Made in USA
Schweizer Autorin Elisa Shua Dusapin wird zum Literaturstar – was sie mit Frisch und Dürrenmatt verbindet

Wenn unsere Autorinnen und Autoren ganz gross herauskommen, ziehen oft Amerikaner die Fäden. Nach dem Gewinn des National Book Award startet die im Jura lebende 30-jährige Elisa Shua Dusapin jetzt durch.

Julian Schütt 1 Kommentar
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Die erste Schweizerin, die den amerikanischen National Book Award gewonnen hat: die jurassische Autorin Elisa Shua Dusapin.

Die erste Schweizerin, die den amerikanischen National Book Award gewonnen hat: die jurassische Autorin Elisa Shua Dusapin.

Bild: Maurice Haas

Im Literaturbereich wünscht sich kaum jemand amerikanische Verhältnisse. Die US-Buchbranche gilt als hochgradig kommerzialisiert. Buchhandlungen zum Verlieben sieht man in den USA fast nur noch in TV-Serien. In der Netflix-Serie «You» erscheint der Buchhändler allerdings als Psychopath. Fakt ist andererseits: Die marktgetriebenen Amerikaner sind es oft, die der Schweizer Literatur zu Weltrang verhelfen.

Jüngstes Beispiel: Die in der Nähe des jurassischen Porrentruy lebende Elisa Shua Dusapin hat vor kurzem den National Book Award für übersetzte Literatur erhalten – als erste Schweizerin überhaupt. Eine der wichtigsten amerikanischen Literaturauszeichnungen, weniger wegen des eher symbolischen Preisgeldes (5000 Dollar) als wegen des Renommees.

Davor hat im deutschen Sprachraum kaum jemand den Namen Elisa Shua Dusapin gehört. Der Preis garantiert der 30-Jährigen jetzt Ruhm und unzählige Übersetzungen. Ihr einziger auf Deutsch vorliegender und bislang wenig beachteter Debütroman «Ein Winter in Sokcho» erlebt gerade einen zweiten Frühling.

Elisa Shua Dusapin steht in einer ehrenwerten Tradition der Förderung von Schweizer Literatur in den USA: Max Frischs Spätwerk «Der Mensch erscheint im Holozän» hat 1979 in der Schweiz eher lustlose Rezensionen erhalten. Erst als die amerikanischen Medien Hymnen brachten, den Text gar zum «Book of the Year» krönten, kam es auch bei uns zu einem zweiten Rezeptionsschub. Heute gilt «Holozän» allgemein als Frischs bestes Buch.

Hermann Hesse wiederum genoss zwar als Nobelpreisträger Ruhm, aber es war um ihn im Tessin schon etwas stiller geworden, als er neu durchstartete dank des Booms in den USA, wo ihn Hippies, 68er und Pop-Bewegte zur Ikone der Zeit machten. Friedrich Dürrenmatt schliesslich verdankt seinen Weltrang massgeblich den Amerikanern: Erst feierte der Broadway sein Stück «Der Besuch der alten Dame», dann entdeckte Hollywood seinen Roman «Das Versprechen».

Hesse: Trotz des Literaturnobelpreises war es in den Sechzigerjahren um Hermann Hesse im Tessin etwas still geworden, ehe Hippies, 68er, New- Age- und Pop-Bewegte in den USA einen gigantischen Hesse-Boom auslösten.
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Frisch: Der deutschsprachigen Kritik fiel 1979 recht wenig zu Max Frischs Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän» ein. Es brauchte erst amerikanischen Nachhilfeunterricht, ehe sich das Buch auch bei uns als Frischs Meisterwerk durchsetzte.
Dürrenmatt: Er verdankt seinen Weltrang nicht zuletzt den USA: Erst feierte der Broadway Friedrich Dürrenmatts Stück «Der Besuch der alten Dame», dann entdeckte Hollywood seinen Roman «Das Versprechen».

