Theater
Skandalautorin macht Dornach den Prozess

Im Stück «Das Schweigen des Nepomuk» setzt sich die junge Autorin Michelle Steinbeck kritisch mit der Dorfgeschichte Dornachs auseinander.

Benjamin von Wyl
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«Chroniken von Dornach - Das Schweigen des Nepomuk»

«Chroniken von Dornach - Das Schweigen des Nepomuk»

Ilmarin_Fradley

Michelle Steinbeck beschwerte sich kürzlich, als sie in einem Artikel «erfolgreiche Romanautorin» statt «Skandalautorin» genannt wurde. Also tut man ihr den Gefallen: Das erste Stück der 27-jährigen Skandalautorin Michelle Steinbeck hat am Dienstag Premiere gefeiert. Es handelt von der Dornacher Skandalbeiz Linde.

Ein Porträt von Bob Marley, rustikale Holztische, Plättliboden. Das Publikum nimmt in einer Kulisse Platz, die tatsächlich nach einer selten gelüfteten Bar riecht. Wer sitzt, bestellt. Die Getränkekarte bietet Ziegelhof-Bier, Wasser, Rivella – und ein kurzes Textchen über die Bedeutung von Dorflinden als reale Bäume oder als Gerichtsorte.

Michelle Steinbeck

Michelle Steinbeck ist 1990 in Lenzburg geboren, in Zürich aufgewachsen und lebt in Basel. Zurzeit ist sie Stipendiatin des Istituto Svizzero in Rom. Ihr Debütroman «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» ist 2016 erschienen. Zur «Skandalautorin» wurde sie, weil sich
Elke Heidenreich nach der Lektüre von Steinbecks Debüt beleidigend über deren Psyche geäussert hat. (red)

«Das Schweigen des Nepomuk» ist ein Prozess über Dornachs Geschichte. Anders als vor Gericht üblich werden gleich zwei Themen verhandelt: Verzahnt mit den Razzien in der Linde, Gerüchten über angebliche Hell’s-Angels-Kontakte und das Junkiehaus nebenan ist das Unglück von 1813. Die Birs brachte damals einen Teil der Dornacher Nepomukbrücke zum Einsturz und 37 Menschen starben.

Zu Beginn zeigen die Schauspieler dem Publikum ihre Quellen zu beiden Ereignissen, darunter Ausdrucke aus dem FCB-Onlineforum von 2005, in denen über die Razzia diskutiert wird. Steinbecks Stück hat aber nicht den Anspruch, Realität abzubilden. «Manche Informationen beruhen auf Wahrheiten», ruft eine Figur in einer Diskussion darüber, was passiert und was fabuliert ist. Die Betonung liegt auf «manche».

In den Untiefen von Dornach

Die Wirtin Mimi (Noëmi Steffen) verwehrt sich gegen negative Worte über ihre Beiz. Auch ihre Stammgäste – darunter ein Drogendealer – bestätigen anfangs Mimis Perspektive. Eine Kneipe «mit Kultstatus und rockigem Flair» sei die Linde gewesen. An Silvester habe man vielleicht mal eine Tischbombe angezündet, klar. Nachdem erste Zweifel an der Darstellung der Wirtin gestreut sind, findet sich das Beizen- und Theaterpublikum im frühen 19. Jahrhundert wieder. Statt um Heroin und gefälschtes Viagra geht es jetzt um die Schuld an der Brückenkatastrophe.

Der stumme Zeuge, der bis heute in Dornach ausharrt, ist die Statue des Brückenheiligen Nepomuk. Die Statue bricht ihr Schweigen. Nepomuk mag Schuldzuweisungen nicht und hadert mit seiner Rolle als Heiliger. Damals habe er das Brückenunglück nicht verhindert, weil er nie den Blick vom steinernen Jesuskind im Arm abwenden konnte. Jesu habe ihm gesagt: «Ich bin das Licht, die nicht.»

Einfache, manchmal vulgäre Worte, aber auch eloquente Neologismen machen «Das Schweigen des Nepomuk» zum rhythmischen Sprachkonzert. Die flächigen Monologe zeugen von Steinbecks kontrollierter Assoziationsgewalt. Kein Kontrollverlust, kein Metaphernhochwasser, sondern nivellierter Einsatz von Mundartklängen («...ein verschmürzeltes Stück Telenovela aus deinem blöden Drogenhirn...»), Querverweisen in die Nullerjahre-Jugend («...wir müssen sie schlagen – mit Lattene!» aus einem Kultvideo) und Sprachbildern wie das Beleidigungspaar «Zuckerengelslockenbruder» und «Milchprinzessinnenbruder».

Die Texte fordern die drei jungen Schauspielprofis auf der Bühne, aber verstellen nicht den Blick darauf, was hier verhandelt wird: Welches sind die Anständigen, welches die Taugenichtse in einer Gemeinschaft? Wie geht man mit seiner gesellschaftlich zugewiesenen Rolle um? Wie viel Gedenken und Erinnerung tun gut? Um welchen Preis soll man nach Wahrheit suchen? Am Ende wird die detailgetreue Beizenkulisse komplett zerlegt. Natürlich verfügt das Neue Theater nicht über die technischen Möglichkeiten des Theater Basel, aber es ist das Neue-Theater-Gegenstück zur berstenden Bühnendecke in Simon Stones «Engel in Amerika»: Das Publikum blickt ins Fegefeuer. Der Initiator, Regisseur und Bühnenbildner Jonas Darvas hat das Maximum aus dem Kellerraum rausgeholt.

Recherche zu zweit

Wie kam Steinbeck überhaupt dazu, sich in die Dornacher Dorfgeschichte zu knien? Die Wahlbaslerin sagt, sie sei ursprünglich in die Region gezogen, weil sie in der Stadt Zürich kein zahlbares WG-Zimmer mehr gefunden hat. Schon davor hatte sie ihren ersten Intensivkontakt mit der Nordwestschweiz: in Dornach, im Neuen Theater. 2015 entwickelte sie dort mit demselben Darvas ein theatrales Kurzprojekt. Darvas ist in Arlesheim geboren und aufgewachsen. Wenn einer der Schauspieler im Stück erzählt, wie er als Kind mit «Bist du ein Goeth?», ein Steiner-Schüler, angeblafft worden sei, zehrt dieser Text aus Darvas’ Biografie.

«Das Schweigen des Nepomuk» ist in einem dialogischen Recherche- und Schreibprozess zwischen Darvas und Steinbeck entstanden. Gemeinsam haben sie Interviews geführt und die Nepomukbrücke der Gegenwart auf sich wirken lassen. Ein Austausch zwischen ortskundigem Blick und Aussenperspektive.

Entstanden ist eine Hommage ans Dorf, die zwar gemütlich und zugänglich beginnt, aber trotzdem so anders ist als Schenkelklopfer-Dorftheater. Dornach wird oft nur in Rudolf-Steiner-Farben getüncht wahrgenommen. Das «Schweigen des Nepomuk» rennt dagegen an, steigt, unterfüttert mit Recherche, in die Abgründe des Daseins. Ein irrwitziger Abend, der universelle Wahrheiten sucht.

«Schweigen des Nepomuk». Bis 29. Mai. Neues Theater Dornach.

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