Archäologie
Zerstörte Monumente: Wie weit darf der Wiederaufbau gehen?

Palmyra hat die Debatte über den Umgang mit Ruinen wieder angefacht. Die Tempel kann man wohl wieder aufbauen. Aber darf man das auch?

Sabine Altorfer
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Nach der Zerstörung durch den IS will Syrien den Baal-Tempel wieder aufbauen. Fachleute sind skeptisch.

Nach der Zerstörung durch den IS will Syrien den Baal-Tempel wieder aufbauen. Fachleute sind skeptisch.

REUTERS

Als die Luzerner Kapellbrücke 1993 abbrannte, wurde danach nicht lange gefackelt und die Brücke wieder aufgebaut. Neu aufgebaut. Denn ausser einigen verkohlten Balken war nichts geblieben. Und doch regte sich nur wenig Widerstand von Denkmalpflegern und Archäologen. Wieso soll man auf eine Kapellbrücke verzichten, auf das Lieblingssujet von Zehntausenden Touristen ... ?

Was einem lieb ist, will man nach einer Zerstörung wiederhaben. So wurde auch das Zunfthaus zur Zimmerleuten in Zürich nach dem Brand 2007 schnell wiederaufgebaut, die Holzeinbauten wurden rekonstruiert. Der neue Bau sieht heute so alt aus wie zuvor.

Warum also soll, was in Luzern und Zürich passierte, nicht auch in Palmyra geschehen? Warum reagierten Experten weltweit skeptisch auf die Freudenmeldung des syrischen Antiken-Verantwortlichen: Palmyra könne man trotz der Verwüstungen und Sprengungen durch den IS wieder aufbauen? Hier flammt die alte Diskussion auf: Darf man Altertümer rekonstruieren – oder ist das Geschichtsfälschung?

Kapellbrücke 1993

Kapellbrücke 1993

Thinkstock/Keystone/ZVG
Kapellbrücke heute Der Brand seines Wahrzeichens erschütterte 1993 Luzern. Ausser einigen verkohlten Balken war vom Mittelteil der Brücke nichts geblieben. Auf ihre Brücke und ihren Touristenmagneten wollten die Luzerner nicht verzichten, also baute man sie neu. Auch mit der Begründung, an der Holzbrücke stamme sowieso kein Balken mehr aus der Bauzeit. Sie war über die Jahrhunderte schon mehrfach erneuert, verkürzt und verändert worden.

Kapellbrücke heute Der Brand seines Wahrzeichens erschütterte 1993 Luzern. Ausser einigen verkohlten Balken war vom Mittelteil der Brücke nichts geblieben. Auf ihre Brücke und ihren Touristenmagneten wollten die Luzerner nicht verzichten, also baute man sie neu. Auch mit der Begründung, an der Holzbrücke stamme sowieso kein Balken mehr aus der Bauzeit. Sie war über die Jahrhunderte schon mehrfach erneuert, verkürzt und verändert worden.

KEYSTONE
Baal-Tempel Palmyra 2011

Baal-Tempel Palmyra 2011

Thinkstock/Keystone/ZVG
Baal-Tempel Palmyra heute Werbewirksam verbreitete der IS 2015 Bilder und Videos, wie der Baal- und der Baalschamin-Tempel sowie der Triumphbogen gesprengt und Skulpturen mutwillig zerstört wurden. Palmyra wurde zum Symbol. Nach der Befreiung diesen März frohlockte der syrische Antiken-Leiter, die Tempel könnten wieder aufgebaut werden. Seine Argumente: die Trümmer seien nicht weggeschafft worden und sie seien genug gross, um die Bauten zu rekonstruieren. Fachleute weltweit sind skeptisch, die Debatte läuft.

