Weisses Winterlicht flutet Saal 4. Darin schwebt Rodins Götterbotin Iris. Hinter ihr eröffnet das raumhohe Fenster den Blick auf Bäume, Wiese und einen glitzernden Teich. Motive, die Monets neun Meter breites Seerosenbild «Le bassin aux nymphéas» an der rechten Wand widerspiegelt.

Der Ausstellungs-Rundgang mit Dutzenden von Medienschaffenden ist vorbei, ich bin noch mal reingeschlichen, und nun, allein mit dieser Kunst, diesem Licht, überkommt mich der esoterische Gedanke, ob der verstorbene Ernst Beyeler wohl auch irgendwie zugegen ist? Wir haben schliesslich zuvor beim Rundgang von Kunstprofessor Gottfried Boehm gelernt, dass die fliegende Götterbotin Iris auf einem Regenbogen zwischen Himmel und Erde vermittelt.

«Das Original» ist es nicht

Der Kunsthändler und Sammler Ernst Beyeler hat diesen Raum vor 20 Jahren genau so gestaltet. Es war die allererste Ausstellung in der Fondation in Riehen. Endlich gab es für den monumentalen Monet einen gebührenden Platz, endlich gab es für Beyelers damals gegen 180 Werke umfassende Sammlung ein Haus.

Nun, fast 20 Jahre später, feiert die Fondation diesen Geburtstag mit einer Hommage an ihren Anfang und ihren Begründer: Die Ausstellung «Das Original», die morgen eröffnet, ist eine möglichst treue Nachbildung der Eröffnungsschau, 1997 von Gründervater Ernst Beyeler selbst eingerichtet.

«Das Original» ist nicht das Original. Es gibt einige Abweichungen, Kompromisse. Was ein wenig schade ist, doch eine verständliche Frage des Budgets: Die Fondation könnte sonst nicht zwei Ausstellungen parallel zeigen, denn die originale Originalausstellung bespielte sämtliche Räume. Kommt hinzu, dass manche Werke, die damals hier hingen, derzeit entlehnt oder, seltener, durch andere ersetzt worden sind. Und ein ikonischer Monet, die Kathedrale von Rouen, hängt derzeit nur wenige Meter weiter entfernt im selben Gebäude – in der grossen Monet-Ausstellung, die Anfang Monat eröffnet hat.

Aber was wirklich zählt, ist nicht die Vollständigkeit, sondern die Wirkung. So hat es auch Ernst Beyeler gehandhabt, wie Gottfried Boehm betont. Der begabte Sammler habe sich «auf die Essenz konzentriert», auf «markante, repräsentative Hauptwerke». «Man könnte spasseshalber den Ausdruck ‹Schlüsselwerke› benützen", formuliert es der Professor. Ernst Beyeler suchte «Bilder, die überzeugen». Oft liess er die Erfahrung, die er mit einem Werk machte, tagelang reifen; er habe sich auch gerne mit Bekannten darüber ausgetauscht.

Fixsterne der Moderne

Boehm vergleicht Beyelers Sammlung der Klassischen Moderne mit einem Planetensystem. Das Zentralgestirn bilde Picasso, eine weitere Sonne sei Matisse; Hauptachsen würden mit Monet und Klee gelegt. Die Werke seien verwandt und wahlverwandt, «sie reagieren aufeinander», sie sprächen miteinander – und mit den Besucherinnen und Besuchern.

Zu sehen sind verdichtete Sternstunden der Kunst. Da ein Raum voller Giacometti, hier einer voller Matisse. Ganz am Anfang steht ein zartes Kreide-Portrait eines liegenden Mannes von Georges Seurat (1883/84) – ein sehr lichtempfindliches Bild, das darum selten gezeigt werde, sagt Raphael Bouvier, der Kurator von «Das Original». Die Ausstellung entspinnt sich von da an mit Cézanne, van Gogh, dicht gefolgt von den kubistischen Kompositionen Picassos und Braques. Sie wird zunehmend abstrakter. Gegen Ende wendet sie sich hin zur amerikanischen Nachkriegskunst, zu Mark Rothko, zu Mark Tobey, Andy Warhol.

Eher intuitiv habe Beyeler die zahlreichen afrikanischen und ozeanischen Skulpturen ausgewählt, die nun mit grossem Selbstverständnis mit der klassischen Moderne korrespondieren und die Ausstellung um eine weitere Ebene bereichern. Mit der Moderne hätten die Künstler die antiken griechischen und römischen Vorbilder zur Seite geschoben und sich neue Väter gesucht, erklärt Boehm. «Sie haben diese ausserhalb Europas gefunden.»

Etwa in der Ausstellungsmitte teilen sich Miró, Léger und Calder einen Saal. Als er das auf der Maquette gesehen habe, sei er zunächst skeptisch gewesen, erzählt Bouvier später unter vier Augen. Doch dann habe es in der Realität hervorragend funktioniert, die verspielten Werke Mirós und Calders kontrastierten auf «erkenntnisbringende» Weise mit den strengeren Légers. «Ernst Beyeler hatte ein tolles Auge und die Originale sehr klar vor Augen.»

Gleich drei Légers hängte Beyeler nahe beieinander an eine Wand in diesem kunst-vollen Raum. Heute würde man wohl nur zweien mehr Luft geben. Aber gerade der Kontrast zwischen Dichte und Leere macht diese Ausstellung mit aus. Denn in anderen Räumen liess er handkehrum ganze Wände fast oder ganz leer. Nichts lenkt ab von Henri Rousseaus intensivem Dschungelbild «Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope.»

Schwierige Recherche

Das Original zu rekonstruieren, sei nicht einfach gewesen. Man könnte erwarten, dass sie als historischer Moment präzis dokumentiert worden ist. Doch dem ist nicht so. Das hänge sicher auch mit Ernst Beyelers Bescheidenheit zusammen, meint Bouvier. Mithilfe verschiedenster Quellen musste man die Informationen zusammentragen.

Er habe durch diese Arbeit viel gelernt: neue Perspektiven auf die Sammlung gewonnen, frühere Ausstellungsweisen neu entdeckt. Man könne gute Bilder durch schlechte Hängungen kaputtmachen, sagt Bouvier. Doch Ernst Beyeler habe eine präzise, logische Vorstellung gehabt und sei gleichzeitig bereit gewesen, diese infrage zu stellen, Änderungen vorzunehmen – manchmal im letzten Moment. «Er hat seine Sammlung verdammt gut gehängt».