Theater
Theatralisch umsetzen heisst nicht abbilden

Paul Steinmann schrieb «Mit Chrüüz und Fahne» das Stück zum Gedenken an den 2. Villmergerkrieg von 1712. Bereits 2008 hatten sich Freiämter Theaterschaffende zusammengesetzt mit der Idee, zum Gedenken etwas Einmaliges auf die Beine zu stellen.

Rosmarie Mehlin
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Autor Paul Steinmann auf dem Kriegsschauplatz Langenfeld, wo 1712 der Zweite Villmergerkrieg stattfand. Jörg Baumann

Autor Paul Steinmann auf dem Kriegsschauplatz Langenfeld, wo 1712 der Zweite Villmergerkrieg stattfand. Jörg Baumann

Auf dem Langenfeld ausserhalb von Villmergen in Richtung Dintikon standen sich am 25. Juni 1712 10000 Reformierte und 12000 Katholiken gegenüber. Fünf Stunden lang tobte die Schlacht. Am Ende war das Feld übersät mit 3000 Leichen – in jeder Minute hatten zehn Menschen ihr Leben verloren.

Gemeinschaftsprojekt

Heuer, 300 Jahre später, wird des blutigen Ereignisses gedacht. Bereits 2008 hatten sich Freiämter Theaterschaffende zusammengesetzt mit der Idee, zum Gedenken etwas Einmaliges auf die Beine zu stellen. Das Kellertheater Bremgarten, der Verein Kultur im Sternensaal Wohlen, die Theatergesellschaft Villmergen und das MuriTheater schlossen sich zum Verein «szenefreiamt» zusammen mit dem Ziel, den 2. Villmergerkrieg szenisch in Erinnerung zu rufen.

Erste Leseprobe Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne»
8 Bilder
Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne» Erste Leseprobe in Hilfikon.
Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne» Erste Leseprobe in Hilfikon.
Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne» Erste Leseprobe in Hilfikon.
Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne» Erste Leseprobe in Hilfikon.
Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne» Erste Leseprobe in Hilfikon.
Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne» Erste Leseprobe in Hilfikon.
Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne» Erste Leseprobe in Hilfikon.

Erste Leseprobe Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne»

Zur Verfügung gestellt

Mit dem aus Villmergen gebürtigen Paul Steinmann konnte ein bekannter und erfahrener Autor für das Projekt ebenso begeistert werden wie der versierte Regisseur Adrian Meyer – auch er Freiämter. Die beiden kennen sich seit über 40 Jahren, seit ihrer Bezirksschulzeit, arbeiten hier zum ersten Mal, aber sehr eng und intensiv zusammen.

Suche nach dem Spielort

«Ganz am Anfang hat die Suche nach dem Spielort gestanden. Freilicht war nicht zwingend, es hätte durchaus auch eine Fabrik sein können. Der Ort musste uns regelrecht ins Auge springen, einfach stimmen, was sich als recht schwierig erwies. Umso mehr, als der Anlass von überregionaler, ja gar nationaler Bedeutung ist, das Budget hoch und entsprechend viele Zuschauer Platz finden sollen», so Steinmann. Nach längerer Suche auch in Wohlen und beispielsweise auf dem Waffenplatz Bremgarten wurde man fündig im Schloss Hilfikon: «Das Ambiente ist wie geschaffen für unsere Ideen und die 93-jährige, im Schloss wohnende Besitzerin Louise Schellenberg hat uns mit offenen Armen empfangen.» Dass rund ums Schloss schlicht kein Platz für eine grössere Tribüne vorhanden ist, gab Steinmann die Initialzündung, das Stück in zwei Teilen zu verfassen. In einem ersten Teil wird das Publikum in Gruppen zu jeweils drei von insgesamt sechs Szenen rund um die sich anbahnende Schlacht geführt – etwa auf einen Waffenmarkt, zu einem Liebespaar oder mitten in eine Tagesschau von anno dazumal. Nach einem kurzen Fussmarsch zu einer Wiese nehmen die Zuschauer anschliessend auf einer 450 Zuschauer fassenden Tribüne Platz und erleben eine gemischt-konfessionelle heutige Hochzeit.

Reden, die da gehalten werden, sowie Schlachtgetümmel, das im Hintergrund zu hören ist, verbinden das Jetzt mit der Vergangenheit.

«Das blutige Ereignis und das Gedenken daran theatralisch umzusetzen, war durchaus eine knifflige Aufgabe. Man kann die Schlacht auf keinen Fall abbilden. Das würde sie nur verniedlichen, weil man das Grauen nicht zeigen kann. Also habe ich versucht, weder didaktisch noch moralisch, sondern durch überraschende Wendungen und Dialoge nach dem Prinzip ‹prodesse et delectare› – ‹nützen und erfreuen› – das Publikum zu fesseln und auch Momente des Erkennens und der Selbsterkenntnis zu provozieren», bringt es der studierte Theologe Steinmann auf den Punkt.

Stück erst spät geschrieben

Das Stück «Mit Chrüüz und Fahne» vor diesem Hintergrund in seine Form gebracht und die Dialoge geschrieben hat der 56-Jährige erst sehr spät. Noch bevor er sich an den Computer setzte, hatten er und Adrian Meyer im Winter 2010/11 Workshops mit den Mitgliedern aller vier Theatergruppen und anderen Interessierten abgehalten und dann im Frühling die Rollen besetzt – bevor diese geschrieben waren. «Es hat danach nur ganz wenige Mutationen gegeben. Insgesamt wirken im Scheinwerferlicht 60 Darstellerinnen und Darsteller mit – jede Figur hat einen Namen und Text, es gibt also nicht einfach ‹das Volk› – sowie 10 weitere, die in einem Chor singen wollten. Dazu kommen 10 Musiker und gegen 200 Helferinnen und Helfer hinter der Bühne. Es ist grossartig und tief beeindruckend, mit wie viel Elan, Einsatz und Begeisterung sämtliche Beteiligten mitmachen.»

Schloss Hilfikon Premiere «Mit Chrüüz und Fahne», Mi, 25. Juli, 20 Uhr. Das Stück läuft bis 1. September mit 15 weiteren Vorstellungen. www.kreuz-und-fahne.ch

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