Baal-Tempel Palmyra heute Werbewirksam verbreitete der IS 2015 Bilder und Videos, wie der Baal- und der Baalschamin-Tempel sowie der Triumphbogen gesprengt und Skulpturen mutwillig zerstört wurden. Palmyra wurde zum Symbol. Nach der Befreiung diesen März frohlockte der syrische Antiken-Leiter, die Tempel könnten wieder aufgebaut werden. Seine Argumente: die Trümmer seien nicht weggeschafft worden und sie seien genug gross, um die Bauten zu rekonstruieren. Fachleute weltweit sind skeptisch, die Debatte läuft.

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Frauenkirche Dresden 1958

Frauenkirche Dresden 1958

Thinkstock/Keystone/ZVG
Frauenkirche Dresden heute Die Bomben des Zweiten Weltkrieges legten (nicht nur) Dresden in Schutt und Asche. In den meisten Städten wurden Bauten und ganze Altstädte schnell, aber nicht unbedingt nach archäologischen Reinheitsgesetzen wieder aufgebaut. Die Steine der Frauenkirche wurden nach 1945 gelagert, sorgfältig untersucht und nummeriert. Aber erst von 1994 bis 2005 wurde das barocke Dresdner Wahrzeichen wieder aufgebaut. Quasi sein Gegenstück steht in Berlin. Die Gedächtniskirche liess man als Ruine stehen, als Mahnmal gegen den Krieg.

Frauenkirche Dresden heute Die Bomben des Zweiten Weltkrieges legten (nicht nur) Dresden in Schutt und Asche. In den meisten Städten wurden Bauten und ganze Altstädte schnell, aber nicht unbedingt nach archäologischen Reinheitsgesetzen wieder aufgebaut. Die Steine der Frauenkirche wurden nach 1945 gelagert, sorgfältig untersucht und nummeriert. Aber erst von 1994 bis 2005 wurde das barocke Dresdner Wahrzeichen wieder aufgebaut. Quasi sein Gegenstück steht in Berlin. Die Gedächtniskirche liess man als Ruine stehen, als Mahnmal gegen den Krieg.

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Heute ist man streng

Der Basler Professor Martin Guggisberg ist im Fall Palmyra hin- und hergerissen. Er sehe auf den Fotos nicht nur grosse Trümmer, sondern viel «Pulver», erklärt er uns. «Da müssen Archäologen wirklich gut prüfen, was von der Originalsubstanz noch vorhanden ist und ob das reicht.» Aber, fügt er an: «Grundsätzlich ist ein Wiederaufbau in Palmyra denkbar. «Die beiden Tempel sind sehr gut erforscht. Der Baal-Tempel durch Franzosen, der Baalschamin-Tempel in den 1950er-Jahren durch Schweizer Archäologen. Ihre Ergebnisse sind detailliert in fünf Bänden publiziert.»

Die Regeln der Archäologen wurden 1964 in der Charta von Venedig festgelegt, erlaubt ist seither die Anastylos, der Wiederaufbau nur aus den originalen Bestandteilen. Aber wurden die Tempel in Palmyra und anderswo nicht immer wieder stabilisiert, ergänzt? «Ständige Sicherung von Ruinen ist notwendig», sagt Guggisberg. «Entscheidend ist auch hier das Wie.» Wurden früher alte und neue Materialien nach Bedarf und Vorrat verwendet, so gilt laut Guggisberg heute: «Das Neue muss als neu sichtbar sein, die Originalsubstanz sollte nicht angetastet werden.»

Das sah man im 19. Jahrhundert noch anders: Für die Olympischen Spiele 1896 sei das Stadion des Herodes Atticus in Athen «praktisch frei rekonstruiert worden», sagt Guggisberg. Und als Arthur Evans Knossos auf Kreta ausgrub, ergänzte er ziemlich freihändig. Die Touristen sind ihm dankbar, weil man so mehr sieht als nur Steinhaufen und Fundamente. Aber wo ist die Grenze der Wissenschaft, wo beginnt Disneyland?

Ganz unten in der Werte-Skala der Archäologen stehen Duplikate und Neuerfindungen. Ein Gräuel ist etwa das Stadtschloss Berlin: Ein Neubau, dessen Betonwände mit vorgehängter Natursteinfassade den eigenen Vor-Vorgängerbau imitiert.

