«Rembrandtpapst» wird der 76-jährige Ernst van de Wetering auch genannt. Weil er sich so gut wie kein anderer im Werk des grossen niederländischen Malers auskennt. «Jedenfalls, was die Gemälde betrifft», stellt er klar. Bis auf drei hat er alle Bilder von Rembrandt in den Händen gehalten und auf ihre Echtheit hin überprüft. Rembrandt ist auch Teil seines Lebenswerks, das er jetzt abgeschlossen hat.

«Ach, da ist es ja», ruft van de Wetering und steuert erfreut auf den höchsten Bücherstapel an der Wohnzimmerwand zu. Ganz oben liegt unverkennbar «A corpus of Rembrandt paintings VI», ein gut und gerne zwei Kilogramm schweres Buch, das zum stolzen Preis von fast 1100 Euro (1300 Franken) im Buchhandel erhältlich ist. Zufrieden streicht der Professor über den Titel: «Die Reproduktionen sind wunderschön geworden.»

Von 611 auf 340 Gemälde

Alle Gemälde von Rembrandt sind in diesem sechsten Band aufgenommen, mit dem van de Wetering das bislang grösste Projekt der niederländischen Kunstgeschichte abschliesst: das Rembrandt Research Project, kurz RRP genannt. «Als wir 1968 anfingen, dachten wir, in zehn Jahren fertig zu sein», erinnert er sich lachend. Es sind 46 Jahre geworden.

Ziel war es, sämtliche 611 Gemälde, die der niederländische Kunsthistoriker Abraham Bredius (1885–1946) einst Rembrandt zugeschrieben hatte, auf ihre Echtheit hin zu überprüfen. Im Laufe der Jahrzehnte schmolz das Werk des alten Meisters auf unter 300 Gemälde. Nun ist es wieder auf 340 angeschwollen: Das RRP hat 70 Gemälde wieder als echt zertifiziert – obwohl es 44 davon zuvor selbst abgeschrieben hatte. Wie ist so etwas möglich?

Ausschlaggebend sei der Blick eines Experten gewesen, der in einer Sekunde feststellen konnte, ob er einen echten Rembrandt vor sich hatte oder nicht: «Und zwar aufgrund von Stilkriterien und der Annahme, dass sich ein Stil linear entwickelt, also dass ein Künstler zu einer bestimmten Periode immer nur einen unverwechselbaren Stil haben kann, der in dieser Zeit stabil ist und sich nur allmählich entwickelt.» Aber das war falsch: «Im 17. Jahrhundert galt es sogar als besonderes Verdienst, mehrere Stile gleichzeitig zu beherrschen.»

Van de Wetering selbst war mit vielen dieser vorgenommenen Abschreibungen in den ersten drei Bänden nicht einverstanden. Das führte zu grossen Spannungen und letztendlich zum Bruch: 1993 machte er mit einem neuen multidisziplinären Team einen Durchstart. Nun bestand das RRP nicht mehr nur aus Kunsthistorikern, sondern auch aus Chemikern, Datierungs- und Leinwandexperten sowie Kostümhistorikern. «Dabei haben wir auch alle betreffenden Werke aus den ersten drei Bänden nochmals untersucht.»

Nicht alle sind einverstanden

Die Freude über die Rehabilitierungen ist nicht überall gleichermassen gross: So bleibt man in der National Gallery in London der Ansicht, mit dem «Mann im Lehnstuhl» einen falschen Rembrandt im Haus zu haben. «Die Befunde des RRP sind zwar sehr interessant», so Konservatorin Betty Wiesman. Aber um zu sehen, dass der «Mann im Lehnstuhl» kein Rembrandt sei, bräuchte sie ihn nur anzuschauen. Van de Wetering entlockt das nur ein Schulterzucken: «Die Frau hat in ihrem Leben vielleicht 20 Rembrandts in den Händen gehalten, die weiss eigentlich nichts über Rembrandt.»

Selbst allerdings will van de Wetering nun erst einmal eine Entziehungskur machen. Er erwägt sogar, das Wort Rembrandt in seiner Mailbox blockieren zu lassen: «Es gibt ein Leben nach Rembrandt.»

Ernst van de Wetering: «Rembrandt’s Paintings Revisited, a complete survey.» Springer, 748 Seiten.