Opern-Jungstars aus der Schweiz zeigen, wie man über den Weg im Ausland international Karriere machen kann. Jene der Sopranistin Regula Mühlemann wurde durch Jens Neuberts «Freischütz»-Verfilmung derart rasch lanciert, dass sie die Lehrjahre als Ensemblemitglied an einem Schweizer Haus übersprang. Der Tenor Mauro Peter, wie Mühlemann aus Luzern, kam nach der Ausbildung im Ausland ins Ensemble am Opernhaus Zürich. Dem Basler Tenor Tobias Hächler riet sein Lehrer: Geh ins Ausland! Eine Empfehlung nahm er in Form eines Preises am «Concours Ernst Haefliger» mit, der in der Schweiz jungen Sängern eine Präsentationsplattform bieten möchte.

Den Namen lieh dem einzigen Gesangswettbewerb in der Schweiz der Sänger Ernst Haefliger (1919 bis 2007), zu dessen 100. Geburtstag am 6. Juli die Deutsche Grammophon eine 12 CDs umfassende Edition mit Aufnahmen aus den 50er- und 60er- Jahren herausgibt.

Von Wettingen über Salzburg nach Berlin

Entdeckt wurde Haefligers Talent bei der Lehrerprüfung am Seminar in Wettingen vom Dirigenten Volkmar Andreae. Der gab ihm die Rolle des Evangelisten in Bachs Matthäuspassion und legte den Grundstein für Haefligers Ruf als Bach-Spezialist. Der junge Sänger studierte in Wien und war Ensemblemitglied am Opernhaus Zürich. Die internationale Karriere begann, als Ferenc Fricsay ihn für Orffs «Antigone» an den Salzburger Festspielen engagierte und an die Deutsche Oper in Berlin holte.

So lebte Ernst Haefliger mit seiner Familie in Berlin und später in München, wo er eine Professur an der Musikhochschule erhielt und von wo er seine Karriere als Konzert- und Liedsänger betrieb. Die CD-Edition zeigt die ausserordentliche Vielfalt des Sängers, wobei sich Haefligers schlanker, durchaus kräftiger Tenor in Werken des Barock als klar artikulierte Klangrede, aber auch – bei Mozart – mit betörendem Schmelz entfaltet.

Andreas Haefliger (57) lebt heute als Pianist in Wien, Michael Haefliger (58) wandte sich nach dem Studium der Geige dem Musikmanagement zu und ist Intendant des Lucerne Festival. Wie haben sie ihren Vater und seine Kunst erlebt?

Gesangskunst bis ins Badezimmer

«Natürlich hat es uns geprägt, dass zu Hause höchste Gesangskunst bis ins Badezimmer präsent war», lacht Michael Haefliger: «Mein Vater war kein autoritärer Erzieher, aber als berühmter Künstler hatte er dennoch eine gewisse Autorität. So begann ich Geige zu spielen, als das Instrument unter dem Weihnachtsbaum lag.» Die Besuche von Konzerten seines Vaters hatten für Klein Michael auch etwas Zwiespältiges. Er erinnert sich:

Und korrigiert den Verdacht, dass sein Vater als Bach-Evangelist par excellence privat nicht aus solchen Rollen schlüpfen konnte: «Er war ein sehr lustiger Mensch, kam aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen und hatte auch einen Bezug zur Volksmusik, die er von Davos her kannte.»

Andreas Haefliger führte auf dem Klavier die Kunst des Vaters unmittelbar weiter. Angesprochen auf seinen «singenden» Klavierton meint er: «Dieser wurde für mich schon in meinen Jugendjahren zu einem Ideal. Prägend dafür war wohl, dass ich von meinem Vater als Begleiter hinzugezogen wurde, wenn er Sänger unterrichtete».

Haefligers Karriere vollzog sich, als die historische Aufführungspraxis die Alte Musik zu revolutionieren begann. «Mein Vater war als Evangelist eine unbestrittene Autorität», sagt Michael Haefliger dazu: «Aber er hat diese Entwicklung zum Anlass genommen, um sich künstlerisch noch einmal weiterzuentwickeln. Ein Beispiel dafür sind die Liederzyklen von Schubert, die er mit Ewald Dähler am Hammerflügel noch einmal – bei Claves – aufgenommen hat.»

Schubert-Lieder «in einer Klasse für sich»

Aber auch für die DG-Aufnahmen der «Schönen Müllerin», von «Winterreise» und «Schwanengesang» gilt, was Sängerpapst Jürgen Kesting über Haefligers Schubert-Zyklen schreibt: Sie sind «in einer Klasse für sich» und gehen im differenziert artikulierten, aber ganz ungekünstelten Ausdruck direkt ins Herz.

Mit gutem Grund widmet die Edition sechs CDs dem Liedinterpreten Haefliger. Bei Bach hebt sich sein wendig-schlanker Ton ab vom üppigen Bach-Orchester unter Karl Richter. Lieder von Machaut mit der Schola Cantorum sind ein interessantes Dokument zu den Anfängen der historischen Aufführungspraxis, ein Höhepunkt die Auszüge aus Mozart-Opern unter Fricsay. Dramatisches Feuer zeigt Haefliger weniger in Opern von Verdi oder Massenet als in Janáceks kantig interpretiertem «Tagebuch eines Verschollenen» – auch in deutscher Sprache eine Entdeckung.