Buchkritik
Thrillerstar John Grisham kehrt im neuen Roman zu seinen Wurzeln zurück

In «Der Polizist» verteidigt ein bekannter Anwalt einen 16-Jährigen, der seinen Peiniger erschossen hat. Doch dieser war ausgerechnet ein Gesetzeshüter.

Arno Renggli
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Jake Brigance (hier gespielt von Matthew McConaughey in «Die Jury») ist auch im neuen Roman Grishams die Hauptfigur.

Jake Brigance (hier gespielt von Matthew McConaughey in «Die Jury») ist auch im neuen Roman Grishams die Hauptfigur.

PD

«Der Polizist» ist in mancherlei Hinsicht eine Rückbesinnung John Grishams, seit über 30 Jahren weltbekannt für seine Justizthriller. So ist die Hauptfigur dieses neuen Romans, Anwalt Jake Brigance, bereits in Grishams ersten Grosserfolg «Die Jury» aufgetreten. Und verteidigte dort einen farbigen Familienvater, der die Vergewaltigung seiner Tochter gerächt hatte.

Sehr gelungen war auch die Verfilmung mit Matthew McConaughey in der Hauptrolle und einer Reihe weiterer Stars wie Sandra Bullock, Samuel L. Jackson oder Kevin Spacey. Jack Brigance ist im neuen Roman kaum älter als damals, folglich spielt dieser erneut um 1990 in einer Zeit noch ohne Handys und Internet. Und mit weiteren Figuren, die bereits in «Die Jury» aufgetreten sind. Auch stilistisch bleibt John Grisham ganz in der Tradition seines Erstlings.

Die Geschichte beginnt berührend. Der 16-jährige Drew lebt mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester beim neusten Freund der Mutter. Dieser trinkt gerne zu viel und schlägt dann zuhause gnadenlos zu. An einem Abend eskaliert die Situation: Der Mann misshandelt Drews Mutter derart, dass Drew sie danach für tot hält. Aus Angst um seine Schwester und sich selber erschiesst er den Peiniger mit dessen eigener Waffe.

John Grisham: Der Polizist. Heyne, 670 Seiten.

John Grisham: Der Polizist. Heyne, 670 Seiten.

Der Anwalt als Lichtgestalt

Ein klarer Fall, so scheint es, auch punkto Moral und Sympathie der Leserschaft. Das Problem ist, dass der getötete Gewalttäter ein allseits geschätzter Polizist war (darum der Buchtitel), vor dessen dunklen Seiten seine Familie sowie seine Berufskollegen die Augen verschliessen. Der junge Täter wird verhaftet und später vor Gericht gestellt, wo ihm im schlimmsten Fall gar ein Todesurteil droht.

Brigance wird die Verteidigung des Jungen direkt vom zuständigen Richter überwiesen – dabei will er den Fall gar nicht. Er ahnt, welche Folgen es für ihn und seine Familie hat, wenn er den «Mörder» eines Polizisten vertritt. Und tatsächlich wird er nicht nur auf eine Mauer der Ablehnung stossen, sondern einmal gar halb tot geschlagen. Doch Brigance bleibt auch in diesem Roman die Lichtgestalt und wird den Jungen in einem aufregenden Prozess mit all seinen intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten verteidigen.

Auch die letzten 100 Seiten sind fulminant

Die Schilderung dieses Prozess auf den letzten rund 100 Seiten gehört zu den Höhepunkten des Romans und erinnert ebenfalls an Grishams fulminante Frühwerke. Dazwischen erfordert die Lektüre aber einiges an Stehvermögen. Die 670 Seiten haben Weitschweifigkeiten, die es in Grishams letzten Romanen oft gab. Dazu gehören ellenlange Dialoge, gut formuliert, aber oft Wiederholungen produzierend.

John Grisham.

John Grisham.

Jonas Karlsson/PD

Wie immer kann Grisham, selber früherer Anwalt, juristisch aus dem Vollen schöpfen. Er kennt sich aus mit Abläufen und schildert sie ausführlich – so etwa die Auswahl der Jurorinnen und Juroren, eine weitere Parallele zu «Die Jury».

Ergänzend zur Hauptstory befasst sich Brigance mit einem zweiten Fall, wo es um Schuld bei einem tödlichen Unfall zwischen einen Zug und einem Auto geht. Darauf hätte Grisham verzichten können. Insgesamt aber ist es sein packendster Roman der letzten Jahre.

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