Interview

Chris von Rohr über das Krokus-Ende, sein Leben und seine Karriere: «Wir haben schon wenig ausgelassen»

Der 68-jährige Solothurner Chris von Rohr ist mit 16 Millionen verkauften Tonträgern der erfolgreichste Rockmusiker der Schweiz.

Der 68-jährige Solothurner Chris von Rohr ist mit 16 Millionen verkauften Tonträgern der erfolgreichste Rockmusiker der Schweiz.

Krokus zieht den Stecker. Vor dem letzten Schweizer Konzert legt Chris von Rohr seine 600-seitige Autobiografie «Himmel Hölle Rock’n’Roll» vor. Ein Gespräch über sein Leben und seine Karriere.

«Hallo, ich bin Jewel!» Im herrschaftlichen Haus an der Loretostrasse in Solothurn empfängt mich eine hübsche junge Frau. «Möchten Sie Mountain Tea? Er ist sehr gut», sagt sie.

Es ist Chris von Rohrs 18-jährige Tochter, seine Jewel. «Daddy kommt gleich», sagt sie und strahlt. Wir sitzen am Tisch in der Wohnstube. Gleich daneben das Klavier, auf dem der Gotthard-Hit «Heaven» komponiert wurde.

Sie wohnen in einem herrschaftlichen Patrizierhaus und tragen ein Adelsgeschlecht. Sind Sie ein heimlicher Royalist?

Chris von Rohr: Wenn die Monarchie wie in England geführt wird, wo Queen Lizzy eine ehrwürdige Haltung zelebriert, ist das ja noch okay. Aber wenn sie gegen den Willen des werktätigen Arbeiters installiert ist, dann sicher nicht. Monarchien haben zwar was Showbusinessartiges, sind aber nicht mehr die zeitgemässe Regierungsform. Und für mein Von vor dem Rohr kann ich nichts. Das ist verarmter Landadel. Einer meiner Vorfahren soll diesen Titel von einem Blaublüter erhalten haben, weil er seine Tochter an den Haaren aus dem Sumpf gezogen und ihr das Leben gerettet hat.

Dann sind Sie also doch ein überzeugter Demokrat. Aber Krokus führen Sie nicht gerade demokratisch, oder?

Nein, bei Krokus herrscht keine Basisdemokratie. Das haben Fernando (von Arb), Marc (Storace) und ich 2008 so beschlossen. Rockbands, die das probieren, fallen schnell wieder auseinander. Es braucht einen Oberhirten, der erfolgsorientiert führt, aber natürlich auch Verantwortung übernehmen muss, wenn’s nicht läuft. Als Alphatier und Motivator liegt mir diese Rolle von Natur aus im Blut. Aber das bedeutet vor allem viel mehr Arbeit und heisst übrigens auch nicht, dass die anderen Mitmusiker nichts zu melden haben.

Was wären Sie lieber, Louis XIV. oder Robespierre? König oder Rebell?

Puh... keines. Ich war und bin schon immer ein Art Freiheitskämpfer, ein romantischer Hippierocker.

Was ist der Ursprung Ihres Rebellencharakters?

Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen. Aber wenn du damals, in deiner Jugend, nicht der Norm entsprochen hast, wurdest du sofort als Gammler ausgegrenzt oder angefeindet. Alle Leute um mich herum wollten mir ständig weismachen, was richtig und was falsch sei. Ich konnte es zwar noch nicht artikulieren, merkte aber instinktiv, dass das für mich nicht stimmte. Der Rock’n’Roll hat mich gerettet. Er hat mir gezeigt, dass es tatsächlich noch eine andere Welt da draussen gab. Mit Menschen, die wie ich dachten und fühlten. Also Rock’n’Roll aus Notwehr.

Ihre rebellische Ader ist in der Schule gewachsen. Sie waren ein Schulversager. Was lief falsch?

Die Schule war totalitär. Eine Diktatur. Ich bin jeden Tag mit einem Gefühl der Angst und Ohnmacht in die Schule. Die Lehrer trugen den Aggro-Frust in sich und haben Fehler mit Ohrfeigen bestraft. Die Schule war ein Kampfgebiet, in dem ich zehn Jahre meines Lebens verschwendet und verloren habe.

