Frédéric Beigbeder
«Unsterblichkeit hat ihren Preis»: Autor erforscht die Möglichkeit medizinischer Lebensverlängerung

Bei der Recherche für den Roman «Endlos leben» wurde Frédéric Beigbeder zum Versuchskaninchen.

Stefan Brändle
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Frédéric Beigbeder schreibt seine Bücher mit vollem Körpereinsatz.Stephane Grangier/Corbis via Getty Images

Frédéric Beigbeder schreibt seine Bücher mit vollem Körpereinsatz.Stephane Grangier/Corbis via Getty Images

Corbis via Getty Images

Herr Beigbeder, es freut uns, dass Sie «gute Gene» haben, wie Ihnen ein Arzt in Ihrem neuen Buch attestiert. Damit können Sie ein Alter von 120 Jahren erreichen ...

Frédéric Beigbeder: Danke, aber leider genügt das Erbgut nicht für ein langes Leben. Wichtig sind Faktoren wie Krankheit, Umweltverschmutzung, Ernährung, Sport. Für mein Buch habe ich selbst einen Gesundheits-Check-up gemacht. Die Resultate waren ziemlich gut, nur meine Leber ist etwas fett. Kein Wunder, nach all dem, was da durchgesickert ist.

Wenn Sie Ihre Exzesse eindämmen, könnten Sie das Jahr 2050 erreichen. «Dann sollte das Problem des Todes gelöst sein», erklärt ein Bioforscher in Ihrem Buch.

Effektiv behaupten viele Nano-, Bio- und Gen-Wissenschafter, 2050 werde ein Schlüsseldatum, mit Fortschritten für die Langlebigkeit und die Verbesserung des menschlichen Körpers.

Der Unerschrockene

Frédéric Beigbeder (53) ist Autor, Schauspieler und Regisseur. Er arbeitete bei einer Werbeagentur, die ihn fristlos entliess, als er in seinem berühmten Buch «39.90» (Piper) aus dem zynischen Innenleben der Werbebranche berichtete. Für «Ein französischer Roman» erhielt er den Renaudot-Preis. In seinem neuen Roman «Endlos leben» (Piper) erforscht Beigbeder die Möglichkeit medizinischer Lebensverlängerung.

Alles eine Frage der Technik?

Das denkt der Hauptakteur meines Buches zuerst. Er glaubt nicht an Gott, der Tod ist für ihn effektiv ein Problem mit einer technischen Lösung: Wenn man die Krankheiten in den Griff kriege, regle man auch die Todesfrage, vor der wir eine Heidenangst haben. Ich wollte mich dieser Frage nicht von der philosophischen oder gar metaphysischen Seite annähern, sondern der technisch-medizinischen Seite.

Haben Sie Ihre Stammzellen zwecks späterer Wiederverwendung eingefroren?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn das ist in Frankreich strikt verboten. Und zudem sehr teuer. Man entnimmt der Haut am Arm Stammzellen und bewahrt sie bei unter minus 180 Grad auf. Bis man sie eines Tages zur Zellschaffung braucht. Ich habe auch meine DNA sequenziert; in einer Detox-Klinik habe ich mein Blut per Laserstrahl reinigen lassen. Auf die Eingabe von «jungem Blut», wie es in den USA möglich ist, habe ich hingegen verzichtet, da die Herkunft des Blutes nicht klar ist. Auch so fühlte ich mich bei meinen Recherchen wie das menschliche Versuchskaninchen in «Las Vegas Parano».

In der österreichischen Nobelklinik in Maria Wörth liessen Sie sich Ihr Blut lasern.

Das leuchtete schön bunt unter der Haut, und nachher fühlt man sich ziemlich aufgekratzt. Die Österreicher und die Schweizer sind bei diesen Verjüngungskuren sehr weit.

Sind letztlich all diese Bestrebungen durch die Angst vor dem Tod motiviert?

Ich habe höllische Angst vor dem Krankwerden und den Schmerzen. Heute etwas weniger vor dem Tod. Vielleicht auch, weil ich heute als Vater auf gewisse Weise bereits unsterblich bin – nämlich durch die Weitergabe des Lebens. Wenn man Leben schenkt, kann man den Tod besiegen.

Die radikalsten Verfechter der Lebensverlängerung, etwa die Molekularbiologen André Choulika und George Church, scheinen Sie am meisten fasziniert zu haben.

Ja, schon. Aber das Gute an einem Roman ist, dass er sich entwickelt. Am Anfang ist die Hauptfigur hin von der Idee der Körperverjüngung; nach den dreijährigen Recherchen merkt sie aber, dass die Unsterblichkeit ihren Preis hat – den Verzicht auf die Menschlichkeit, wie bei Goethes Faust.

Was wollen Sie uns eigentlich mit Ihrem neuen Buch sagen?

Zuerst wollte ich die Geschichte nur mit objektiven Informationen über Gentherapien, DNA-Mutation, Stammzellen, 3D-Organe, Bluteinspritzung oder Hirn-Download garnieren. Während der Recherchen machten mir diese Fortschritte und ihre Forscher aber zunehmend Angst. Eine Erkenntnis drängte sich auf: Wenn der Mensch länger leben will, muss er sich in ein Gemisch aus Mutant und Maschine verwandeln. Das heisst, wir entfernen uns vom Homo sapiens. Der hat zwar viel Schlimmes verbrochen – aber letztlich ist er doch eher sympathisch.

