Das Radio ist das älteste elektronische Medium der Welt. 1906 hat der kanadische Physiker Reginald Aubrey Fessenden die erste Radiosendung der Welt ausgestrahlt. Sie überbrückte einen Radius von 18 Kilometern. Seither ist das Medium seinen Siegeszug um die Welt angetreten und es gehört noch heute, trotz Fernsehen und Internet, zu den beliebtesten und wichtigsten Medien.

Seit den Anfängen haben sich auch Musiker, Schriftsteller, Philosophen und Künstler mit dem Radio und seinen Möglichkeiten auseinandergesetzt. Der digitale Podcast ist dabei das jüngste Kind in einer langen Entwicklung, die von viel Experimentierlust geprägt ist.

Radio ist aber auch ein flüchtiges Medium. Nach der Ausstrahlung des Werks verschwindet dieses im besten Falle in einem der vielen Tonarchive. Dort schlummern die Hörspiele, Kompositionen und Klangexperimente dann vor sich hin – bis jemand die Schätze wieder hebt. Die Bauhaus Universität in Weimar – genauer: deren Professur für experimentelles Radio – hat vor drei Jahren begonnen, Radiokunst zu erforschen und zu sammeln.

Ein erstes Ergebnis dieses Langzeitprojekts wird nun öffentlich gemacht. Das Museum Tinguely und das Haus der Kulturen der Welt in Berlin präsentieren «Radiophonic Spaces» als Hör-Parcours, der historische und aktuelle Werke präsentiert.

Unterwegs in der Radiowolke

Über 200 Kompositionen, Hörspiele, Klangexperimente, die zusammengefasst eine Länge von beinah 200 Stunden haben: Wie stellt man eine solche immense Klangwolke aus? Das Museum Tinguely hat dafür den türkischen Künstler Architekten und Musiker Cevdet Erek ins Boot geholt. Der 44-Jährige macht seit einigen Jahren mit seinen gross angelegten Installationen und ortspezifischen Arbeiten von sich reden, unter anderem auch an der Kasseler Documenta.

Um die alte Radiokunst zu präsentieren, bedient sich Cevdet modernster Technologie. Der Raum der Ausstellung ist karg. 13 Sender an Drahtseilen markieren einen Parcours. An den Wänden laden Monitore zum Verweilen. Ausgestattet mit einem Handy und einem Kopfhörer spazieren die Besucher durch den Raum. Nähern sie sich einem Sender, empfangen sie ein Hörstück. Dieses können sie bei Interesse in ein persönliches Archiv auf dem Handy speichern, um das Werk später in Ruhe zu hören.

Umherschweifend und sich dem Zufall hingebend kann so das Klanguniversum erforscht werden. Nähert sich der Besucher dann einem der Monitore, sieht er dort eine Karte, die seinen individuellen Spaziergang abbildet und in einen grösseren Zusammenhang stellt. Hat er beispielsweise ein Werk von John Cage angehört und auf seinem Rundgang gespeichert, sieht er hier, dass noch vier weitere Arbeiten des Amerikanischen Künstlers im Archiv gespeichert sind. Er kann diese nun anklicken und erhält dazu weitere Informationen: Geschichte, Bilder, Presseartikel zum jeweiligen Werk.

Am Monitor können auch die 13 Kategorien angesteuert werden, nach welchen das Material geordnet ist. Beispielsweise Plattengeschichten: Dort sind Arbeiten versammelt, bei denen mit Schallplatten experimentell umgegangen wird. Oder das Feld «Song/Sound/Opera», wo Künstlerinnen und Künstler präsentiert werden, die mit den technischen Möglichkeiten des Radios experimentieren. Oder die Kategorie «Tor zum Unbewussten». Da wird das Geisterhafte von Radiostimmen künstlerisch bespielt.

Das Dilemma mit der Zeit

Die individuelle Erforschung dieser «Radiophonic Spaces» braucht Zeit und zugegeben auch etwas Beratung vom Museumspersonal. Ganz selbsterklärend ist der Parcours nähmlich nicht. Auch stellt er das Publikum vor ein Dilemma: Soll man nun in der Klangwolke umherschweifen und entdecken, dass hier der Theatermann Antonin Artaud und Kaiser Wilhelm ll. ebenso Spuren hinterlassen haben wie die Zeitgenossen Milo Rau und Gion Mathias Cavelty? Oder soll man sich hinsetzen und eines der Werke in Ruhe hören, auch wenn es eine Stunde dauert?

Es ist ein wenig wie bei der Videokunst: Die zeitliche Ausdehnung der Werke widerspricht dem Rhythmus des Museumsbesuchs. Nichtsdestotrotz: Für Fans der Radiokunst ist dieses Archiv ein Eldorado. Wer noch andere Zugänge zu diesem Medium sucht, dem sei das gross angelegte Rahmenprogramm empfohlen (siehe Kasten).