Corona
Nach der erneuten Öffnung: Premierenflut, Schweigen und Unsicherheit

Ab Montag dürfen wieder 50 Leute in den Kinos, Theater und Konzertsälen sitzen. Ob das gut ist, da scheiden sich die Geister.

Christian Berzins
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Der Monolog nach «Drei Schwestern» von Anton Tschechow wurde als Stream für die Kamera konzipiert.

Der Monolog nach «Drei Schwestern» von Anton Tschechow wurde als Stream für die Kamera konzipiert.

Schauspielhaus Zürich

Nichts ist gut, wenn ab Montag wieder 50 Leute in die Konzertsäle, in die Theater und in die Kinos dürfen. Es ist für fast alle Institutionen zu wenig, um zu leben. Egal: Vielerorts ist eine trotzige Euphorie zu beobachten, einzelne Häuser kündeten noch am Mittwochabend eine wahre Premierenflut für April und Mai an.

Konzert und Theater St. Gallen etwa verschickte am Donnerstag schon um 18.15 Uhr eine Mitteilung, die den Titel «Freude über Lockerungen» trug. Das Theater, wo Schauspiel und Oper gleichberechtigt sind, sieht nun endlich wieder Perspektiven für den Kulturbetrieb. Allerdings bedauert das Leitungsteam, dass die starre Limite von 50 Zuschauern bleibe und die Zuschauerzahl nicht der Grösse des Raumes angepasst werden können.

Wie auch immer: Am 20. April spielt man «König Lear», drei Tage später folgt das Tanzstück «Cinderella» und am 8. Mai die Oper «Florencia en el Amazonas» – in einer Nebenspielstätte zeigt man am 27. 4. «Die Orestie (revisited)». In Basel, Bern und Luzern ist ein ähnlicher Effort zu sehen, das Luzerner Theater zeigt im April gleich vier Produktionen: «Kunst», «Schilten», «Così fan tutte» und «Das schlaue Füchslein» im April, zwei weitere im Mai.

Gibt es eine Verpflichtung, jetzt zu spielen?

Gewisse Institutionen wurden vom Entscheid überrascht, ja auf dem falschen Fuss erwischt. «Müssen wir jetzt tatsächlich wieder spielen?», wird sich manch eine künstlerische Leiterin sogar gefragt haben. Es gibt durchaus einen Druck. Oder gar eine Verpflichtung. Wer nämlich wie das Opernhaus Zürich 80 Millionen Subventionen erhält, sollte mit seinem Ensemble ein paar Piepser für die Öffentlichkeit hinbringen. Doch eine Ilona Schmiel, Intendantin des ebenfalls hochsubventionierten Tonhalle-Orchesters Zürich, hatte im Dezember noch gesagt: Für 50 Leute zu spielen, ist wirtschaftlich ein Unsinn. Nun aber, bereits nächste Woche, spielt selbst das beste Orchester der Schweiz für 50 Leute.
Nicht nur wirtschaftlich. Sollen 300 Leute für 50 Gäste – oder für 15 Leute, wie es in Basel im Herbst 2020 der Fall war – eine Oper aufführen? Eher «nein». Schon allein die Frage, wer dann rein darf, ist nicht zu lösen. Wo normalerweise 1800 (KKL) sitzen, sollen nur 50 hin? Welche 50? 50 von 1000 Abonnenten? 20 Mäzene? 30 Sponsoren? Oder gehen noch 10 Karten in den freien Verkauf?

Der Druck, endlich wieder zu spielen, bestraft jene Institutionen, die früher gut gewirtschaftet haben: Wer (auch) von den Zuschauern lebt, von Zehntausenden, ja Hunderttausenden, dem fehlt zu viel Geld in der Kasse, der bleibt besser in Kurzarbeit. Wer sowieso das Haus nicht vollbrachte, aber Millionen von Subventionen erhielt, der kann ohne grossen Schaden spielen.

Bei vielen herrscht auch die Angst, dass alles noch vor den Sommerferien wieder anders wird, so wie im Herbst 2020. Man startet furios wieder, stellte gar wie das Luzerner Sinfonieorchester ein grosses Solidaritätsprogramm für freie Musiker auf die Beine, spielte zwei Konzerte – und sagte alles wieder ab. Und jetzt wieder alles hochfahren, bis die Infektionszahlen erneut steigen?

Da kommt erneut die Frage auf, die wir im Herbst hin und her gedreht haben: Die wöchentlichen Änderungen erfordern ein dauerndes Umplanen. Das Schauspielhaus Zürich hatte am Donnerstag Tschechows «Drei Schwestern» – oder eine Adaption – auf den Stream ausgerichtet: «Die Livekamera aus dem Pfauen wird zur intimen Zeugin eines Gangs in die Einsamkeit.» Und nun dürfen ab Montag 50 Besucher diese für die Kamera – oder für die Füchse? – produzierte Aufführung sehen.