Chris von Rohr und seine Tochter Jewel in London am  7. September 2019.

Chris von Rohr und seine Tochter Jewel in London am 7. September 2019.

Ihre Tochter hat die Steiner-Schule besucht. Ist die Situation heute nicht besser?

Klar, teilweise. Es ist jedoch skandalös, dass die reiche Schweiz in der Bildung keine wirkliche Wahlfreiheit bietet. Keine staatlich unterstützte Schulvielfalt wie in den nordischen Ländern. Ich finde es störend, dass nur privilegierte Leute wie ich ihren Kindern eine massgeschneiderte Ausbildung in Steiner-, Montessori- oder anderen Privatschulen bieten können. Noch heute sind Schüler überforderten Lehrern und Lehrer oft unfähigen Schulleitern ausgeliefert. Der deutsche Philosoph David Richard Precht formuliert es so: Unsere Schulen sind vom letzten Jahrhundert, Lernfabriken, die Kreativität töten. Dabei sind die Kinder unser Kapital, unsere Zukunft. Sie haben die bestmögliche Ausbildung verdient. Wie überall braucht es Konkurrenz, Vielfalt, Wahlmöglichkeit und nicht ungesunde Monopole. Da sind uns die Skandinavier um Jahrzehnte voraus.

Am 7. Dezember kommt es im ausverkauften Hallenstadion zum grossen Finale. Ist nachher mit Krokus wirklich Schluss?

Vor zwei Jahren haben Fernando und ich den Entschluss gefasst, dass wir uns auf dem Höhepunkt verabschieden. Dass uns die Leute in Bestform in Erinnerung behalten. Dabei haben gesundheitliche Überlegungen eine massgebliche Rolle gespielt. Diese Abmachung gilt immer noch. Doch ich sage Ihnen, Künzlenstein, wenn wir so fit bleiben sollten, wie wir jetzt sind, dann wird es verdammt schwierig, diesen Plan einzuhalten.

Die Band Krokus bei einem Konzert im Juni 2019 mit grossem Pomp am Rockfest Barcelona.

Die Band Krokus bei einem Konzert im Juni 2019 mit grossem Pomp am Rockfest Barcelona.

Ist das der Rückzug vom Rückzug?

Nein! Wir versuchen uns an unsere eigene Vorgabe zu halten. Aber ehrlich, wir haben ja keine Hobbies (lacht), und Musiker bist du ein Leben lang. Zum Glück dürfen wir 2020 noch unseren Amigos in Mexiko, Amerika, Kanada und England Adios sagen. Danach soll Schluss sein. Aber ich werde hier keine Versprechen für die Ewigkeit abgeben. Wie heisst es doch so schön: Willst du den Herrgott zum Lachen bringen, dann erzähl ihm von deinen Plänen.

Fernando von Arb hatte gesundheitliche Probleme. Und Sie?

Ich bin okay. Wobei: Vor zwei Wochen fiel ich in Kreta aus der Hängematte. Das war mein Keith-Richards-Moment, der in den Ferien einmal von einer Palme stürzte. Resultat: Ich musste mich notfallmässig einer Ellbogen-OP unterziehen. Ja, es kann sehr schnell gehen. Der Wind dreht, und die böse Hexe erscheint.

Was ist die wichtigste Erkenntnis in Ihrer Karriere?

Von nix kommt nix. Nachhaltiger Erfolg ist nur durch knallharte Arbeit und hartnäckiges Dranbleiben zu erreichen. Gott steckt im Detail. Aber das Wichtigste, und das müssen wir auch unseren Kindern vermitteln: Man darf hinfallen. Pleiten sind erlaubt, solange man wieder aufsteht, die Spur wieder aufnimmt und seinen Traum weiterverfolgt. Rückschläge und Niederlagen gehören zum Leben und sind als Chancen zu sehen. Was wäre aus mir geworden, wenn es damals in den Achtzigern den Bruch mit Krokus nicht gegeben hätte? Erst dadurch konnte ich mich entwickeln, neue Wege einschlagen und den ganzen Regenbogen erkunden: mit Schreiben, Komponieren, Radio, Fernsehen und andere Musiker produzieren.

