Ein neues Buch von Martin Walser? Das liest sich fast nicht mehr wie eine Neuigkeit, so regelmässig wiederholt es sich. Und doch bleibt es stets bemerkenswert. Keinesfalls nur wegen des hohen Alters des mittlerweile 91-jährigen Deutschen.

In «Spätdienst», einer sorgsam komponierten und mit Arabesken seiner Tochter Alissa hübsch illustrierten Sammlung literarischer Miniaturen, legt er bereits im Titel den Finger in die Wunde der eigenen Vergänglichkeit. Und auch in den im Buch enthaltenen Gedichten, Aphorismen und essayistischen Notizen setzt er sich mit dem Tod auseinander. Poetisch verklärt: «Schon gibt es Herbstgold in der Luft, / auch ein Hauch Kühle fliesst ein, / und wie einen die Zahl anruft, / als stünde sie schon auf dem Stein.» Oder prosaisch nüchtern: «Ich muss darauf gefasst sein, / dass es sich hinzieht, / dass ich nicht mehr weiss, / was ich sage, / und in jeder Stunde, / bis zur letzten, / das Bett beschmutze.»

Allein, dass da ein alter Mann über Altwerden, Demenz und Sterben nachdenkt, wäre nur halb so faszinierend, wäre dieser alte Mann nicht ein deutschsprachiger Grossschriftsteller, einer der letzten seiner Art. Jedes neue Walser-Werk ist vor allem deshalb ein Ereignis, weil selbst das penetranteste dozierende Geraune, die prätentiösesten Wortprahlereien, zu denen sich Walser im überambitionierten Versuch, sich selbst ein Denkmal zu setzen, in Spätwerken wie «Muttersohn» (2011), oder «Ein sterbender Mann» (2016) verstieg, mit ihrer sprachlichen Wucht begeistern. Noch im gelangweilten Gähnen jagt das einem literarische Lustschauer über den Rücken.

Auch die schlüpfrig degoutanten Ausfälle, die sich dieser kafkaeske Sprachkünstler immer wieder leistet, wie zuletzt in seinem Liebesroman «Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte» (2018), in dem der Protagonist eine Widersacherin wiederholt als «trockene Scheide» verunglimpft, auch diese selbstgefälligen sexistischen Provokationen, mit denen Walser sich als Feuilletonschreck inszeniert, lassen sich nicht einfach abtun. Viel zu virtuos sind sie formuliert. Von einem seltenen Glücksfall wie «Statt etwas oder Der letzte Rank» (2017) einmal abgesehen, waren Walsers Romane zuletzt insgesamt eine Zumutung, in fast jedem einzelnen Satz aber grandios.

So gesehen, macht es Walser seinem Publikum diesmal leicht. Bei «Spätdienst» nämlich kann man getrost achronologisch hinein- und herauslesen, auch wenn «Bekenntnis und Stimmung», so der Untertitel, lose im Wechsel der Jahreszeiten arrangiert sind. Vieles, auch der melancholische Grundton, erinnert an Walsers «Messmer»-Trilogie. Fand Messmer als Protagonist schon in «Messmers Momente» (2013) kaum noch Erwähnung, ist er nun eben ganz verschwunden.

Zeitlos und leicht

Geblieben ist ein namenloses lyrisches Ich, das sich freilich mit den gleichen, alten Walser-Problemen herumschlägt: dem Tod, der Sehnsucht, der Liebe, dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit und mit seinen Kritikern. Gleich mit der Widmung lässt Walser erahnen, dass ihm diese Feindschaft längst zum kreativen Quell geworden ist: «Für Gegner: ein gefundenes Fressen. Für meine Leser: vielleicht ein Ausflug ins Vertraute.»

Wie aktuell die kleinen Texte, die nie über ein paar Zeilen hinausgehen, jeweils sind, bleibt ungeklärt. Zu den Literaturkritikern, an die Walser seine Seitenhiebe verteilt, zählen neben Volker Weidermann («Literarisches Quartett») oder Iris Radisch («Zeit») auch der ehemalige «FAZ»-Herausgeber Frank Schirrmacher, Hellmuth Karasek und Walsers einstiger Intimfeind Marcel Reich-Ranicki, die alle drei tot sind.

Zeitlos dagegen wirkt die mit sanfter Selbstironie gepaarte Wehmut, die aus den Zeilen spricht, das Wortspiel mit existenziellen Widersprüchen: «So einsam, wie ich bin, kann ich nicht sein.»

Man könnte mit Walser verzweifeln an dieser tristen Welt – «Mit den Fäusten in den Augen / habe ich diesen Tag verbracht. / Es hat schwarz und rot geregnet / in meiner Lichtlosigkeit.» –, zögen seine Texte nicht eben daraus ihre poetische Kraft: «Ich bin ein angebundenes Tier, das so tut, als möchte es gern frei sein, während es mit Genuss die Gefangenenkost frisst.» Möglicherweise liegt darin ein Schlüssel zum Verständnis von Walsers Werk verborgen, dass es gerade die Qualen sind, die er loswerden will, die ihn ausmachen.

Martin Walser: Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung, Rowohlt, 207 Seiten.