Kultur

Raus aus der Stadt, zurück zur Natur: Die Botschaft der Panoramabilder im Basler Bahnhof ist hoch aktuell

Die Panoramabilder im Basler Bahnhof SBB sind bald 100 Jahre alt. Ihre Botschaft ist aber gerade in diesem Sommer aktuell.

Mathias Balzer

Die Berge leuchten und spiegeln sich im dunklen Urnersee. In der Ferne,
direkt am Ufer, die Schemen eines Dorfes mit Hotels. Der Himmel spannt sich weit. In der Felswand führt ein einsamer Weg nach oben.

Das ist grosses Kino, das der Maler Ernst Hodel 1927 in die Halle des Bahnhofs SBB in Basel gezaubert hat. Kino für Schweizreisende, die hier noch 200 Kilometer vom Ziel entfernt sind: den Alpen. Das Bild soll die Sehnsucht befördern nach unberührter Landschaft, frischer Luft für den Körper, Übersicht und Ruhe für den Geist. In diesen Tagen zeugen in den sozialen Medien Kaskaden von Ferienfotos davon, dass die Berge immer noch Sehnsuchtsort sind. Das war jedoch nicht immer so.

Der britische Autor, Architekt und Gartenbauer John Evelyn – er schrieb das erste Buch über die Luftverschmutzung in London – vertraute Mitte des 17. Jahrhunderts seinem Tagebuch dies an: «Die Alpen sind nicht nur eine unerfreuliche Schranke zwischen den wonnevollen Gärten Frankreichs und den Paradiesen Italiens, sondern überhaupt der Unratshaufen der ganzen Erde, den die Natur hier zusammengekehrt hat.»

Es war die Zeit, als sich nur abenteuerlustige Wissenschaftler für die Alpen interessierten. Den meisten anderen waren sie ein düsterer, gefährlicher Hort, von Geistern und Teufeln bevölkert. Naturgenuss war damals Genuss gezähmter Natur. Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. hatte dafür in Versailles das allgemeingültige Modell erschaffen. Aus dem geometrisch angelegten Park war alles Wilde und Ungeordnete verbannt.

Wenn man sich über die Wohnstätten der Sterblichen erhebt

Mitte des 18. Jahrhunderts erwuchs jedoch nicht nur der Alleinherrschaft des Königs, sondern auch seiner Naturauffassung Widerstand. Jean-Jacques Rousseau begründete mit seinem Roman «Julie ou la Nouvelle Héloïse» die Schwärmerei für die «wirkliche» Natur, verbunden mit der Verehrung des «ehrlichen» Gefühls. Nach Rousseau fanden alle reinen, auch exzessiven Empfindungen gerade in der Wildheit der Alpen ihren Ausdruck. «Zurück zur Natur, heraus aus der Zivilisation» wurde zum Schlagwort einer ganzen Generation, die dem Genfer Philosophen an den Lac Léman und ins Wallis folgte.

Er schrieb 1761: «Es scheint, als ob man, sobald man sich über die Wohnstätten der Sterblichen erhebt, alle niederen irdischen Gefühle zurücklässt, als ob die Seele etwas von deren gleichbleibender Reinheit annimmt.»

Einige Jahre zuvor machte sich ein Berner Student von Basel aus auf ins Gebirg. Zurück kam er mit einem Bestseller. In «Die Alpen» feierte der Dichter und Naturwissenschaftler Albrecht von Haller die Schönheiten des Hochgebirges, die edle Einfalt bäuerlicher Hirten, deren reine Sitten so sehr im Gegensatz standen zur Verderbtheit der Fürstenhöfe und Städte.

Die Alpen waren für von Haller Mauern, die dieses Arkadien vor schlechten Einflüssen schützen. Sein Gedichtband wurde in den Salons des Rokokos herumgereicht, in zahlreiche Sprachen übersetzt und dreissig Mal neu aufgelegt. Der Erfolg hatte seinen Preis. Von Haller erging es wie vielen Entdeckern jener Zeit: Seine Sage vom Paradies sorgte dafür, dass dieses von Glückssuchenden überrannt wurde.