Der Zeitgeist dirigiert

Glück hatte man beim kleinen Nike-Tempel auf der Akropolis. Der wurde einst zur Basis eines Festungsturmes umgenutzt. So blieben 80 Prozent der ursprünglichen Substanz stehen. Aber, fügt Guggisberg hinzu: «Heute würde man darüber diskutieren, ob man den mittelalterlichen Turm abtragen darf oder ob auch er zur erhaltenswerten Geschichte des Baus gehört.»

Das sei eben der Zeitgeist. Und dieser tickt immer wieder anders. Das zeigt sich etwa bei Kirchen. Sie wurden jahrhundertelang immer dem Geschmack der Zeit angepasst. Wenn heute Renovationen anstehen, folgt zwangsläufig die Diskussion: Welcher Zustand des Gebäudes ist der richtige? Will man die barocken Einbauten entfernen und den gotischen oder gar romanischen Kern zeigen? Und ob man heute den Lettner, die Trennmauer vor dem Chor, in der Klosterkirche Königsfelden wieder rekonstruieren würde wie in den 1980er-Jahren, ist mehr als fraglich.

So denkt man hier und heute. Aber schauen Sie sich Fotos von zerbombten Städten nach dem Zweiten Weltkrieg an! Da lag manch historische Innenstadt, manch berühmtes Gebäude in Schutt und Asche. Wer heute Dresden anschaut, stellt sich selten vor, dass die Frauenkirche erst seit 2005 wieder den Platz beherrscht und dass die berühmte Semperoper nicht mehr das einstige Gebäude ist.

Selbst das Label Weltkulturerbe wurde Stätten verliehen, bei denen nur bedingt originale Baukultur steht. Wer also staunend vor den prächtigen Zeugnissen der Geschichte steht, dem sei empfohlen, das Kleingedruckte in den Führern zu lesen. Das gilt für Warschaus Innenstadt ebenso wie für die berühmte Kathedrale von Coventry oder Prunkstücke aus der Römerzeit.

Aber auch wer am Dom in Mailand den filigranen Bauschmuck bestaunt, sei gewarnt: das sind mehrheitlich Kunststoffkopien. Die Originale wurden vor der zerstörerischen Stadtluft in Sicherheit gebracht. Auch nur im Museum (in Athen und London) kann man die Original-Reliefs der Akropolis sehen. Wenn Originale nur so überleben, findet Archäologe Guggisberg ihre Aufbewahrung im Museum und Duplikate zur Anschauung sinnvoll.

Und Zügelaktionen von Monumenten? Etwa bei Abu Simbel, als der Felsentempel wegen des Assuan-Staudammes zerlegt und versetzt wurde. «Was ist besser», fragt Guggisberg zurück, «versetzen oder überfluten lassen und zerstören?»

Ein Tempel wird gezügelt: Beim Bau des Assuan-Staudamms musste der Felsentempel von Abu Simbel versetzt werden.

Ein Tempel wird gezügelt: Beim Bau des Assuan-Staudamms musste der Felsentempel von Abu Simbel versetzt werden.

Freihändig: Für die Olympischen Spiele 1896 wurde das Stadion des Herodes Atticus in Athen wieder erbaut.

Freihändig: Für die Olympischen Spiele 1896 wurde das Stadion des Herodes Atticus in Athen wieder erbaut.

Getty Images/iStockphoto
Anschauliche Nachbildungen: Arthur Evans ergänzte in Knossos(Kreta) Fundstücke freizügig mit Vorstellungen.

Anschauliche Nachbildungen: Arthur Evans ergänzte in Knossos(Kreta) Fundstücke freizügig mit Vorstellungen.

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Authentischer Glücksfall: Der Nike-Tempel in Athen überlebte gut erhalten, weil er als Turmfundament genutzt wurde.

Authentischer Glücksfall: Der Nike-Tempel in Athen überlebte gut erhalten, weil er als Turmfundament genutzt wurde.

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