baum gesessen, die Mutter habe dem Vater die Jacke abgenommen und seine Schultern gestreichelt, aber, sagt Karl, es sei schon klar gewesen, dass die Wut eine Wut aus Zement werden würde, im Vater, in der Form des Vaters.

Der Vater sei ganz still gesessen und habe weder ihn, Karl, noch die Mutter angesehen. Er habe immer nur den Baum angesehen. Es sei so still gewesen, dass sich Karl irgendwann nicht mehr sicher gewesen sei, ob es sie, die Familie, den Vater, die Mutter und ihn, Karl überhaupt noch gebe. Es sei so still gewesen, dass man einzelne Nadeln des Baumes habe auf den Boden fallen hören. Man habe die leisen Weihnachtsgesänge der Familien in anderen Wohnungen gehört. Er könne sich sogar noch an das Rascheln von Geschenkpapier erinnern, in der Wohnung über ihrer Wohnung.

Irgendwann habe der Vater zur Mutter geschaut und gesagt, sie solle aufhören so zu tun, als wäre er liebenswert. Sie solle aufhören so zu tun, als wäre er überhaupt irgendetwas wert. Und die Menschen allgemein sollten aufhören, ihren Kindern am Abend vor dem Einschlafen Geschichten vorzulesen, die davon erzählten, dass es gute und böse Menschen gebe, und vor allem und überhaupt sollten sie endlich, endlich damit aufhören, ihren Kindern jeden Abend zu erzählen, dass sie, die Kinder, die Guten wären, dass sie es auch bleiben würden, egal was passiere.

Das stimme nicht, rief der Vater, und die Mutter, die Weihnachten liebte, die dieses Weihnachten liebte, sagt Karl und steht auf dem Balkon, von seiner Zigarette fällt jetzt die Asche auf den Steinboden und Stücke der Asche werden vom Wind fortgetragen und verfangen sich in den Ästen des Weihnachtsbaumes, der in der Ecke des Balkons steht.

Der Vater habe gesagt, das stimme nicht, dass sie egal, was komme, zu den Guten gehören würden und man müsse den Kindern beibringen, dass diese Welt sie schlecht machen könne und dass es ihre Verantwortung sei, so viel Energie wie möglich zu investieren, dass sie gut sein könnten, und es sei verdammt noch mal auch die Verantwortung der Regierung eines Landes, dass sein Volk gut sein könne, eine Regierung müsse ein Land so regieren, dass die Bürger dieses Landes genug Energie hätten, gute Menschen zu sein, und verdammt noch mal, sagt der Vater, das gehe nicht, wenn alle so viel arbeiten müssten und immer damit beschäftigt seien, zu schauen, dass sie nicht unbrauchbar werden, immer die Angst in ihnen wohnen würde, dass sie eines Tages aufwachen und die Welt sie nicht mehr brauchen würde, und diese heimliche Angst, Tag für Tag, dass es schon lange so weit sei, aber die Welt noch immer so tue, als hätte man einen Wert in ihr.

Das habe der Vater gesagt, sagt Karl, steht auf dem Balkon, zündet sich eine neue Zigarette an, aus einem der vielen blinden Fenster der Siedlung kommt ein Blockflötenspiel, Stille Nacht, heilige Nacht. Und Karl, dessen Füsse auf dem eiskalten Steinboden des Balkons weiss leuchten.