Kultur

Das Bündner Kunstmuseum lädt zum Tanz mit dem Tod

Ein Filmstill aus Daniel Schmids Dokumentarfilm «The Written Face» bildet den Auftakt zur aktuellen Ausstellung im Bündner Kunstmuseum.

Ein Filmstill aus Daniel Schmids Dokumentarfilm «The Written Face» bildet den Auftakt zur aktuellen Ausstellung im Bündner Kunstmuseum.

Chur hat seinen Totentanz wieder. Parallel dazu lädt das Bündner Kunstmuseum zu einem Grenzgang zwischen Liebe, Rausch und Tod.

Der Tod ereilt die Lebenden mit Sicherheit, aber unerwartet. Genauso unerwartet wurde 2020 zum Jahr einer Pandemie, wie sie unsere Welt lange nicht gesehen hat. Aus dieser Warte ist es eine schicksalhafte Fügung, dass Chur in diesem Spätsommer gleich doppelt zur Begegnung mit dem Sensenmann lädt.

Nach Jahren der Planung und Verzögerungen wurde am Wochenende das neue Domschatzmuseum eröffnet. Im Zentrum des vom Bündner Architekten Gioni Signorell konzipierten Baus im bischöflichen Schloss steht der «Churer Totentanz», 25 Tafeln in Grisaille-Malerei, 1543 nach den berühmten Holzschnitten Hans Holbein d.J. erschaffen, jahrzehntelang unzugänglich eingelagert, nun endlich wieder sichtbar.

Das Bündner Kunstmuseum nimmt das Ereignis zum Anlass, den Tanz um Liebe und Tod zu thematisieren. Museumsdirektor Stephan Kunz und der Kurator und Publizist Stefan Zweifel werfen im Neubau des Museums einen lustvoll-erfrischenden Blick auf das Thema.

Ekstase statt Askese

Ihre Schau setzt einen Kontrapunkt zum klassischen, katholisch geprägten Totentanz. Dieser verkündet: Jede und jeder wird einst zum Tanz mit der Endlichkeit geladen und dem Urteil des jüngsten Gerichts unterzogen. Die Ausstellung im Kunstmuseum stellt, ganz der Antike verpflichtet, den Tanz selbst ins Zentrum. Tanz als Ausdruck des Ekstatischen, des Eros und der Todessehnsucht.

Leonard Cohens Song «Dance Me To The End Of Love» gibt den Titel vor. Im Buch zur Ausstellung kommen Heroen des Dionysischen, wie Georges Bataille zu Wort. Co-Kurator Zweifel, De-Sade-­Übersetzer und Surrealismus-­Spezialist, ist selbst ein Experte in Sachen Tod und Erotik in der Kunst. Nietzsche zitierend, schreiben die Kuratoren, Dionysos, der tanzende Gott, sei der Gegenentwurf zum gekreuzigten Christus. Anstatt Askese lehre er Ekstase, sei eine Verheissung des prallen Lebens.

Eine Wunderkammer für Lust, Eros und Tod

Im Foyer des Museums steht eine mit Glühbirnenkranz umrandete Bühne von Felix Gonzales-Torres. Eine Einladung des an Aids verstorbenen, kubanischen Künstlers, zu tanzen, solange man noch kann. Im Souterrain, in der ersten Kammer der Ausstellung, demonstriert Kazuo Ohno, ein japanischer Tänzer, was damit gemeint sein könnte. Der Ausschnitt aus Daniel Schmids Film «The Written Face» zeigt den 88-Jährigen, barfüssig im Wasser stehend, weiss geschminkt, mit Blumen geschmücktem Hut, im Frauenkleid vor der Skyline eines Meerhafens tanzend. Eine ungemein zarte, letzte Umarmung des Lebens und aller Träume, die es einst barg.

Die beiden Werke bilden den Auftakt zum Eintritt in eine Wunderkammer, in welcher die Kuratoren zu einem fulminanten Assoziationsspaziergang mit herausragenden Kunstwerken laden. Klassischer Totentanz und Memento mori schlagen da gleich den Bogen zu Harald Naegelis Totentanz, den er diesen Frühling ans Zürcher Kunstmuseum sprayte. Fotografien mumifizierter Leichen aus den Katakomben Palermos treten in Dialog mit Roman Signer, der das letzte Licht mit einer Campingpumpe löscht, während Bruce Nauman auf einer Violine die Noten D, E, A, D endlos wiederholt.

«Das Ich ist nur bei sich, wenn es ausser sich ist.»

Solch anregende und witzige Gegenüberstellungen bietet die Ausstellung zuhauf. Und sie überrascht mit Trouvaillen, wie den Malereien des dem Wahnsinn verfallenen Tänzers Vaslav Nijinsky. Im selben Raum zelebriert Mary Wigman ihren «Hexentanz», kombiniert mit den Skizzen von Ernst Ludwig Kirchner. Rebecca Horns Stöckelschuhe klappern neben Maurice Béjarts «Boléro». Yves Kleins Abdruck einer nackten Tänzerin trifft auf Gustav Klimts Frauenkörper, die im Meskalin-­Rausch gemalten Notate Henry Michauds auf Jackson Pollock, Hermann Nitsch oder Glenn Gould.

Erotische Miniaturen, Filmzitate und Plattencover, Video, Skulptur, Musik und Malerei variieren die Lust an der Auflösung, die gleichzeitig Lebenslust und Todessehnsucht ist. Über all dem könnte Georges Batailles Zitat stehen: «Das Ich ist nur bei sich, wenn es ausser sich ist.»

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