Am 26. April 1986 ereignete sich eine Explosion in der Nähe der nordukrainischen Stadt Prypjat. Die Bewohnerinnen und Bewohner traten aus ihren Häusern, um das Feuer und das himbeerfarbene Leuchten am Himmel zu bestaunen. Die meisten von ihnen arbeiteten im Kernkraftwerk Tschernobyl, das nur vier Kilometer ausserhalb der Stadt lag.

Niemand von ihnen ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass sich vor ihren Haustüren der schwerste Unfall in der zivilen Nutzung der Atomenergie abspielte. Just am selben Tag vor dreiunddreissig Jahren kam unweit von Stuttgart die Schauspielerin Yanna Rüger zur Welt. Hier der Tod, dort das Leben.

Diese zufällige Verstrickung von zwei Ereignissen steht am Ausgangspunkt der Inszenierung «Chronik der Zukunft», die mit Yanna Rüger auf der Tuchlaube-Bühne am Mittwoch in Aarau aufgeführt wurde. Das Theaterstück basiert auf dem Buch «Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft» (1997) der weissrussischen Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch.

Die Autorin hat über einen Zeitraum von zehn Jahren mehr als fünfhundert Beteiligte der Katastrophe interviewt. Die individuellen Gespräche mit Ärzten, Bauern, Physikern und sogenannten «Liquidatoren» – zwangsverpflichtete Aufräumarbeiter – hat Alexijewitsch schliesslich zu einer Art Collage von Tschernobyl zusammengefügt.

Facetten des Grauens

Aus dem Buch der weissrussischen Autorin haben Yanna Rüger und Regisseur Tom Schneider sieben Gespräche für ihre Inszenierung ausgewählt. Rüger, von 2013–2016 Ensemblemitglied am Theater Neumarkt Zürich, gibt die Erzählungen auf der Bühne vor einem Mikrofonständer und mit ruhiger Stimme wieder.

Hier und da nimmt sie kleine Veränderungen in ihrer Erzählweise vor, um den einzelnen Menschen Konturen zu verleihen. Ansonsten ist die Schauspielerin mehrheitlich zurückhaltend und lässt die Aussagekraft des Textes für sich wirken.

Eine ältere Frau erzählt etwa, wie sie damals Klumpen von radioaktiv verseuchtem Material in ihrem Garten vorfand und nach der Evakuation trotzdem in die Sperrzone zurückkehrte. Eine Gruppe von Jägern beschreibt, wie sie die herumstreunenden Haustiere aus nächster Distanz erschiessen mussten, und eine Mutter berichtet von ihrem Mädchen, das mit schweren Fehlbildungen auf die Welt kam.

Es sind Geschichten, die dem Zuschauer durch Mark und Bein gehen und das ungeheuerliche Ausmass der Tschernobyl-Katastrophe verdeutlichen.

Eine Puppe gegen das Pathos

Zweifelsohne musste das Team des Theaterstücks vor der Frage gestanden haben, wie sich ein Ereignis in der Grössenordnung von Tschernobyl auf die Bühne bringen lässt. Wie kann man das Leid und die Zerstörung nicht nur auf der textlichen Ebene, sondern auch auf der bildnerischen und inszenatorischen Ebene wiedergeben? Die Gefahr, dass man dabei die Katastrophe verharmlost oder gar in Pathos verfällt, ist gross.

Die Lösung fällt genau so originell wie ungewöhnlich aus: Auf der Bühne wird Yanna Rüger von einem Puppen-Double unterstützt, das der Schauspielerin aufs Haar gleicht. Die Puppe wurde eigens für das Stück vom Puppenbauer Markus Kolb geschaffen, der sie während der Inszenierung mit viel Feingefühl führt.

Eine Livekamera (Benjamin Burger) ist auf die Puppe gerichtet und projiziert Kolbs Spiel auf eine Leinwand (Video: Heta Multanen). Während Rüger also den Menschen aus Alexijewitschs Geschichten eine Stimme verleiht, sieht man hinter ihr zeitgleich das Puppenspiel.

Gemäss Pressemitteilung soll das Puppenspiel nicht als reine Bebilderung von den Einzelgeschichten verstanden werden, sondern als eigenständige Geschichte. Tatsächlich entsteht durch Kolbs Spiel und mithilfe von einfachen Requisiten auf der Leinwand ein eigener Kosmos. Eine Erzählung, die von Stonehenge aus über Bilder aus Science-Fiction-Referenzen führt und in einer post-apokalyptischen Landschaft endet. Wie die Erzählung der Schauspielerin und ihres Puppen-Doubles genau zueinander stehen, ist nicht ganz schlüssig.

Am Ende hat der Zuschauer mehr Fragen als Antworten. Doch ähnlich wie bei Alexijewitschs Buch steht im Stück weniger eine faktische Rekonstruktion der Ereignisse im Vordergrund, sondern vielmehr die «Rekonstruktion des Gefühls». Und so verlässt man den Theatersaal, getragen von schaurig-schönen elektronischen Klängen (Thomas Jeker), mit einer Mischung aus Verzauberung und Schwermut. Verzaubert ob unserer fragilen Existenz und schwermütig ob unserer eigenen Fähigkeit, sie zu zerstören.

«Chronik der Zukunft» Fr., 15. März, und Sa., 16. März, 20.15 Uhr, Theater Tuchlaube Aarau. www.tuchlaube.ch