Kunst
Video ist die verführerischste Form der Kunst

Das Aargauer Kunsthaus hat seine Sammlung nach Videos durchforstet. Das Resultat «Cut» darf sich sehen lassen. 18 Arbeiten aus 27 Jahren geben einen fast repräsentativen Überblick über das Schweizer Videoschaffen.

Sabine Altorfer
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Judith Albert, «Haare», von 2009. Im gut dreiminütigen Video ist die Künstlerin ihr eigenes Sujet.

Judith Albert, «Haare», von 2009. Im gut dreiminütigen Video ist die Künstlerin ihr eigenes Sujet.

Aargauer Kunsthaus

Videos sind raffinierte und hinterhältige Kunstwerke. In einer Gruppenausstellung bekommen die flimmernden, bewegten Bilder meist mehr Aufmerksamkeit als die stillen Gemälde und Zeichnungen – und sie beanspruchen auch mehr unserer Besuchszeit. Weil sie dauern und weil man sie nicht mit einem Blick erfassen kann. Video ist die hybride Kunstform zwischen Kino und Kunst – im besten Fall sind die Resultate so verführerisch, wie nur Filme sein können, und gleichzeitig so verfremdet, vielschichtig und auf den Punkt gebracht, wie es die bildende Kunst in ihren besten Momenten seit Jahrhunderten schafft.

Eine junge Frau schaut uns verschmitzt lächelnd an und lässt zwei Kirschen verführerisch vor ihren dunklen Augen baumeln. Viel mehr passiert in Daniela Keisers Video «Demets Augenblicke» von 1999 nicht. Anzumerken ist aber, dass das 20-minütige Video auf einen umgekippten Tisch projiziert wird, dass es den Raum füllt und dass wir während des verführerischen Spiels Zeit haben, unsere Gedanken treiben zu lassen: über weibliche Verführung und Familienversorgungs-Pflichten, über den (türkischen) Namen der Hauptdarstellerin oder über die erotisch glänzenden, süssen Kirschen ...

«Demets Augenblicke» ist der Auftakt zur Ausstellung «Cut! Videokunst aus der Sammlung» im Aargauer Kunsthaus. Gezeigt werden 18 Arbeiten, also etwa ein Viertel des Bestandes, erklärt Kurator Thomas Schmutz. «Die Sammlung ist nicht gross, aber reichhaltig und sie hat sich in den letzten zwei, drei Jahren durch Ankäufe und Schenkungen tüchtig erweitert.»

Einer der letzten Ankäufe ist die Arbeit «Aphrodite Ping Pong» von Silvie Defraoui (Foto). Die Genfer Künstlerin und Professorin ist eine der Pionierinnen für neue Medien in der Schweiz. Mit raffiniert geschnittenen Slow-Motion- und Rückwärts-Sequenzen sowie mit präzisen, unterschiedlichen Klangmotiven hat sie ein hochartifizielles Werk geschaffen. Die Betrachterin ist zuerst einmal fasziniert und verblüfft – wird dann aber angeregt, über Zerstörung, über Angst und Bedrohung nachzudenken. Bilderkraft und Inhalt sind in diesem Video exemplarisch vereint.

Das neue Medium hat Künstlerinnen seit seinem Anfang besonders gereizt. Das Feld war noch nicht von männlichen Traditionen vorbestimmt und es entspricht ihrer Neugier in Sachen Welt- und Selbsterkundung. Pipilotti Rists süffige Arbeiten gehören dazu wie auch Zilla Leuteneggers witzige Selbstinszenierung als «Der Mann im Mond». Chantal Michel in «Sorry Guys» und Judith Alberts «Haare» (Foto) sind verspielte und schmerzhaft anmutende Beschäftigungen mit dem eigenen Frausein.

Früher hiess Video zu oft, sich von einer muffigen, dunklen Blackbox in die nächste zu tasten – und irgendwann mit sturmem Kopf zu kapitulieren. Die Präsentationsformen in «Cut!» sind aber vielfältig. Thomas Schmutz hat die Abfolge auch genau geplant, weil der technische Aufwand beträchtlich sei. «Die Ausstellung war auch Anlass, die Video-Sammlung genauer zu durchleuchten und zu kontrollieren: Sind die Masterbänder in einem aktuellen Format, haben wir eine Exhibition Copy und auch das notwendige Zertifikat?»

Für die Ausstellung wurden auch neue Beamer, bessere, schallschluckende Vorhänge und Teppiche angeschafft. Dinge, die man als Besucherin nicht beachtet, die einen genussvollen Besuch aber erst möglich machen. Schliesslich verbringt man viel Zeit in einer solchen Ausstellung, die 18 Arbeiten von «Cut» haben zusammen weit über drei Stunden Laufzeit.

Manchmal ist aber nicht das neueste Material gefragt. Guido Nussbaums so raffiniert-erheiterndes wie hintergründiges «Schnipp-Video» von 1987 wirkt auf einem alten Fernseher authentischer. Gar keine Technik braucht schliesslich Michel Grillet. Er hat aus einem kleinen Buddha und einem Töpfchen Aquarell-Farbe eine liebevolle Persiflage auf die Videokunst – und auf ihre Verführungskraft – geschaffen.

Cut! Videokunst aus der Sammlung Aargauer Kunsthaus, bis 11. August. Gleichzeitig werden «Rhythm in it» und «Caravan 2/2013» gezeigt.

Vernissage: Fr, 17. Mai, 18 Uhr.

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