Auszeichnung

Cornichon-Gewinnerin Uta Köbernick: «Ich bleibe oft in der Rolle der Fragenden»

Uta Köbernick: Laut sein ist nicht so ihr Ding.

Uta Köbernick: Laut sein ist nicht so ihr Ding.

Spätestens seit ihren Auftritten als in Michael Elseners inzwischen abgesetzer Late-Night-Show ist Uta Köbernick kein Geheimtipp mehr. Jetzt erhält die Berlinerin und Wahlzürcherin den Cornichon der Oltner Kabaretttage.

«Ich singe Lieder und sage Sachen», pflegt Uta Köbernick (44) zu sagen, wenn sie sich ihrem Publikum auf der Bühne vorstellt. Mit Lakonie bringt sie ihr Tun damit auf wundersame Weise auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Denn die vielseitig talentierte Künstlerin kann viel, interessiert sich für viel und ist viel weniger zu schubladisieren als mancher Kollege aus dem Humorfach, der aus seiner Komik eine unverwechselbare Marke gemacht hat. Dass sich um Uta Köbernicks Name die Legende gebildet hat, er sei ein Künstlername, der auf ihren Geburtsort, den Berliner Stadtteil Köpenick, anspiele, nimmt sie mit Humor. «Einen so komplizierten Künstlernamen hätte ich mir nie zugelegt.»

Die Liedermacherin und Kabarettistin, die mit Gitarre und ihrer Stimme im Gepäck seit über fünfzehn Jahren durch die Kleinkunstszene des deutschsprachigen Raums tourt und Musik veröffenlicht – 2011 gewann sie den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, 2016 den Salzburger Stier –, betrinkt sich an den nüchternen Fakten über unsere himmelschreiend ungerechte Welt. Kocht aber nie über. Ihre letzten Programme «Grund für Liebe – politisch, zärtlich, schön» (2015) und «Ich bin noch nicht fertig» (2018) sind grollfreie Zonen. Es sind Einladungen, über die Welt nachzudenken. So freundlich, dass ihr wohl noch ein Donald Trump wie ein zahmes Tier aus der Hand fressen würde.

Zeigefinger-Kabarett behagt ihr nicht

«Ich bleibe oft in der Rolle der Fragenden», sagt Uta Köbernick in einem Zürcher Café nahe der Kalkbreite, gleich gegenüber dem Gitarrenladen ihres Vertrauens. Im Gespräch dreht und wendet sie jeden gesprochenen Satz, hinterfragt ihn, formuliert ihn neu. Eine Angewohnheit, die sie, so versichert sie einem, manchmal in Wahnsinn treibe. Die aber genau das Geheimnis hinter ihren aphoristischen, genialen Bühnen- und Liedertexten zu sein scheint. Nie jagen sie einer Pointe hinterher. Lieber denken sie drei- bis viermal um die Ecke. «Ich will nicht agitieren. Wenn man politisches Kabarett macht, ist man so schnell in diesem Zeigefingermodus, bei der Parole», sagt sie. Auf der Bühne explizit politisch ist die Künstlerin erst seit ungefähr fünf Jahren «Ich musste erst mal einen Weg finden, diesen Anspruch in meine Sprache zu übersetzen», erklärt sie. Gelungen ist ihr das etwa mit dem Stück «Zäune bauen», einem Kommentar auf die Abschottungsmentalität Europas während der Flüchtlingskrise, so beschwingt und luftig wie ein Sommertag klingend, baut ein Paar darin in intimer Zwiesprache mit besten Absichten Zäune, als wären es Sandburgen an Urlaubsstränden.

Spröde Bühnenkunst klappt im Fernsehen nicht

Seit Uta Köbernick in der abgesetzten Late-Night-Show von Michael Elsener in Rollen wie die der Europa-Expertin Antje März, die der Oktoberfestangestellten Trixi Schmidt die Deutschen-Klischees rauf und runter dekliniert hat, und in der deutschen «Anstalt» auftritt, hat ihr Bekanntheitsradius sich massiv vergrössert. Dass sie mit diesen Fernsehrollen zu ihren schauspielerischen Wurzeln zurückgekehrt ist, sich verwandelt, statt sich ungeschützt auf der Bühne dem Publikum zu präsentieren, hängt auch damit zusammen, dass ihre manchmal spröde Bühnenkunst im Fernsehen einfach nicht so gut funktioniert. «Im Fernsehen sehen meine Pausen und Versprecher aus wie Fehler», so Köbernick. Inzwischen hat sie sich mit ihrem Figurenkabarett angefreundet: «Eine Figur darf falsch liegen, kann Widersprüche anders zeigen. Es macht Spass, so von sich wegzugehen.»

Ums Jahr 2000 herum kam Uta Köbernick für ihre Schauspielausbildung nach Zürich. Wie schon in Berlin trat sie hier nebenher auf offenen Bühnen auf. Dass sie im Humorbetrieb gelandet ist, war Zufall und Glück in einem. «Ich habe nie auf die Pointe hingeschrieben, sondern das gemacht, was mich interessiert hat. Und das hatte nun mal humorvolle Anteile.» Mit den Kleinkunstbühnen hat sie nun ein Dach für ihre Kunst. Das schenkt ihr eine Autonomie, die sie zu schätzen weiss.

Sachbücher zur Quantenphysik als Ausgleich

Aufgewachsen ist Uta Köbernick in der DDR. «Ich hatte das Glück des Zeitpunkts. In der DDR genoss ich eine sehr umfängliche musikalische Ausbildung. Und die war unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Violine, Klavier, Orchester, Gehörbildung, Musiktheorie, Stimmbildung – das könnte ich heut als Mutter in der Schweiz gar nicht bezahlen. Als dann die Mauer fiel, konnte ich für meinen weiteren Weg davon natürlich profitieren. Ich war jung und mir stand auf einmal viel offen, genau in dem Moment, als ich die Welt gross und frei wollte.»

Vor wenigen Jahren entdeckte sie die Naturwissenschaften, verschlang Sachbücher zur Quantenphysik, zur Genetik, berauschte sich an der Präzision der Mathematik und legte sich eigene Glossare für Fachbegriffe an. «In den Naturwissenschaften ist der Bereich des Nichtwissens besser abgegrenzt. Das finde ich irgendwie schön. Bei politischen Diskussionen würde ich mir das manchmal wünschen», sagt sie und erinnert sich daran, wie ein ihr zuerst sehr sympathischer Berliner Taxifahrer kürzlich auf einer Fahrt durch Kreuzberg unvermittelt rassistische Parolen ausrief. In solchen Fällen wäre es einfacher, als Mathematiker die Menschen auf Logikfehler in ihrer Argumentationskette hinzuweisen. Aber solange das nicht geht, wird Uta Köbernick einfach weiterhin mit ihrer Bühnenkunst versuchen, wenigstens die eine oder andere Weltschieflage geradezurücken.

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Autor

Julia Stephan

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