Locarno
Locarno eröffnete mit einem easy-peasy Liebesfilm

Mit dem tragikomischen Liebesfilm «(500) Days of Summer» des Amerikaners Marc Webb wurde gestern Abend das 62. Filmfestival von Locarno auf der Piazza atmosphärisch eröffnet. Festivalpräsident Marco Solari zeigte sich kämpferisch wie ein Leopard.

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Aargauer Zeitung

Christian Jungen, Locarno

Der Leopard von Locarno fletscht auf dem Festivalplakat die Zähne. Ist er hungrig? Verliebt in eine Pardina? Oder bedroht durch einen Zürcher Löwen? Zieht man die Auftritte von Marco Solari zur Erklärung herbei, dann ist er kämpferisch. Der in allen Teilen der Schweiz hervorragend vernetzte Festivalpräsident weibelte auch in Zeiten der Krise und der immer grösseren Konkurrenz erfolgreich, um das Budget von 11,3 Millionen Franken zu sichern. Im Katalog schreibt Solari, dessen Mutter aus dem protestantischen Emmental stammt, das Festival und das Tessin dürften sich nie zurücklehnen «und den Augenblick geniessen». Glück gehabt, wer gestern Abend als ausserkantonaler Filmfan auf der Piazza sass und den Eröffnungsfilm geniessen durfte.

«(500) Days of Summer» ist, wie der Ich-Erzähler aus dem Off eingangs erklärt, eine «Junge trifft Mädchen»-Geschichte, aber keine Lovestory. Der eingefleischte Romantiker Tom (Joseph Gordon-Levitt) rekapituliert seine 500 Tage dauernde Liaison mit der frivolen Summer (Zooey Deschanel). Tom schreibt Standardtexte für amerikanische Glückwunschkarten und verliebte sich im Geschäft in Summer, die Assistentin seines Chefs. Das Spezielle am Film: Die Erzählung ist nicht chronologisch, Tom springt von Tag 1 zu Tag 10, dann zu 498 und zurück zu Tag 22.

Die Liaison war eine ständige Achterbahnfahrt, weil Summer ihm klipp und klar sagte, dass sie keine feste Beziehung will, sondern einfach nur glücklich sein. Tom lässt sich zunächst cool darauf ein, doch dann ergeht es ihm wie den 68ern, die mal so locker die Libertinage ausprobierten und dann eben doch eifersüchtig wurden, als ein anderer mit ihrer grossen Liebe schlief.

Das ist eine Weile durchaus amüsant, doch die Spannung lässt je länger, je mehr nach. Der Film ist ein Befindlichkeitsfresko, das sich im besten Fall als Absage an den übersteigerten Individualismus deuten lässt. Faszinierend ist er vor allem, weil ihn Marc Webb, der sich als Videoclip-Autor für Musiker wie Santana oder Evanescence einen Namen machte, atmosphärisch inszenierte. «(500) Days» spielt zwar im Los Angeles der Gegenwart, wirkt aber wegen der Gelb- und Brauntöne sowie des Klassikers «The Graduate» (1967), den die beiden sich anschauen, retro.

Getragen wird das Werk von zwei grossartigen Schauspielern, vor allem Zooey Deschanel spielt Summer hinreissend. In ihren Augen könnte man einen ganzen Sommer lang verweilen. «(500) Days» ist ein easy-peasy Konsensfilm und war insofern ein guter Auftakt, als er in der Erinnerung gleich verdunstet und Platz für Substanzielles frei lässt.