Rousseau und von Haller hatten das Eis gebrochen. Fortan war die wilde Natur in aller Munde. Und mit ihr die Kultivierung eines Gefühls: die Erhabenheit. 1801 widmete ihr Friedrich Schiller seinen folgenreichen Text «Über das Erhabene». Darin tönt es so: «Das Erhabene muss zum Menschen hinzukommen, um ihn zu einem vollständigen Ganzen zu machen und die Empfindungsfähigkeit des menschlichen Herzens zu erweitern.»

Rousseau, von Haller und Schiller waren die Bestseller in Sachen Reiseanleitung. Bald folgte ihrem Ruf eine neue Spezies Mensch – der Tourist. Und ebenso bald entwickelte sich ein Kanon von Natursehenswürdigkeiten, die besucht haben musste, wer in den städtischen Salons mitreden wollte: die Wasserfälle im Lauterbrunnental, die Seenplatte im Oberengadin, die Gletscher von Grindelwald, die Teufelsbrücke am Gotthard, der Rigi bei Luzern. Noch war die Reise mit Postkutsche eine tagelange Tortur. Aber bald schon schlug die Stunde der Eisenbahn.

Sturm gegen die Monsterfotografien

Die Panoramabilder im Bahnhof SBB sind späte Zeugnisse der Sehnsucht nach dem Erhabenen. Als sie gemalt wurden, hatte der Alpentourismus seine erste Blüte bereits hinter sich. In der Belle époque schossen Hotelkästen, Thermalbäder und Sanatorien wie Pilze aus dem Alpenboden. Der Erste Weltkrieg setzte diesem Boom ein jähes Ende. Es war Wirtschaftskrise. Damals wie heute war der Bundesrat gefordert, diese zu mildern.
Neben vielen anderen Massnahmen lancierte er einen Hilfsfonds zur Unterstützung bedürftiger Künstler. Dieser Weitsicht verdanken wir die Panoramabilder. Ein anderer Treiber war, wie könnte es in Basel anders sein, eine ästhetische Auseinandersetzung. Im 1907 eröffneten Bahnhof warben die Schweizer Tourismusdestinationen mit Plakaten für Gäste. Der Heimatschutz drängte darauf, diese «unkünstlerischen Monsterfotografien» zu beseitigen.

1919 nahm sich der junge Basler Kunstkredit der Sache an. Der Verunstaltung der Bahnhofshalle sollte Einhalt geboten werden, ohne dass die Touristiker ihre Werbeflächen verlieren. Die Maler Ernst Hodel, Hans Beat Wieland, Werner Miller und Ekkehard Kohlund erhielten den Auftrag und die Jungfraubahn, Gstaad, das Oberengadin, Urnersee und Matterhorn ihren imposanten, künstlerisch korrekten Aufritt – für nun bald hundert Jahre.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends präsentierten sich die Bilder jedoch in einem desolaten Zustand. 2014 thematisierten die bz und die NZZ den Missstand. Auf Druck der Presse und der Denkmalpflege liessen die SBB die Bilder 2016 aufwendig restaurieren.

Aus Rousseaus Idee sind Slogans geworden

Mittlerweile ist es eng geworden auf den einsamen Gipfeln. Die einst wilden Berge und Täler haben sich in ausgedehnte Parks mit Sportanlagen verwandelt. Hallers hehre Hirten sind zu Dienstleistern für den Tourismussektor mutiert. 2018 wurden in der Schweiz 11.7 Millionen Ankünfte internationaler Touristen gezählt. Nicht alle, aber viele reisen in die Alpen.

Und auch für die Schweizer bleibt das Gebirge Ort der Erholung. Die Bergler haben von Rousseau gelernt und seine literarische Botschaft zu Slogans eingedampft. Die Engadiner texten schlicht: «Diese Berge, diese Seen, dieses Licht.» Noch knapper können es die Berner Oberländer. Ihr Claim lautet «#Feelthelove».

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