Feuer und Flamme

Nicole Konstantinou und die Frage nach der Wichtigkeit materieller Dinge

Die beiden Räuchermännchen erinnern humorvoll an das, was im Leben wichtig ist.

Die beiden Räuchermännchen erinnern humorvoll an das, was im Leben wichtig ist.

Nicole Konstantinou, Leiterin der Kommunikation in der Kaserne Basel, spricht über die Kunst, Dinge loszulassen.

«Ich würde, wenn das Haus brennt und alle Lebewesen gerettet sind, eigentlich nichts mitnehmen. Ich mag die ganzen Dinge, die mich derzeit umgeben zwar sehr. Aber ich frag mich, ob sie, wenn es darauf ankommt, wirklich wichtig sind. Hinzu kommt, dass ich den Eindruck habe, dass mir materielle Dinge immer unwichtiger werden.

Das war nicht immer so. In der Vergangenheit hab ich mir eher Klamotten gekauft, weil ich vielleicht etwas darstellen wollte. Ich hab Dinge nicht bloss wegen ihres eigentlichen Zwecks gekauft, sondern weil auch ein Status damit verbunden war oder eine Art Belohnung. Die Sucht nach dem Neuen spielte sicher auch eine Rolle, weil das Alte plötzlich uninteressant wurde. Heute frage ich mich, ob ich den fünften Pullover wirklich brauche, um interessant zu wirken. Andere brauchen sogar das neuste Automodell, um ihren Status zu markieren. Das ist alles nicht mehr so wichtig für mich. Deshalb ist die Frage, auf der diese Serie beruht, für mich eine Herausforderung. Was würde ich retten?

Es gibt da die funktionalen Gegenstände, wie Laptop, Notizbücher, das Sofa oder einen schicken Mantel. Die lassen sich alle ersetzen. Dann gibt es noch die Gegenstände, die aufgeladen sind mit Emotionen und Erinnerungen, wie Fotografien, Bilder, der Talisman, Schallplatten oder Liebesbriefe. Diese Dinge sind im Grunde gegenständliche Filialen unseres Innenlebens.

Sie lassen sich vielleicht nicht ersetzen. Aber die Emotionen, die ich mit ihnen verbinde, sind in meinem Bewusstsein gespeichert. Sie begleiten mich also, wenn ich die Wohnung fluchtartig verlassen muss. Wenn ich zurückdenke an all die Gegenstände, die ich in meinem Leben bereits zurückgelassen habe, fällt mir im übrigen keiner ein, den ich heute wirklich vermisse.

Die Figur steht auch für Humor, eine wichtige Eigenschaft

Aber zurück zur Ausgangslage dieser Serie: Ich sehe hinter der Frage, welchen Gegenstand ich aus der brennenden Wohnung retten würde, eigentlich die Frage, was mir wirklich wichtig ist in meinem Leben. Wenn ich stellvertretend dafür einen Gegenstand auslesen müsste, dann wären es diese beiden unförmigen Räuchermännchen, die ich mitnehmen würde. Das dunkle Männchen hat mir meine Tochter getöpfert. Sie ist jetzt 31 und war etwa sieben Jahre alt, als sie es für mich gemacht und mir geschenkt hat, mit viel Stolz.

Alle Eltern kennen das ja: Wir werden von den Kindern überschwemmt mit solchen Objekten, Gebasteltem oder Zeichnungen. Wir laden diese dann emotional auf und sehen ganz viel darin. Ebenso laden die Kinder sie mit ihren Emotionen auf. Und wir Eltern sind dann verdammt dazu, sie aufzubewahren. So hab ich dieses Räuchermännchen seit 24 Jahren mit mir mitgenommen, von Wohnung zu Wohnung, und noch heute fragt meine Tochter, eher scherzhaft, danach. Die Figur steht also auch für Humor, eine hilfreiche Eigenschaft im Leben.

Nun gibt es da noch dieses zweite, helle, unfertige Männchen. Es ist entstanden, als ich meinen zweiten Mann geheiratet habe. Freunde schenkten uns damals eine gemeinsame Aktion. Wir durften wählen zwischen einem Ausflug in den Europapark, einer schamanistischen Gruppensession mit Ayahuasca oder geselliges Töpfern auf dem Lande.

Wir haben uns für Letzteres entschieden und ich hab in diesem Kurs das Räuchermännchen meiner Tochter nachgetöpfert, als kleine Rache, um sie ein wenig zu piesacken, damit sie dasselbe Objekt von mir hat, um es aufzubewahren, auszustellen, und bei Umzügen sorgfältig verpackt mitzunehmen. Ich muss es aber noch fertigstellen, bevor sie es bekommt.

Die beiden kauzigen Männchen sind für mich ein kleines Gleichnis dafür, was mir wirklich wichtig ist in meinem Leben. Nämlich: Zeit zu verbringen mit Menschen, mit der Familie, mit Freunden. Die Männchen stehen für meine Kinder und zugleich für die gemeinsame Aktion mit den Freunden.

Elementar ist jedoch nicht der Gegenstand. Er ist für mich lediglich Platzhalter für das Wesentliche: das Zusammensein, das Miteinander, den Austausch untereinander, die Auseinandersetzung, die Reibung und auch die Liebe. Und sie erinnern mich mittlerweile auch daran, dass mir viele materielle Dinge nicht mehr so wichtig sind.

Meine Kinder wollten einfach nicht ausziehen

In gewisser Weise habe ich diese Art Unabhängigkeit gegenüber Gegenständen des Alltags schon früh trainiert. In Berlin habe ich mit meinen Kindern, als sie bereits erwachsen waren, in einer Art WG zusammengelebt. Nicht nur freiwillig. Meine Kinder wollten einfach nicht ausziehen. Und so hab ich eines Tages im Jahr 2013 beschlossen, selbst in eine andere, kleinere Wohnung zu ziehen, und ihnen meine Wohnung mitsamt der ganzen Einrichtung, mit allen Möbeln zu überlassen.

Nicole Konstantinou, Leiterin der Kommunikation in der Kaserne Basel

«Wichtig ist, Zeit mit Menschen zu verbringen.»

«Wichtig ist, Zeit mit Menschen zu verbringen.»

Das war eine schöne Erfahrung: mich von all diesen Dingen zu trennen. Heute wohnt meine Tochter immer noch da. Und so kehr ich jedesmal, wenn ich sie besuche, in meine alte Wohnung in Berlin zurück. Ich bin also geübt darin, Dinge zurückzulassen. Hier hin nach Basel habe ich nur wenige mitgebracht – dafür den Kater Luis. Der ist mir aus Berlin geblieben. Aber er ist ja auch kein Gegenstand.»

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