Hesse:
Trotz des Literaturnobelpreises war es in den Sechzigerjahren um Hermann Hesse im Tessin etwas still geworden, ehe Hippies, 68er, New- Age- und Pop-Bewegte in den USA einen gigantischen Hesse-Boom auslösten.

Bild: Getty

Durch die Teilung Koreas wurde ihre Familie auseinandergerissen

Was aber hat die Amis ausgerechnet für so ein feines, leises Werk wie «Ein Winter in Sokcho» eingenommen, geschrieben von einer jungen Autorin mit koreanischen, französischen und Schweizer Wurzeln? Sie selbst vermutet, es könnte mit dem Schauplatz zusammenhängen, an dem ihr Roman spielt: Sokcho ist ein Küstenort in Südkorea. Es ist geschichtlich und politisch belastetes Territorium. Der sichtbare Elektro-Stacheldraht erinnert daran, dass 60 Kilometer weiter nördlich Nordkorea beginnt.

Elisa Shua Dusapin, immer mit Terminen ausgelastet, teilt im E-Mail-Interview mit, sie habe selbst einmal einen Aussichtspunkt im Grenzland zwischen Süd- und Nordkorea besucht, so wie sie es im Roman beschreibt. «Ich fühlte mich als Eurasierin sehr unwohl. Ich hatte den Eindruck, eine Touristin zu sein, aber eigentlich wollte ich die Tragödie des Landes meiner Mutter besser verstehen lernen. Meine Familie wurde durch die Teilung Koreas völlig auseinandergerissen und endgültig getrennt.»

Auch die verschiedenen Identitäten, die bei Elisa Shua Dusapin und in ihrem Roman zusammenkommen, haben die Jury des National Book Award beeindruckt. Ihre Mutter ist Südkoreanerin, ihr Vater Franzose, und sie wuchs zwischen Paris, Seoul und der Ajoie auf. In ihrem preisgekrönten Roman «Ein Winter in Sokcho» bleibt die Hauptfigur bei ihrer südkoreanischen Mutter, arbeitet in einer einfachen Pension, die es in keinen Reiseführer schafft.

Elisa Shua Dusapin: Ein Winter in Sokcho. Aus dem Französischen von Andreas Jandl, Verlag Blumenbar/Aufbau, 144 Seiten.

Elisa Shua Dusapin:
Ein Winter in Sokcho. Aus dem Französischen von Andreas Jandl, Verlag Blumenbar/Aufbau, 144 Seiten.

Bild: zvg

Anders als Shua Dusapin kennt die Protagonistin ihren französischen Vater kaum, weil er die Mutter sitzen liess. Nun nähert sich die erzählende Tochter ihrerseits einem Franzosen an, einem Zeichner, aber zu einer Liebesgeschichte kommt es nicht. Ihr modelnder Ex-Freund «wog und vermass, beurteilte, verglich» sie unentwegt und empfiehlt ihr, die Kataloge einer Schönheitsklinik mit angebotenen Gesichtern zu studieren. Worauf sie ihn fragt, wie sie denn aussehen solle.

Elisa Shua Dusapin sagt im Interview, sie habe 2012 einige Monate lang in Seoul studiert und sei «geschockt» zurückgekehrt. In dieser Riesencity sei die Schönheitschirurgie völlig normal, Frauen wie Männer würden an ihrer naturgegebenen Erscheinung leiden und sich eine neue Identität konstruieren, damit sie einem äusserlichen Ideal entsprechen.

Diese Fragen zwischen Sein und Schein hätten sie, so Shua Dusapin, «obsessiv beschäftigt, weil sie sich weder als Koreanerin noch Französin oder Schweizerin gefühlt habe. «Aber seit ich schreibe, habe ich den Eindruck, meine Identität enthülle sich vor allem mit meinen Büchern als etwas gleichzeitig sehr Fernes und sehr Nahes. Diese mysteriöse Identität hat kaum noch mit geografischen, nationalen oder kulturellen Definitionen zu tun, sie besteht vielmehr aus Bildern und Emotionen.»