In Ihrem Buch stellt kurioserweise der Roboter Pepper eine Gretchenfrage: Ist Unsterblichkeit überhaupt wünschbar?

Pepper stellt in meinem Buch die intelligentesten Fragen. Er ist ein bisschen wie R2D2 in «Star Wars», ich mochte ihn sehr. Allerdings entwickelte er sich während des Schreibens. Er wurde sexuell besessen, ein wenig Fascho. So ist künstliche Intelligenz: Die Roboter nehmen rasch die Eigenheiten des Umfeldes an, je nachdem, welche Fragen ihnen die Leute stellen. In der Hand von Übeltätern wird die Maschine schnell verrückt.

Und die Unsterblichkeit ...?

(Schaut an die Decke des lärmigen Cafés, überlegt lange.) Nicht die Unsterblichkeit ist erstrebenswert, sondern ein längeres Leben. Unter Umständen. Wenn man mit 122 Jahren in einem sehr verbrauchten Körper vegetiert, nein danke. Mit meinem jetzigen Körper wäre ich eher einverstanden, sehr lange zu leben. Epikur sagte zwar, das Gute am Tod sei, dass er uns verpflichte, das Leben zu geniessen. Aber ich würde gerne zwanzig Jahre länger leben. Mit 80 kann man das Leben geniessen! Mehr Lesen, mehr Filme schauen, Sex mit möglichst vielen Leuten ...

Beeinflusst die künstliche Intelligenz unsere Sexualität?

Ich denke schon. Man verfolge nur die monströse Entwicklung der sozialen Medien mit Apps wie Tinder, wo man sexuell verfügbare Partner geolokalisieren kann. Vor zwanzig Jahren musste man eine Frau noch mühselig in einer Bar ansprechen; heute lässt man den Algorithmus suchen. Und in Paris hat dieses Jahr eine Bar mit lebensechten Puppen in Latex, so genannten «Love Dolls», eröffnet ...

... denken Sie nostalgisch an die guten alten Zeiten zurück?

Ich gehöre jedenfalls zu den Widerstandskämpfern gegen die sozialen Medien und gegen die Menschmaschinen. Wie es scheint, werde ich mit zunehmendem Alter reaktionär, zu einem alten Deppen, der die Welt nicht mehr versteht: Ich meide das soziale Internet, mache keine Selfies, dafür lese ich Bücher und Zeitungen auf Papier, schaue Filme im Kino. Wie der letzte Dinosaurier!

Zur Vorstellung Ihres neuen Buches reisen Sie an auffallend viele Lesungen im deutschsprachigen Raum.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie «Endlos leben» im deutschen Raum ankommt. Nicht nur Nietzsches Übermensch, ebenso das Interesse für die natürliche Gesundheit und ein langes Leben sind etwas sehr Deutsches. Das gilt auch für die Lust, seinen Körper und sein Schicksal zu kontrollieren, zu perfektionieren.

Gilt das auch in der österreichischen Luxusklinik?

Diese Klinik verspricht ja fast, dass man wirklich jünger wird. Das grenzt an Vampirismus, das Trinken jungen Opferblutes. Ähnlich auch im Labor Ambrosia im kalifornischen Monterey: Dort legen Sie sich vier Stunden aufs Bett und erhalten dabei das Blut von 19- bis 25-Jährigen eingespritzt. Was ergäbe wohl die Mischung aus einem alten Zombie wie mir und einem Jungen, der flott auf der Strasse herumkurvt, bis man ihm das Blut abzapft?

Vielleicht die Illusion des ewigen Lebens. Dem richtigen Leben beziehungsweise Tod sind Sie in diesem Jahr im Pariser Hotel Ritz begegnet ...

Das kann man so sagen. Ich hatte gerade mein Buchmanuskript über «Endlos leben» abgegeben und sass an der Hotelbar, als gleich daneben eine Schiesserei losging. Wir flüchteten uns in den Keller und dachten natürlich an einen Terroranschlag. Später stellte sich heraus, dass es nur ein grosser Raubüberfall war; aber währenddessen hatten wir Angst, dass unser letztes Stündchen geschlagen habe. Ich dachte an meine Kinder; was mich betrifft, hatte ich nur Angst vor dem Schmerz, wenn der Terrorist schlecht zielen würde. Beim Bataclan-Attentat gab es Opfer, die später bis zu siebzehn Operationen über sich ergehen lassen mussten.

Wenigstens überlebten Sie.

Ich wollte dem Terroristen sagen, er solle gut zielen, aufs Herz zum Beispiel.

Wird man solche Tote vielleicht eines Tages wieder ins Leben zurückholen können?

Kann gut sein. Eine blitzschnelle Herztransplantation auf der Speicherbasis des Bioprints und Ihres 3D-Organs, dazu eine Hirnanimation – ja, das kann funktionieren. Aber nicht vor 2030 oder 2035.

Mir macht in Ihrem Buch mehr Angst, dass es möglich werden soll, Gedanken zu lesen. Orwell lässt grüssen.

Wir nähern uns dieser Möglichkeit. Bis die Google-Brillen funktionieren, ist es eine Frage der Zeit. Dann wird eine Kamera Ihr Gesicht erkennen und in Sekundenschnelle alle Daten über Sie eingeben. Zum Beispiel: Gestern waren Sie in der Disco, jetzt geht er mit seinem Ticket ins Museum. Die nächste Etappe wird sein, Mails per Gedanken zu versenden. Es braucht nur noch eine gute WiFi-Verbindung.

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