100 Jahre Dada

Was von Dada übrig blieb

Ab heute wird gefeiert und werden in Zürich die ersten Dada-Ausstellungen eröffnet. Aber, was war eigentlich Dada? Eine Suche vor den Originalen.

Sie wollen Dada. Doch wo beginnen in diesem Zürcher Trubel? Wir empfehlen aktuell: erst ins Kunsthaus, dann ins Landesmuseum und am Schluss zum Cabaret Voltaire. Und dort in der Bar – wo am 5. Februar 1916 alles begann – auf die gloriose Vergangenheit trinken und den Sturm im Kopf hinunterspülen. Aber Achtung! Heute Abend ist Vernissage, da wird nicht nur der Stadtrat per Shuttlebus diese Tour machen und Bundesrat Alain Berset reden, sondern die Spiegelgasse vor dem Voltaire wird arg verstopft sein. Angesagt ist (ohne Gewähr) Freibier.

Wir machten die Tour, geleitet von der Frage: Was war das eigentlich? Und warum ist Dada so wichtig – bis heute?

Eigentlich war Dada zu Beginn nicht eine Kunstform fürs Museum, sondern war Protest: Protest gegen den Ersten Weltkrieg, gegen die Konventionen der Kunst in Form von seltsamen Lautgedichten, von Tänzen ... Dieses Flüchtige ist vorbei. Überliefert sind die Texte, die Kunst der Dadaisten, auch wenn sie sich nach ihrem kurzen Zürcher Gastspiel wieder in alle Welt aufgemacht haben.

Verstehen Sie Dada?

Dada ist alles und nichts. Sie glauben, dass Sie der absolute Dada-Kenner sind? Stellen Sie Ihr Wissen mit diesem Quiz unter Beweis!

Welches Jubiläum feiert Dada?

Das 50.

Das 100.

Das 125.

Wie heisst die Geburtsstätte von Dada?

Cabaret Cornichon

Cabaret Voltaire

Cabaret Rüeblisaft

In welcher Stadt wurde Dada gegründet?

Zürich

Paris

New York

Wer gehört nicht zu den Gründern des Cabaret Voltaire?

Emmy Hennings

Tristan Tzara

Salvador Dalí

Was trieb die Dadaisten in die Schweiz?

Skiferien

Die Weltwirtschaftskrise

Der erste Weltkrieg

Sophie Taeuber-Arp tanzte regelmässig bei den Dada-Soirées. Womit wurde sie aber wirklich berühmt?

Mit Filmen

Mit Gesang

Mit konstruktiver Kunst

"Die Karawane" von Hugo Ball ist eines der berühmtesten dadaistischen Gedichte. Was ist es?

Ein Hexameter

Ein Lautgedicht

Eine Ballade

Wer trat im Cabaret Voltaire als Bischof verkleidet auf?

Hugo Ball

Hans Arp

Richard Huelsenbeck

Was war das wichtigste Anliegen der Dadaisten?

Reich und berühmt zu werden

Die Konventionen der Kunst zu zerstören

Einen neuen -Ismus zu erfinden

Nada Dada

Sie haben von Dada so viel Ahnung wie ein Fisch vom Velofahren. Die Kunstwerke, Ambitionen und Beweggründe der Dadaisten sind ihnen genauso fremd wie die seltsamen Gestalten, die am Wochenende spätnachts aus dem Cabaret Voltaire stolperten. Aber das ist alles halb so wild; Jeder, der behauptet, Dada zu verstehen, kann trotzdem nicht wirklich erklären, was Dada ist.

Ein bisschen Dada

Sie kennen die Protagonisten und die wichtigsten Werke der Kunstströmung und kapieren sogar ansatzweise, was so schwierig zu verstehen ist. Sind Sie vielleicht gar ab und zu im Cabaret Voltaire anzutreffen?

Oberdada

Gratuliere! Sie sagen die Lautgedichte Hugo Balls im Schlaf auf, können jedes von Tzaras Manifesten rezitieren und haben in Ihrem Kleiderschrank Papier- und Karton-Kostüme versteckt. Regelmässig schlürfen sie im Cabaret Voltaire Absinth und sind prädestiniert, einst die Leitung des Cabaret Voltaire von Adrian Notz zu übernehmen.

Dada historisch

Schon die Dadaisten selber wollten 1921 eine Übersicht schaffen – allen voran Tristan Tzara und Francis Picabia. Ihr Ziel war ein Buch: «Dadaglobe». Dafür sollten Dadaisten und Sympathisanten ihnen Originale extra fürs Buch schaffen und («bearbeitete, aber kenntliche») Porträt-Fotos schicken. Per Post halt, weil Reisen in der Nachkriegszeit schwierig war. Sie druckten in Paris schönes Briefpapier mit dem Logo «Mouvement Dada». Tzara sammelte, machte gar einen Seitenplan. Doch dann scheiterte das Projekt – und das Material zerstreute sich in alle Welt.

Zum Jubiläum hat das Kunsthaus Zürich zusammen mit der amerikanischen Spezialistin Adrian Sudhalter und dem MoMa in New York «Dadaglobe» rekonstruiert. Als Ausstellung (in einem einzigen, aber dicht gehängten Raum) und als Buch. Es ist eine Fundgrube und ein prima Einstieg in die Dada-Welt. Man sieht anhand der Originale und Originaldokumente, wie Erwin Blumenfeld, Hans Arp, Max Ernst, Johannes Baargeld, Raoul Haussmann, Francis Picabia, Hanna Höch und viele, viele andere, Zeitungen, Fotos und die literarische Sprache – ja eigentlich die Welt – zerschnipselten und neu zusammensetzten. Wie sie im Chaos der (Nach-)Kriegs-Zeit eine neue Sprache und neue Gleichgewichte suchten und wie sie mit schwarzem Humor auf die Schrecken der Zeit reagierten.

