Comicroman
Die Schweizer Comiczeichnerin Lika Nüssli erzählt die Kindheit ihres Vaters als Verdingbub

Wie ein Kind zum Ding wird: Lika Nüssli legt nach ihrem Comicroman über ihre demente Mutter nun ein zweites Familienbuch vor. In langen Gesprächen mit ihrem Vater erfuhr sie von seinem Schicksal als Verdingbub.

Bettina Kugler
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Die St.Galler Künstlerin Lika Nüssli.

Die St.Galler Künstlerin Lika Nüssli.

Bild: Tobias Garcia

Edel wirkt das Buch, in grossem Format, der Titel goldgeprägt, in Schreibmaschinenschrift: Er ist eine Anspielung auf die Senntumskultur, die goldenen Gürtelschnallen, aber erinnert auch an Akten, das Dossier Ernst Nüssli, der als Elfjähriger vom elterlichen Hof im Toggenburg weggeschickt wird, als Verdingbub die grosse Familie miternähren muss. Zum Spielen hat er wenig Zeit, im ersten Jahr darf er nicht einmal am Heiligabend nach Hause.

Harter Winter im Toggenburg.

Harter Winter im Toggenburg.

Bild: Edition Moderne

Schläge ist er gewohnt, Hunger ebenfalls: Ein ganzes Spiegelei für sich wünscht er sich einmal zum Geburtstag. Dennoch zeichnet Lika Nüssli in ihrem neuen Buch «Starkes Ding» (Edition Moderne) die Kindheit und Jugend ihres unterdessen 85-jährigen Vaters Ernst ohne Anklage.

Lika Nüssli: Starkes Ding. Graphic Novel. Edition Moderne, 232 S.

Lika Nüssli: Starkes Ding. Graphic Novel. Edition Moderne, 232 S.

Zvg / Aargauer Zeitung

Mit der naiven Selbstverständlichkeit des Buben, der er war. Bei allem, was aus heutiger Sicht als Zumutung, Zucht, Missbrauch, gestohlene Kindheit erscheint – ihr Blick liegt auf der Stärke, der unzerstörbaren Würde, der Resilienz. Und auf der Realität bäuerlichen Selbstversorgerlebens noch vor siebzig, achtzig Jahren in der Schweiz.

Inspiriert hat Lika Nüssli dabei ein Buch mit Senntumsmalerei, sie bleibt jedoch ihrem Comicstil treu. Das hebt die Geschichte aus ihrer Zeit heraus und leuchtet zugleich mit extrem reduziertem Strich in die Psyche des Buben – ohne darüber ein Wort in der Schnüerlischrifterzählung und den Sprechblasen verlieren zu müssen. Stattdessen werden einzelne Körperteile, die abstehenden Ohren, die Tschudelfrisur, der vom Meister malträtierte Hintern zu Seismografen der kindlichen Seele.

Gequält und zur Arbeit getrieben: Der Verdingbub.

Gequält und zur Arbeit getrieben: Der Verdingbub.

Bild: Edition Moderne

Buchvernissage: Kunstmuseum St. Gallen. Sonntag 27.3., 11 Uhr, im Rahmen des Literaturfestivals Wortlaut.