«Die Sprachstilistin»
Das charmante Lispeln des Gesundheitsministers

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller erklärt diese Woche, warum sie eine Schwäche für Gesundheitsminister Alain Berset hat.

Odilia Hiller
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Gesundheitsminister Alain Berset ist wortgewandt – trotz kleinem Sprachfehler.

Gesundheitsminister Alain Berset ist wortgewandt – trotz kleinem Sprachfehler.

Keystone

Mit fortschreitendem Eingesperrtsein im Homeoffice und der kaugummiartigen Länge, mit der sich die Pan­demie hinzieht, wächst der Drang, sich nicht durchgehend mit todernsten Themen zu beschäftigen. Darum widmen wir uns heute dem Phänomen Alain Berset. Mit etwas gutem Willen kann das unter Soziolinguistik laufen.

Tatsache ist: Ich werde von meinen Chefs immer wieder verspottet, weil ich eine Schwäche für den Schweizer Gesundheitsminister mit sozialdemokratischem Hintergrund habe. Das hat mit seinen Ansichten allerdings nichts zu tun. Ich bin auch nicht die Einzige: Die Internetsuchmaschine schlägt auf die Frage «Ist Alain Berset...» postwendend «Ist Alain Berset verheiratet?» vor – anscheinend die meistgestellte Frage im Netz (auf die Frage, ob die Suchmaschine mich so gut kennt, dass sie dreist meine Fragen zu antizipieren versucht, wollen wir hier nicht eingehen).

Erst gestern verlor einer meiner Vorgesetzten das letzte bisschen Respekt vor mir, als ich sagte, man solle den Berset in Ruhe lassen, er sei doch so ein Netter. Nun bin ich nicht Bundeshauskorrespondentin, sondern Regionalleiterin in der Ostschweiz. In journalistischer Hinsicht ist der Ausspruch also von geringer Tragweite. Inhaltlich lässt sich sagen: Die Gründe, weshalb Frauen Alain Berset süss finden, liegen nicht im Spiegelbild seiner Glatze oder in den verschmitzten braunen Augen über der Maske.

Nein, es ist sein Accent français im Deutschen. Vielleicht verstärkt durch das reizende Lispeln bei Zischlauten wie «s» und «sch». Berset als gebürtiger Frankophoner schafft es mit seinem recht guten, aber auch leicht gebrochenen Deutsch plus einem leichten Sprachfehler spielend, die Schweizerinnen zu überzeugen, dass es nun wirgglisch wischtig ist, su Ause su bleiben. Und das auch noch nach einem Jahr. Kein Wunder, sind da ein paar neidisch.

Doch halt, DIE Schweizerinnen? Wie geht es eigentlich den Romandes mit Alain Berset? Eine Blitzumfrage bei einem knappen Dutzend welscher Frauen zwischen 40 und 75 Jahren fällt ernüchternd aus. Sinngemäss lauten die Antworten auf die Frage, ob sie den Gesundheitsminister gut fänden: «Hä?!» Die Älteste sagt es so: «Er ist mir schnurzegal.» Eine andere fragt zurück: «Mit oder ohne Maske?» L’indifférence totale, quoi.

Die soziolinguistische Forschung hat mehrfach nachgewiesen, dass Deutschsprachige gegenüber dem französischen Akzent zu einer Art positiver Diskriminierung tendieren. Eine Linguistin der Uni Bern zählt in einer empirischen Untersuchung akribisch die mit dem französischen Akzent verbundenen Assoziationen auf: sympathisch, gut, warm, schön, weich, rund, intim, friedlich . . .

Bedauerlicherweise muss unsere eigene Recherche hier abgebrochen werden. Eine der von uns befragten Welschen sagt: «Wenn du möchtest, frage ich Muriel, seine Frau. Ich kenne sie von früher.»

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