Ein Roman wie ein Kugelfisch: zwar giftig, aber eine Delikatesse

Wer Südkorea kennt oder die Serien aus dem Land liebt, weiss, welche fundamentale Bedeutung das Essen dort hat. In Elisa Shua Dusapins Roman gilt die Mutter der Erzählerin als Spezialistin für gefüllte Tintenfische und für den hochbegehrten Kugelfisch, der jedoch besondere Kenntnisse bei der Zubereitung erfordert, weil er in den Eingeweiden ein tödliches Gift enthält.

Der Roman «Ein Winter in Sokcho» ist selbst wie ein literarischer Kugelfisch: im Innern gefährlich, weil uns manche Themen fast bedrohlich nahekommen, aber wir können dieser Lesedelikatesse nicht widerstehen. Gerade beim Schlemmern, so Shua Dusapin, verrät sich in Korea eine «narzisstische Gesellschaft». Der Druck auf das Individuum und seine Präsenz ist gewaltig. Die Kehrseite der Zelebration des Geniessens seien schwere Essstörungen, die man aber verstecke, weil sie tabu sind. Auch darauf geht der Roman ein.

Elisa Shua Dusapin lebt zwischen den Kontinenten, Kulturen und Milieus. Ihr zweiter Roman, «Les Billes du Pachinko» (2018), handelt in Japan, wo das Gewinnspiel Pachinko sehr populär ist. Im dritten Roman «Vladivostok Circus» (2020) geht es um eine junge Kostümschneiderin, die in jenem fernen Zirkus landet.

Sie könne überall schreiben, sagt Shua Dusapin, sie reise aber nicht, um zu schreiben.

«Ich reise eher aus familiären Gründen, denn ich habe ungefähr überall auf der Welt Familie.»

Selbst in der Deutschschweiz, fügt sie hinzu. Ihre Grosseltern mütterlicherseits, die aus Korea geflüchtet seien, hätten das koreanische Haus im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen geleitet. Darum sei sie gerührt, dass sie nun auch im deutschen Sprachraum vermehrt gelesen werde.

Sie beklagt nur, dass dieses Interesse an ihrer Literatur erst nach dem National Book Award erwacht sei und nicht bereits früher, als sie für ihren Debütroman in der Westschweiz immerhin den Robert-Walser-Preis erhalten habe und für das zweite Buch den Schweizer Literaturpreis. «Aber es hat eines internationalen Preises bedurft, damit ich jetzt nicht mehr nur im französischsprachigen Teil, sondern auch in den anderen Sprachregionen der Schweiz beachtet werde.»

- Elisa Shua Dusapin: Ein Winter in Sokcho. Roman.Aus dem Französischen von Andreas Jandl, Verlag Blumenbar/Aufbau, 144 Seiten.
- Elisa Shua Dusapin: Les Billes du Pachinko, Editions Zoé, 2018.
- Elisa Shua Dusapin: Vladivostok Circus, Editions Zoé, 2020

1 Kommentar
lieselotte schiesser

Die Aussage, dass erst Hollywood Dürrenmatts "Das Versprechen" verfilmt und damit Dürrenmatt und das Buch bekannt gemacht hätten, ist Unsinn. Das Buch wurde schon 1958 unter dem Titel "Es geschah am helllichten Tag" als schweizerisch-deutsch-spanische Koproduktion verfilmt. Die Hauptsdarsteller waren Gert Fröbe, Heinz Rühmann und Siegfrit Steiner. Bis zur US-Verfilmung 2001 wurde das Buch noch weitere drei Mal verfilmt: in Italien, in Ungarn, in Deutschland. Und "der Besuch der alten Dame" in New York hat garantiert nichts zu Dürrenmatts Bekanntheit beigetragen. Als "The Visit" kam das Muscal erst 2015 nach New York und wurde dort nur drei Monate lang aufgeführt.

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