Fondation Beyeler

Das Fest der Zweifler: Grandioser Dialog zwischen Giacometti und Bacon

Leihgaben aus der Fondation Giacometti in Paris und von Museen und Sammlern finden in der Fondation Beyeler zusammen.

Leihgaben aus der Fondation Giacometti in Paris und von Museen und Sammlern finden in der Fondation Beyeler zusammen.

Die Fondation Beyeler lädt zu einem Gipfeltreffen zweier Künstler, die ihr Werk aus einer permanenten Krise schufen: Alberto Giacometti und Francis Bacon.

Sich selbst verschwenden, ohne Rücksicht auf Verluste. Sich trinkend, rauchend und exzessiv arbeitend die Nächte um die Ohren schlagen. Seine Existenz als Hochseilakt inszenieren, im Bewusstsein darüber, dass vielleicht gar niemand da ist, der zuschaut, wenn man abstürzt. Dieses Heldentum der Wahrheitssucher, die ihre Zelte bewusst jenseits der wohltemperierten Konformität aufschlagen – dies war der Lebensgestus der Avantgarde. Ihre Populärvariante nannte sich Bohème.

Die Fondation Beyeler lädt zu einem Gipfeltreffen zweier Vertreter dieser mittlerweile rar gewordenen Künstlerart. Der Schweizer Alberto Giacometti hat dem Rätsel unserer Existenz in der Zeichnung, der Malerei und der Skulptur ein Monument erschaffen. Der Ire Francis Bacon hat auf bisher unübertroffene Weise das Drama unserer Endlichkeit auf Leinwand gebannt. Beide sind im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren, wenige Jahre nach dem Tod Friedrich Nietzsches, der wiederum in einzigartiger Weise die Frage formuliert hat, wie wir ohne Gott, ohne Hoffnung auf eine endgültige Wahrheit, existieren können.

Giacometti und Bacon in der Fondation Beyeler

Giacometti und Bacon in der Fondation Beyeler

Das Werk "L'Homme qui marche" vom Künstler Alberto Giacometti ist am Mittwoch in der Fondation Beyeler in Riehen angekommen. Die aktuelle Ausstellung verbindet Werke von Alberto Giacometti mit Bildern von Francis Bacon.

Zwei Solitäre in ihrer Zeit

Acht Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen dem älteren Giacometti und Bacon. Der jüngere verehrte den Bergeller, bereits bevor er ihm persönlich begegnete, als «den grössten Zeichner aller Zeiten». Später sollte er sagen, Giacometti sei der Mann, der ihn mehr beeinflusst habe als irgendein anderer. Der Ältere wiederum war fasziniert von der unbändigen Energie in der Kunst des Jüngeren. Neben Bacons Porträts würden seine eigenen eher prüde wirken, so Giacometti.

Alberto Giacometti (links) und Francis Bacon 1965.

Alberto Giacometti (links) und Francis Bacon 1965.

Näher kennen gelernt haben sie sich erst anfang der Sechzigerjahre, also kurz vor Giacomettis Tod 1966. Zusammengebracht hat sie Isabel Rawsthorne, eine trinkfeste und lebenslustige Künstlerin und Künstlermuse. Sowohl Bacon wie Giacometti haben sie porträtiert.

Es ist naheliegend, dass sich die beiden über den Weg laufen mussten, auch wenn der eine in London, der andere in Paris lebte, gehörten sie doch einer bedrohten Spezies an: Sie waren figurative Künstler, was in jenen Jahren schon beinah einem Schimpfwort gleichkam. Abstrakter Expressionismus und Tachismus gaben den Ton an.

Paralleluniversen

Giacometti und Bacon waren ausschliesslich am Menschenbild interessiert. Beide bezeichneten sich als Realisten, obwohl sie von den Surrealisten viel übernommen hatten. Der Katalog der Gemeinsamkeiten beinhaltet auch ihre Vorliebe für Menschen aus dem Milieu, im Fall von Bacon für Stricher, im Fall von Giacometti für Prostituierte.

Beide sprachen sich dezidiert dafür aus, dass sie diese Menschen weit interessanter fänden als die Würdenträger der Kunstwelt. Beide konnten sich präzis und scharfzüngig über ihre Kunst und die Kunst anderer äussern. Bacon war darin ein gefürchteter Zyniker. Beide porträtierten obsessiv die immergleichen Menschen. Beide sahen ihre Arbeit als ewig fortschreitenden, nie abgeschlossenen Prozess und beide wurden von abgründigen Gefühlen des Scheiterns heimgesucht.

Schwer, zu formulieren, was Bacon und Giacometti unterschied, abgesehen von der Tatsache, dass der eine Kettenraucher und der andere begnadeter Champagnertrinker war. Politisch hatten sie das Heu sicher nicht auf derselben Bühne. Giacometti stand den Kommunisten nahe, während Bacon in diesen eine Bedrohung für eine freiheitliche, liberale Gesellschaft sah. Während die Zeichnung bei Giacometti unabdingbare Grundlage für seine Kunst war, zeichnete Bacon nicht, sondern orientierte sich an Fotografien.

Verdammt zu existieren

«Die beiden verbindet das Gefühl der Entfremdung und der Isolation, das unerbittliche Bewusstsein, dass alle von uns armen Sterblichen dazu verdammt sind, in einer Leere zu existieren.» Was Bacons Biograf Michael Peppiat im Katalog beschreibt, wird bereits am Anfang der Ausstellung augenscheinlich. Dort begegnen sich in einer engen Kammer Giacomettis im Käfig hängender Kopf mit viel zu langer Nase und Bacons schreiender Papst, sich in der Leere des Raums auflösend. Schockierende Expressivität beim Jüngeren. Hypnotisierende Stille beim Älteren.

Das Zusammenspiel der so unterschiedlichen und sich doch ergänzenden Positionen – dieser Zweiklang zieht sich durch die gesamte, neun Räume umfassende Schau. Einer ist der Freundin Isabel Rawsthorne gewidmet. Ein anderer zeigt auf, wie Bacon von Giacometti die Käfige, mit welchen dieser den Raum definierte, übernommen hat. Hier die stoisch in sich ruhenden Bronzefiguren, dort vor Qual schreiende Gespenster.

Die unbeantwortete Frage

Es folgt der Raum, der die Porträts thematisiert und als vorletzter jener, der Bacons verstörenden Zyklus zu Aischylos mit Giacomettis dramatischem Spätwerk konfrontiert. Dazwischen liegt ein eigentlicher Festsaal des Existenzialismus. Drei Triptychen und weitere Grossformate von Bacon rahmen die Stehenden und Gehenden von Giacometti. Dabei kommt es zu einem Treffen der Gipsfigur des «L’homme qui marche» mit der aus ihm gegossenen Bronze. Hier zeigt die Fondation einmal mehr, dass sie wie wenige Museen die Kapazität besitzt, bedeutende Werke aus der ganzen Welt zusammenzuführen.

Nach dieser höchst intensiven Schule des Sehens und Schreckens bleibt die Neugierde, wer diesen Ball, den die beiden Künstler in die Runde geworfen haben, irgendwann wieder aufnimmt. Denn ihr Zweifel am Menschen ist zwar brillant formuliert, bleibt jedoch unbeantwortet: Wer und was sind wir eigentlich, wir Gehenden, Stehenden, Liegenden, die ohne Antwort auf die letzten Fragen durch Raum und Zeit driften?

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