Literatur

Colm Tóibín erzählt das antike Drama um Orest und Elektra als Flüchtlingsgeschichte im Nahen Osten

Colm Toibin. (Bild von 2012)

Colm Toibin. (Bild von 2012)

Der irische Schriftsteller Colm Tóibín erzählt das antike Drama in seinem neuen Roman «Haus der Namen» so modern und faszinierend, dass man sich mitten in der Aktualität zwischen Terrorfronten im Nahen Osten wähnt.

Drei Jungen fliehen aus der Geiselhaft: «Leandros sprach Mitros sanft an und sagte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er ein Bett zum Schlafen und etwas zu essen und Wasser hätte. Er müsste nur noch dieses letzte Stück gehen. Orestes konnte jetzt auf zwei Seiten das Meer sehen; sie bewegten sich auf das Ende des Festlandes zu. Er wusste, wenn es hier kein Haus gab oder nicht wenigstens einen Brunnen oder eine Quelle, waren sie erledigt, und sie würden wieder umkehren müssen.» So beschreibt der irische Autor Colm Tóibín die Situation der Flüchlinge. Umkehr ist keine Option. Sie würden ihren Entführern direkt in die Arme laufen und sterben – Mitros, der Schwächste von ihnen, zuerst. Also vorwärts.

Leandros und Orestes schlagen zwei zähnefletschende Hunde tot und man denkt unweigerlich an den dreiköpfigen Zerberus, der am Eingang zur antiken Unterwelt wachte. Tatsächlich gibt es noch einen dritten Hund, der das Haus bewacht, zu dem die drei Jungen schliesslich gelangen. Dort lebt eine alte Frau, die sie aufnimmt und sich um Mitros kümmert, welcher wiederum Freundschaft schliesst mit dem Hund. Die beiden anderen werden weitab von den politischen Wirren der Welt erwachsen und so stark, dass sie selbst vor der Liebe zueinander nicht zurückschrecken.

Drei tragische Figuren, drei Akte

Konkrete Orts- oder Zeitangaben gibt es im Roman «Haus der Namen» nicht. Der antike Mythos um den Königssohn Orestes schwingt in der von Tóibín weitergesponnenen Geschichte mit, doch zuweilen wähnt man sich beim Lesen zwischen den Terrorfronten des Nahen Ostens oder in einer jener Zukunftsdystopien, die momentan in Mode sind. Man nennt solche Literatur «zeitlos», doch das Wort trifft es in diesem Fall nicht ganz.

Obwohl die Sprache ruhig und von tragender Eleganz ist, wirkt das Erzählte stets drängend aktuell, intensiv, bedrohlich. Dabei ist das Schicksal von Orestes eng verknüpft mit dem seiner Mutter Klytaimnestra und seiner Schwester Elektra. Jeder dieser drei Figuren ist ein Akt gewidmet. So erfährt man, warum Klytaimnestra ihren Mann, den König Agamemnon, umgebracht hat und wie sich die verschmähte Tochter Elektra an ihr rächen wird. Nur einer fehlt noch im Komplott: Orestes. Das Narrativ der Heldenreise gebietet ihm, zurückzukehren.

Buchhinweis: Colm Tóibín: Haus der Namen. Roman, Hanser, 304 Seiten.

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