China
Uli Sigg: «Ai Weiwei ist unglaublich mutig und furchtlos»

Uli Sigg hat fast die Hälfte seines Lebens in China verbracht. Er gilt als Chinakenner und grosser Sammler chinesischer Kunst. Der Schweizer spricht im Interview mit der az über Ai Weiwei und warum die Schraube schon länger wieder angezogen wurde.

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Uli Sigg, Sammler chinesischer Kunst, über Ai Weiwei

Uli Sigg, Sammler chinesischer Kunst, über Ai Weiwei

Keystone

Herr Sigg, haben Sie neue Informationen über Ai Weiwei?

Uli Sigg: Nein, es gibt keine neue Entwicklung, wir wissen nichts über seinen Verbleib.

Was war der Anlass für die chinesischen Behörden Ai Weiwei zu verhaften. Die mussten ja erwarten, dass es Proteste auslöst?

Ja, das wussten sie. Aber man kann noch nicht abschätzen, welche Punkte sie gegen ihn zusammengetragen haben. Im Grund muss man abwarten, bis sie Anklage erheben - oder ihn frei lassen. Vorher könnte man nur spekulieren.

Das ist doch ungewöhnlich, dass bis heute nicht einmal seine Frau weiss, was mit ihm passiert ist?

Nein. Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, dass selbst die Angehörigen keine Nachricht bekommen.

Ai Weiwei ist bei weitem nicht der einzige, der verhaftet worden ist. Ist tatsächlich eine grosse Repressionswelle angelaufen.

Das ist nicht neu, die Schraube wurde schon länger wieder angezogen. Der Wind ist in den letzten Monaten schon deutlich kühler geworden.

Ai Weiwei

Ai Weiwei ist ein chinesischer Konzeptkünstler, Bildhauer und Kurator. Am 11. November 2010 informierte Ai Weiwei internationalen Medien darüber, dass er ein behördliches Schreiben erhalten habe, in dem er aufgefordert wird, das Gebäude, in dem sich sein Studio befindet, vor dem 21. November auf eigene Kosten abzureissen. Den Grund für den zunehmenden Druck seitens der Shanghaier Behörden sieht Ai Weiwei in seiner politischen Aktionskunst. Anfang Dezember 2010 wurde Ai Weiwei erstmals daran gehindert, aus der Volksrepublik China auszureisen. Dies wird in Verbindung gebracht mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Regimekritiker Liu Xiaobo in Oslo, der an der Übergabezeromonie am 10. Dezember 2010 nicht teilnehmen kann, weil er aus politischen Gründen inhaftiert ist. Das Atelier wurde dann am 11. Januar 2011 abgerissen. Im März 2011 wurde bekannt, dass Ai Weiwei ein Atelier in Deutschland erworben hat und mit seinem Team in Zukunft dort arbeiten wird. Am 3. April 2011 wurde Ai Weiwei auf dem Weg nach Hongkong am Pekinger Flughafen von der chinesischen Polizei festgenommen und bis auf weiteres inhaftiert.

Und warum?

Das hat mit dem ganzen Kurs der chinesischen Führung zu tun. Präsident Hu Jintao hat das Prinzip der «harmonischen Gesellschaft» proklamiert und unter diesem Titel hat man begonnen, andere Meinungen stärker an den Rand zu drängen und zu marginalisieren.

Aber hat China das denn nötig? Die Partei ist doch sehr stark.

Die beobachten immer sehr sorgfältig, was auf der Welt in vergleichbaren Systemen passiert, wo revolutionäre Situationen sind und warum. Dafür haben sie spezielle thiktanks und die Partei sieht sich vor, sie interveniert lieber zu früh und zu heftig als zu spät. Und erstickt am liebsten alles schon im Keim.

Also hat das, was in Nordafrika und im arabischen Raum passiert ist, die chinesische Regierung aufgeschreckt?

Aufgeschreckt ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber es hat sie darin bestätigt, dass höchste Wachsamkeit und rigoroses Handeln richtig seien, um sich an der Macht zu halten.

Was ist Ihrer Meinung nach nun der wahrscheinlichste Verlauf?

Da müsste ich spekulieren. Es kann sein, dass die Behörden die Aktion als wirksamen Schuss vor den Bug gedacht haben, dass also keine Anklage erhoben und er frei gelassen wird. Oder es wird Anklage erhoben - aber in welchen Punkten, das ist für mich noch völlig unklar. Bevor man das kommentieren kann, muss man die Details kennen.

Aber was könnte die Anklage sein?

Es gibt viele mögliche Tatbestände. Aber die sind nicht scharf umrissen, sondern interpretations- und dehnfähig. «Anstiftung zum Widerstand gegen die Staatsgewalt» zum Beispiel ist sehr schnell möglich. Ich nehmen an, es wird so etwas sein, falls Anklage erhoben wird.

Kennen Sie aktuell andere Künstler, die Repressionen ausgesetzt.

Keinen, der aktuell inhaftiert ist. Aber es gab einige, die nach politischen Aktionen arretier, aber wieder frei gelassen wurden.

Das Studio von Ai Weiwei wurde durchsucht, all seine Computer konfisziert. Ist das in China einfach so möglich?

Die hatten einen Hausdurchsuchungsbefehl und haben eine Inventarliste mit den konfiszierten Dingen hinterlassen. Sie bemühten sich, möglichst konform mit dem Strafprozessrecht zu handeln. Auch weil sie wissen, dass die Welt hinschauen könnte.

Was können die Proteste von Obama oder der EU bewirken?

Man muss die Frage anders stellen: Was können sie unternehmen? Genau hinschauen und wenn es berechtigt ist, protestieren, ist das, was man machen kann und machen muss - das gibt Support. Das gilt auch für die Schweiz!

Sie kennen China sehr gut, sind gut vernetzt. Unternehmen Sie etwas?

Ich bemühe mich natürlich.

Können Sie mir dazu etwas mehr sagen?

Nein.

Würden Sie ihm denn tatsächlich sein Atelier nach Berlin zu zügeln?

Dazu möchte ich mich nicht äussern.

Dass er bis jetzt in China geblieben ist und hartnäckig blieb n seiner Kritik, ist schon aussergewöhnlich.

Er ist unglaublich mutig und furchtlos. Viele Chinesen sagen ihm jeweils, ja genau, was du sagst, denken wir auch. Und seine Antwort ist dann jeweils: Warum sagt ihr es nicht. Weil ihr es nicht sagt, muss ich es eben sagen.

Er hat also auch in China selber ein grosses Ansehen?

Ja, ja, er ist mit weitem Abstand die bekannteste Person in der Kunstwelt - und darüber hinaus in der breiten Öffentlichkeit bekannt. Man sieht gar Leute mit Ai Weiwei T-Shirts auf der Strasse. Aber ob sie es jetzt noch wagen, weiss ich nicht.

Und seine Familie hat das unterstützt?

Das war sein Entscheid, er handelt da sehr autonom.

Wie gross ist Ihre Angst oder Ihre Hoffnung um Ai Weiwei?

Noch gehe ich davon aus, dass er gemeinsam mit Peter Fischer und mir am 20. Mai im Kunstmuseum Luzern unsere gemeinsame Ausstellung eröffnen kann. (sa)

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