Kabarett
Vom Punk zum Paradepferdchen

Mit ihrem neuen Solo «SuffragettenBlues» taucht Bettina Dieterle in ihre Vergangenheit als Anarcho-Punk ein.

Mathias Balzer
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Kabarett
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Dieterle, Bettina Bettina Dieterle zeigt ihr neues Programm im Teufelhof.
Dieterle, Bettina Bettina Dieterle zeigt ihr neues Programm im Teufelhof.
Dieterle, Bettina Bettina Dieterle zeigt ihr neues Programm im Teufelhof.
Dieterle, Bettina Bettina Dieterle zeigt ihr neues Programm im Teufelhof.

Kabarett

Martin Toengi

«Garantiert keine Comedy, sondern politisches Kabarett vom Feinsten.» So steht es in der Ankündigung zu Bettina Dieterles Soloprogramm «SoufragettenBlues» im Teufelhof in Basel. Der Titel signalisiert, dass die Frauenrechtlerin in der Schauspielerin den Blues hat. Dass sie schon andere, bessere Zeiten gesehen hat.

Anders war es sicher, damals, als die schuluntaugliche Tochter eines Basler Gymi-Direktors mit der Punkband Puffmutter auf der Bühne stand. Heute wird sie von Nora Kaiser und Adrian Borter, einem Streicherduo begleitet. Aber Dieterle ist ja auch nicht mehr 25, sondern 52, ein Alter, in welchem der Arzt versuche, einem den Weisswein zu verbieten, wegen der Artrose.

Die Punk-Attitude ist schon lange abgestreift. Nach dem selbstzerstörerischen Rausch fand Dieterle Halt in der Schauspielerei. Sie hat die legendären Acapickels mitbegründet, in Sitcoms gespielt, am Casinotheater Winterthur, im Theater Fauteuil in Basel. Die letzten Jahre stand sie mit Beat Schlatter und Andrea Zogg im Polzeiruf 117 vor der Kamera.

Überforderung pur

Und nun die Suffragette, die den Blues hat, auch angekündigt als «Helen Fischer der internationalen Befreiungsfront». Politisch ist der Abend von der ersten Minute an. In einer weitschweifenden Begrüssung demonstriert Dieterle, dass ihr Menschenbild alle umfasst, auch alle Andersartigen, ja sogar «die Alten, die sich jung fühlen und die Jungen, die alt aussehen».

Bald rückt sie das Frausein ins Zentrum. Eine schöne Nummer, die das Dilemma beschreibt, gleichzeitig eine gute Mutter, im Job erfolgreich, im Biogärtnern Expertin, gut aussehend, intelligent, die perfekte Gastgeberin, liebevolle Ehefrau und nachts die heissblütige Liebhaberin zu sein. Überforderung pur. Zeit, den Spiess umzudrehen und in bester Stand-up-Manier die Männer im Publikum anzubaggern.

Dazwischen gestreut immer wieder Realpolitik. Bürgerliche, vor allem die SVP, bekommen bei der bekennenden Sozialdemokratin ihr Fett weg. Dieterle empört sich darüber, in einem Land zu leben, in welchem Neonazis ungestraft aufmarschieren dürfen, zieht Parallelen zu den Braunen von anno dazumal, singt Brechtlieder. Dem SP-Publikum gefällts.

Filzläuse statt Glutenallergie

Der im lockeren Plauderton gehaltene Mix aus Politik, Genderfragen, persönlichen Bekenntnissen und Songs nimmt bis zur Pause Fahrt auf. Richtig Stimmung kommt auf, wenn Dieterle ihre Jugend thematisiert, als man nicht wie heute «Glutenallergie, sondern Filzläuse hatte». Der Ausflug in die Achtziger gipfelt in der NDW-Hymne «Eisbär» und in der Nachstellung einer Vollversammlung im AJZ. Die alte Anarchistin weiss, dass damals Vieles nicht so toll war, wie es die Erinnerung gerne ausmalt.

Dieser witzig-kritische Blick auf die Linke Szene fehlt nach der Pause, leider. Die Arabischlektion zur Vorbereitung auf die schleichende Islamisierung ist noch schön doppeldeutig. Zum Ende hin bekommt die Suffragette dann aber wirklich den Blues, und der bekommt ihr nicht.

Sie berichtet von ihrer Betroffenheit beim Schauen eines Dok-Films über Aleppo, klagt über das Bienensterben, den Plastik im Ozean und die heutige Jugend. All die «ernsten Gesichter morgens im Tram, die auf die schwarzen Bildschirme starren», werden zum Sinnbild einer schlechten Welt. Wenn Dieterle am Ende dann als Dressurreiterin das Parade-Spasspferdchen gibt, schaut der Punk lieber weg.

Bettina Dieterle «SuffragettenBlues». Bis Samstag, 24. März, Theater im Teufelhof, Basel.

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