Kultur

Das Ballett Zürich feiert einen Grossen

William Forsythes Choreografie «One Flat Thing, reproduced» für 20 Tische und 14 Tänzerinnen und Tänzer ist spektakulär.

William Forsythes Choreografie «One Flat Thing, reproduced» für 20 Tische und 14 Tänzerinnen und Tänzer ist spektakulär.

William Forsythe hat mit dem herkömmlichen Ballett gebrochen. Der dreiteilige Abend zu Ehren des Tanz-Avantgardisten ist ein Ereignis.

Der Enkel fragt den Grossvater: «Weshalb gibt es auf dem Plakat mit deinem Namen noch ein Insekt?» Der Grossvater antwortet: «Ich habe Biss.» Nun handelt es sich beim abgebildeten Insekt um eine Mücke – und diese sticht, womit wir den Bogen schlagen können zu bestechend. Dazu würde der Grossvater – am 30. Dezember 70 geworden – wohl nur verschmitzt lächeln. Dabei würden wir William Forsythe doch liebend gerne zuhören, wenn er – wie immer über viele Umwege – von seiner (bestechenden) Kunst erzählt.

Als «grössten lebenden Avantgardisten der Tanzwelt» bezeichnet ihn die «Frankfurter Allgemeine». Forsythe selbst zitiert seine Mutter. Wenn sie ein Stück von ihm gesehen habe, frage sie ihn: «Um Gottes willen, weshalb hast du das gemacht?» Weil er sich seit dem 13. Lebensjahr an keine Zeit erinnern kann, in der er nicht choreografiert hat. Nun feiert das Ballett Zürich den Amerikaner mit Choreografien verschiedener Schaffensperioden: «The Second Detail» wurde 1991 uraufgeführt, «Approximate Sonata» 2016 und «One Flat Thing, reproduced» 2000. Damit tanzt die Zürcher Compagnie völlig unterschiedliche Werke, die exemplarisch aufzeigen, wie sehr Forsythe mit den herkömmlichen Strukturen des Balletts gebrochen hat.

Die Tanzwelt steht Kopf

Hocker sind das Erkennungszeichen der ältesten Choreografie. Sie befinden sich hinten auf der Bühne, während vorne an der Rampe eine Tafel mit dem Wort «The» das Publikum rätseln lässt. Am Ende wird diese umgekippt – und lässt das Wort verschwinden, aber nicht die Aufführung. Denn in Erinnerung bleiben wird, was sechs Tänzerinnen und sieben Tänzer in Weiss vor grau schattiertem Hintergrund getanzt haben: eine am klassischen Ballett orientierte Ordnung, die aber einem Kommen und Gehen; Fallen und Aufstehen unterworfen ist. Spitzentanz? Ja, doch da knicken die Beine auch schon mal ein. Die Gruppenaktionen kontrastiert Forsythe mit abrupten Soli; die Abgänge sind als Schlendern gestaltet, das dem Alltag, aber nicht der Ballettwelt entspringt. Coolness strahlt «The Second Detail» zu Thom Willems an Rummelplatzmusik erinnernden Metallicsound aus. Hat da auch Ekstase eine Chance? Ja. Am Ende drängt eine Tänzerin in Issey Miyakes «White Dress» zur Rampe und tanzt wie von Sinnen.

Die Tanzwelt steht Kopf. Auch in «Approximate Sonata» für vier Paare: die Tänzer in pinkfarbenen Shirts; die Tänzerinnen in schwarz mit Ausnahme einer Kollegin in knallgrünen Hosen. Das Stück zeigt fünf Duette und einen Gruppentanz, die von Anziehung und Ablehnung erzählen – ausgedrückt mit einer Körperhaftigkeit, die jedem Gelenk ein Eigenleben zugesteht. Da wird jede Dehnung, Drehung, jeder Sprung für einen Moment weitergetrieben, als es physisch eigentlich möglich ist: bestechend.

Nicht nur bestechend, sondern beglückend ist die Meisterschaft, mit der die Zürcher Tänzerinnen und Tänzer Forsythes Tanz-Kosmos verstehen und umsetzen: ästhetisch wunderbar, musikalisch und tänzerisch derart präzise, dass man permanent fragen möchte: Wie macht ihr das? Vor allem dann, wenn es um die Choreografie «One Flat Thing, reproduced» geht, zu der Forsythe von der Südpol-Expedition von Robert Scott inspiriert wurde. Auf der Bühne befindet sich eine Versuchsanordnung mit 20 kantigen Tischen: kaltes Material, das Eisberge symbolisiert. Vierzehn Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich, angetrieben von Thom Willems geräuschhaftem Sound, in rasendem Tempo zwischen den Tischen, darauf, darüber und darunter; Frauen und Männer springen, rutschen oder schleifen sich gegenseitig. Das ist ein Unterfangen mit Risiken. Denn Forsythes Hindernis-Choreografie erfordert zweierlei: unglaubliche Präzision und extemes Gespür, um Kollisionen mit Kollegen und harten Tischkanten zu vermeiden. Für das Publikum ist das Ganze ein Nervenkitzel. An ihn wird man sich erinnern – aber stets im Kontext zu den anderen Werken, die Forsythe als einen Grossen der Tanzwelt erkennen lassen.

Nächste Vorstellungen: Opernhaus Zürich: 17., 26., 30., 31. Jan; 1., 7., 14., 21. und 22. Feb.

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