Sind Sie eigentlich reich? Und ich meine damit nicht reich an Erfahrung.

Im Vergleich zu einem Milliardär habe ich ein Juniorvermögen. Im Vergleich zu einem Arbeitslosen bin ich very reich. Ich müsste jedenfalls nicht mehr arbeiten. Ich lebe zwar in einem tollen Schlössli, aber relativ bescheiden. Ich habe aufgehört, Autos und teure Uhren zu kaufen. In der Schweiz leben viele in einem unglaublichen Überfluss, schauen aber nicht gerade glücklich aus der Wäsche. Material kann die Seelenlöcher nicht füllen.

1979 präsentierte sich die Band, vier Jahre nach der Gründung, noch jung und rebellisch.

1979 präsentierte sich die Band, vier Jahre nach der Gründung, noch jung und rebellisch.

Im Buch sprechen Sie von Utopia in Loveland. Wie sieht das aus?

Das ist ein lebenslanges Forschungsfeld. «An ihren Frauen werdet ihr sie erkennen», lautet ein von mir abgewandelter Bibelspruch. Ich bin eher ein Frauenmann als ein Männermann. Frauen haben mich immer inspiriert, und ich hatte das Glück, mein Leben mit fantastischen Frauen zu teilen. Sie machten mich zu einem besseren Menschen. Für viele war es aber nicht immer einfach, dass ich mit der Musik eine so starke Geliebte hatte.

Sie zitieren Albert Hammond: «I gave it up for music and the free electric band». Was haben Sie aufgegeben?

Einige meiner Beziehungen sind in die Brüche gegangen, weil die Partnerschaft nicht mit meiner Musikerkarriere vereinbar war. Dazu kommt: Manche Männer suchen ein Leben lang nach der Richtigen. Ich versuche ein Leben lang die Richtige zu vergessen. (lacht) Dass es mit der Mutter von Jewel einfach nicht geklappt hat, betrachte ich als meine grösste private Niederlage. Das ging mir sehr nahe. Meine Tochter musste zum Glück nicht gross darunter leiden, weil wir immer getrennte Haushalte hatten. Aber ich hätte gern dieses Family-Feeling gelebt. Aber man kann nicht alles haben im Leben. Es freut mich umso mehr, dass wir heute trotz Trennung uns geistig-seelisch sehr nahe stehen. Sie ist einer meiner wichtigsten und nächsten Menschen.

Sex, Alkohol und Drogen wurden lange in einem Atemzug mit Rock’n’Roll genannt. Wie halten Sie es heute mit den Drogen?

Wir haben selbst nur wenig ausgelassen, aber schon bald gemerkt, dass Drogen nur schwächen. Erst recht in einer Musik, die so physisch ist wie unsere. Es ist wie im Fussball. Wenn du es 90 Minuten bringen willst, musst du fit sein. Die Musik ist unsere Droge, das genügt. Wir brauchen keine Droge zur Droge.

Kann die Idee von Rock’n’Roll heute noch Wegweiser sein?

Auf jeden Fall. Rock’n’Roll, das bedeutet für mich ungekünstelter Klartext. Mach es auf deine Art. Egal was die anderen Leute sagen. Rock’n’Roll stellt Autoritäten und Prinzipien in Frage. Etwas wagen und seinen Weg gehen. Eine Lebenshaltung.

Rock ist heute aber nicht mehr so hip.

Vielleicht in gewissen Kreisen, aber Trends haben mich nie interessiert. Dazu stelle ich fest, dass musikalisch der gute alte Rock immer noch da ist. Selbst unser Hard-Rock-Genre ist seit den Siebzigerjahren ungebrochen populär. Das sieht man ja an den Konzerten.

Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Freiheit, Ehrlichkeit, Empathie und Respekt gegenüber anderen Menschen und Tieren. Und eine gesunde Dosis Humor und Gelassenheit, um diesen Weltenwahn zu ertragen.

Haben sich Ihre Werte im Laufe der Zeit verändert?

Nein, aber erweitert. Ich kann mich heute mehr an den kleinen Dingen erfreuen. An diesem Mountain Tea zum Beispiel, am Gesang der Amseln oder an schönem Licht und den herrlichen Herbstfarben. Es hat so viel Schönheit auf dieser Welt und in diesem Land sowieso.

Können Sie es nachvollziehen, wenn man in Ihrem Rebellentum und Ihrer Bekanntschaft zu Blocher einen Widerspruch sieht?

Überhaupt nicht. Als offener Mensch und Kolumnist rede ich mit Wirtschaftsbossen und Politikern aller Couleur, um mir ein besseres Bild zu machen. Christoph Blocher traf ich ein paar Mal und erlebte ihn als geschichtsbewussten und interessierten Zeitgenossen. Trotzdem übte ich grosse Kritik an den SVP-Plakaten und einigen anderen Dingen. Er hat mich angehört und ist mir mit Respekt begegnet. Das überraschte und erfreute mich. Aber: Ich gehöre keiner Partei an, bin gegen jegliche Art von Extremismus, Moralismus, Rassismus, Tugendwahn und Ausgrenzung, gegen Aufrüstung und Waffenhandel. Ich plädiere auch für einen längeren Vaterschaftsurlaub, Quälfleischboykott, autofreie Sonntage, für die Legalisierung von Hanf, die Abschaffung der heutigen Armee und für das bedingungslose Grundeinkommen. Also nicht gerade die Top 10 der SVP. (lacht)

Blocher kommt in den 640 Seiten Ihres Buches nicht vor. Weshalb?

Mein Buch ist eine Liebeserklärung an 60 Jahre Rock’n’Roll, an die Musiker, die Frauen und das Streunertum. Obwohl ich eine politische Meinung habe, ist Politik nicht mein Fachgebiet. Wir sind zuständig für die Politik der Ekstase. Also so ziemlich für das Gegenteil von dem, was in Bern so läuft.

Sie haben Schweizer Rock- und Popmusik über die Jahre mit­geprägt. Was sind für Sie, neben Krokus und Gotthard, die herausragenden Bands und Figuren?

Rumpelstilz natürlich, Patent Ochsner, Yello, Stephan Eicher, Young Gods, Kutti MC und Züri West.

Und von der heutigen, jungen Generation?

Ich frage mich ja schon lange: Wo ist die junge Band, die uns wegbläst und an die Wand spielt. Stark, crazy, hungrig und Vollgas. Es ist natürlich auch eine völlig andere Zeit mit den ganzen digitalen Nonstop-Ablenkungen. Früher hatte man mehr Zeit, etwas zu entwickeln. Rockmusiker waren Richtsterne. Die Beatles, Hendrix, Dylan, die Stones. Sie waren nicht nur Musiker und Mutmacher, sondern unsere Lebenslandkarten. Da wurden wichtige Geheimbotschaften transportiert. Darüber habe ich unlängst nächtelang mit Udo Lindenberg diskutiert.

Sie glauben, dass die 60ies wieder kommen.

Ja, aber in neuer Form, ich spüre es. Wir stehen am Vorabend einer weltweiten Revolution. Mit diesen politischen Schwachmaten, Abzockern, Mutter-Erde-Schändern und Wachstumsjüngern wird es langfristig so nicht weitergehen. In Gesellschaft und Kultur braut sich etwas zusammen. Und zwar eben nicht in jener Cüpli-Kultur, die am staatlichen Rockzipfel hängt, sondern bei jenen Künstlern, die an der Arschrunzel des realen Lebens schnuppern, die ins Abseits gedrängt wurden. Hungrig und wach werden diese jungen Rebellen den Soundtrack der Zukunft prägen. Mit Gitarren, starken Rhythmen, Melodien und berührenden Botschaften. Ich hoffe, ich darf das noch erleben.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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