Was ist Dada? (Trailer)

Dada danach

Wie Dada weiterwirkte, ist Thema im Landesmuseum, in «Dada universal» der Kuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel. Schon ihr erster Satz zur Ausstellung sitzt! «Dada war eine Bombe, die 1916 im Cabaret Voltaire in Zürich hochging.» Eine Bombe. Da ducken wir uns doch und erwarten ein Chaos. Beim ersten Blick in den schwarzen Saal mit den Vitrinen müssen wir innerlich aber lachen. So schön geordnet, alles in Reih und Glied und angenehm ausgeleuchtet, so stellen wir uns die Welt nach einer Bombenexplosion nicht vor. Irgendwie scheint neben dem Anti-Prinzip Dada auch Zwinglis strenger Geist hier kräftig mitgewirkt zu haben.

100 Jahre Dada: Das Landesmuseum ehrt die Bewegung

Auf 18 Vitrinen-Stationen haben Zweifel/Steiner die Splitter der Bombenexplosion verteilt, frei nach dem Motto: «Die Detonation der weltumspannenden Antikunstbewegung ist bis heute zu spüren.» Von einem seltsamen Vogelgerippe («Dodo war da, bevor Dada da war») über Krieg und Negermasken bis hin zu den 68ern und Punk. Garniert ist alles mit Kunst: berühmte Collagen von Max Ernst, Marcel Duchamps Urinal «Fountain», Sophie Taeuber-Arps hübsches Hopi-Indianer-Kostüm ...

Zwei Stationen als Beispiele: Der Erste Weltkrieg, das Schlachten in den Schützengräben, ist mit einer schweren französischen Tarnpelerine symbolisiert. Denn es war ja der Erste Weltkrieg, auf den Cabaret-Voltaire-Mitbegründer Hugo Ball erst mit Freude («Jetzt wird die Welt verändert und erneuert»), dann mit Flucht reagierte. Und die Pelerine könnte ihn zu seinem berühmten Bischof-Umhang inspiriert haben. Beim Thema «Traum» wird die Psychoanalyse ins Dada-Boot geholt. Denn dank der Lektüre von Freuds «Traumdeutung» wurde der Surrealismus erfunden. «Sie (die Pariser Dadaisten) wollten das dadaistische NEIN zur Realität des Krieges in ein neues JA zu einer höheren Sur-Realität verwandeln. (...) und schweiften in Paris durch die Räume utopischer Träume».

Dada-Kurzfilm «Entr'Acte»

Dada funktionierte nach dem Prinzip Collage – und so funktioniert auch diese Ausstellung. Von Didaktik und pädagogischer Führung keine Spur. Die paar Zeilen Text am Boden um die Vitrinen erklären nicht wirklich – dafür viersprachig. Besser also, Sie lassen sich treiben, picken sich ein paar Sachen heraus, lesen die tollen Zitate an den Wänden und vielleicht kommen Sie dann zur einen oder anderen Erkenntnis. Zum Beispiel zu der, dass sich Dada nicht definieren lässt.

Als Trouvaillen entpuppen sich die Filme, die an den Wänden flimmern. In «Entr’acte» etwa, einem Gemeinschaftswerk von René Clair und Francis Picabia von 1924, sehen wir nicht nur Marcel Duchamp, Erik Satie und Man Ray als Darsteller. Wir tauchen auch ein in eine absurde Welt, die kopfsteht, sich ständig auflöst, die in einen wilden Wettlauf mit einem Leichenwagen eskaliert und aus der am Schluss – abrakadabra – alles ins Nichts weggezaubert wird.

Dada-Gedicht «Karawane»

Dada heute

Doch wie wirkte Dada weiter? Wer das mit viel Enthusiasmus untersuchte, war der wohl berühmteste Schweizer Kurator: Harald Szeemann. Er kombinierte mit Vorliebe Dada, Aussenseiter und Zeitgenössisches. Teile seines riesigen Archivs sind nun als «Obsession Dada» im Cabaret Voltaire zu sehen. Dazu erklären und beweisen aktuelle Künstler in Performances ihre Liebe zu Dada.

«Ô falli bambla»: Passanten rezitieren in Zürich das Dada-Gedicht «Die Karawane» von Hugo Ball vor dem Cabaret Voltaire

Dada digital

Wer im Internet nach Dada sucht, findet viel, aber erst in spezialisierten Tools auch Vernünftiges. Das Kunsthaus Zürich stellt ab heute schrittweise seine umfangreiche Sammlung ins Netz. So gross war sie übrigens nicht immer. Wie Direktor Christoph Becker sagte, habe sein Vor-Vorgänger René Wehrli beim 50-Jahr-Jubiläum seinen damaligen Assistenten (den späteren Direktor Felix Baumann) angehalten, eine Dada-Ausstellung zu organisieren. Der fand in der Sammlung aber nur ein einziges Werk. Das war der Anstoss, um tätig zu werden. Was Jubiläen doch bewirken können.

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