Seit acht Monaten arbeitet die Zürcher Festspiel-Expertin und -Regisseurin Liliana Heimberg (62) am Theaterprojekt zum Gedenken an den Landesstreik vor 100 Jahren. Sie erzählt, wie sie zu diesem Engagement gekommen ist. «Die ehemalige Solothurner Regierungsrätin Esther Gassler sah vor fünf Jahren eine Aufführung des Appenzeller Festspiels ‹Der dreizehnte Ort›, welches ich konzipiert hatte. Ein Stück mit 180 Mitwirkenden, welches die Geschichte der 500-jährigen Appenzeller Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft erzählt.» Auf Umwegen sei dann die Nachricht zu ihr gekommen, dass die Aufführung der Regierungsrätin sehr gefallen habe und dass sie sich für den Kanton Solothurn etwas Ähnliches vorstellen könnte.

Heimberg: «Ich trug schon länger die Idee eines Theaters über den Landesstreik mit mir herum. Es würde also ein Spiel für die ganze Schweiz werden, erklärte ich der Regierungsrätin. Doch Olten wäre natürlich ideal als Spielstätte – einerseits als damaliger Aktionsort, andererseits auch wegen seiner zentralen Lage.»

So hat Heimberg über die vergangenen Wochen hinweg 105 Spielerinnen und Spieler aus dem Kanton Solothurn und den angrenzenden Gemeinden angeleitet, die Geschichte und Geschichten um den Landesstreik darzustellen. Begleitet wird das Stück von der Basel Sinfonietta und einem Theaterchor.

Und das Besondere: 20 Theatergruppen aus allen Landesteilen und den meisten Kantonen der Schweiz bringen pro Aufführungsabend je eine Szene zum Thema aus ihrem Kanton nach Olten. Diese werden unterschiedlich in den ursprünglichen Theaterverlauf eingebaut. So wird jede Vorstellung etwas anders sein als die vorangegangene, was unterschiedlichste Theaterformen und -stile erlebbar macht.

Hunger und Kriegsmüdigkeit

«Der Landesstreik von 1918 ist das letzte zentrale historische Ereignis in der modernen Schweiz seit 1848», sagt Heimberg. Sie hat für die Erarbeitung des Stückes mit Historikern zusammengearbeitet und neueste Forschungsergebnisse ins Stück eingebaut. Wichtig sind ihr neben dem bekannten Verlauf der damaligen Ereignisse auch die vielen unbekannten Begebenheiten von Frauen, Männern und Kindern. «Sie sind es wert, erzählt zu werden», sagt sie.

Geschichten der hungernden Bevölkerung, der kriegsmüden Soldaten, von Kriegsgewinnlern und Fabrikarbeitern. Von hungernden und übermüdeten Kindern vor Suppenküchen, von Eisenbahnern, die den Zugsverkehr zum Erliegen bringen. «All diese kleinen Leute, die nichts mehr als ein besseres Leben wollten. Wie beispielsweise die Solothurnerin Anna Vogt, deren Mann bei den Schüssen in Grenchen am Arm verletzt wurde und die jahrelang mit den Verantwortlichen des Militärdepartements um eine Entschädigung kämpfte.»

Noch heute werde der Landesstreik in seiner Bedeutung für die heutige Schweiz unterschätzt, sagt die Regisseurin. «Wer hat denn schon etwas darüber in der Schulzeit gehört?» Sie habe dies auch in der Erarbeitung des Stückes mit den Spielern immer wieder erlebt. Man wisse vielleicht noch, dass es in Grenchen drei Tote gab. Doch dass dieser Streik vielen der heute selbstverständlich gewordenen sozialen Errungenschaften unseres Landes wie AHV oder geregelte Arbeitszeiten den Weg ebnete, werde oft vergessen. Nur beim Frauenstimmrecht, ebenfalls eine Forderung der Streikenden, mussten 53 Jahre vergehen, bis diese erfüllt wurde.

Nach dem Landesstreik hielt sich lange das bürgerliche Bild einer bolschewistischen Verschwörung, das auch durch die Militärprozesse gegen die Exponenten des Streiks gefestigt worden war. Der Aargauer Historiker Willi Gautschi hat die bis heute wichtigste Untersuchung der tiefsten Krise der Schweiz seit der Gründung des schweizerischen Bundesstaates 1848 untersucht. In seinem Standardwerk «Der Landesstreik» bemüht sich Gautschi um eine objektive Sicht auf das, was sich 1918 in unserem Land ereignet hat.

Seither hat sich die Geschichtsschreibung immer wieder mit dem Landes- oder Generalstreik 1918 und mit seinen bekannten Protagonisten beschäftigt: dem Bundesrat und General einerseits, dem aus Vertretern verschiedener Gewerkschaften und vom Berner Nationalrat und späteren Regierungsrat Robert Grimm angeführten Oltener Komitee andererseits. Sie alle sind Teil im Spiel und in Rede und Aktionen zu sehen.

Dramatische Szenen aus Rafz

Anlässlich einer Generalprobe am Dienstag konnten die beiden Beiträge aus dem Kanton Zürich und einer aus dem Kanton Bern, aus der Stadt Biel, miterlebt werden.

Die Zürcher Gruppe, die von Salome Schneebeli (künstlerische Leitung und Choreografie), Kathrin Siegfried (Dramaturgie, Text), Thomas Neukom( historische Beratung) und Roger Widmer (Chor und musikalisches Konzept) angeleitet wurde, zeigt dramatische Szenen aus Rafz. Das Dorf an der nördlichen Grenze des Kantons war damals ein Hotspot des Grenzschmuggels nach Deutschland. Zitiert wird aus der Dorfchronik jener Jahre. Die Läden der Deutschen auf der anderen Seite wurden ausgeplündert, weil es dort günstiger war. Die Grenzpolizisten schauen weg oder machen mit. Alles hörte erst auf, als ein deutscher Schmuggler von einem Schweizer erschossen wurde.

Die gesanglich starke Gruppe hebt in ihrem Stück den Bezug zur Jetztzeit hervor: Schnäppchenjagd ennet der Grenze. Das junge, choreografisch starke Team aus Biel zeigt unter der Leitung von Christine Schmocker (Regie und Text), Tobias Kästli (historische Beratung) und Michel Stuber (Choreografie) den sogenannten Jungburschenkrawall. Im Juli 1918 plünderten nämlich hungrige junge Bielerinnen und Bieler einen Kartoffelwagen und demonstrierten mit der Forderung: «Z’frässe wei mir.»

Alle Infosgibt es hier. Dort sind auch die jeweiligen Aufführungsdaten der verschiedenen Kantonsbeiträge zu finden.