Mein Lieblingswerk
Jürg Henneberger: «Das Bild hat mich schockiert und zugleich fasziniert»

Jürg Henneberger, Pianist, Dirigent und Leiter des Ensemble Phoenix Basel, wählt Ferdinand Hodlers «Die Sterbende», das Bildnis der sterbenden Valentine Godé-Darel vom Januar 1915 als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

Jürg Henneberger
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Ferdinand Hodler: Die Sterbende, 1915, Öl auf Leinwand, 60.1 x 90.3 cm, Ankauf 1942 mit einem Beitrag aus dem Birmann-Fonds.

Ferdinand Hodler: Die Sterbende, 1915, Öl auf Leinwand, 60.1 x 90.3 cm, Ankauf 1942 mit einem Beitrag aus dem Birmann-Fonds.

Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler

«Ferdinand Hodler ist vor allem als Maler monumentaler Ölgemälde und Wandbilder bekannt und – zumindest mir selbst – wegen seiner symbolistischen, zur Idealisierung neigenden Darstellung des Menschen immer etwas suspekt geblieben. Dass er phänomenale, zukunftsweisende Landschaftsgemälde und äusserst lebensgetreue Porträts malen konnte, wurde mir erst später bewusst.

Jürg Henneberger.

Jürg Henneberger.

Roland Schmid

Im Jahr 1908 lernte der damals 55-jährige Hodler die 20 Jahre jüngere Pariser Tänzerin Valentine Godé-Darel kennen, die seine Geliebte wurde. Im Oktober 1913, kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Pauline-Valentine, wurde bei Godé-Darel ein Krebsleiden diagnostiziert, dem sie am 25. Januar 1915 erlag. Hodler malte über ein Dutzend Gemälde und mehr als 100 Zeichnungen seiner Geliebten und dokumentierte damit den Verfall einer lebenslustigen Frau von jugendlicher Schönheit bis zu ihrem Tod.

Das Bild, das mich 1976 in der Berner Ausstellung am meisten schockiert und gleichzeitig fasziniert hat und das ich mit grosser Freude viele Jahre später im Kunstmuseum Basel wieder entdeckt habe, ist das mittelgrosse Ölgemälde «Die Sterbende», auf dem die todkranke Valentine Godé-Darel am Tag vor ihrem Tod abgebildet ist. Der Blick des Betrachters wird vom Gesicht der Kranken in der rechten Bildhälfte geradezu magisch angezogen. Man fühlt sich unangenehm berührt, kommt sich vor wie ein Voyeur, der einen indiskreten Blick wagt.

Aber Hodler schaut sehr genau hin und lässt uns quasi in seine Rolle schlüpfen. Er zeichnet schonungslos die eingefallenen Gesichtszüge, die markante Nase, den offenen Mund, ohne Beschönigung, absolut realistisch, plastisch wie eine Skulptur. Alles Weitere – Nachthemd, Kissen, Bettlaken, Hintergrund – ist mit wenigen Pinselstrichen angedeutet.

Was ich damals schon geahnt habe, als ich als 19-Jähriger dieses Bild zum ersten Mal betrachtete: Diese Detailversessenheit ist Hodlers Art, seinen Schmerz und die Trauer zu verarbeiten. Es wurde mir klar, dass Valentine Godé-Darel mehr als nur eine Geliebte war.

Sie war wohl die Frau, die Hodler zeit seines Lebens am meisten geliebt hatte. Das musste auch seine zweite Ehefrau Berthe Jacques gespürt haben, denn nach Godé-Darels Tod adoptierte sie deren Tochter Pauline-Valentine und nahm sie somit in die Familie auf.»

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