Erst werden die Hände klamm. Dann die Zehen. Zum Schluss kriecht die Kälte bis tief in die Knochen. Selten war Schuberts «Winterreise» so unmittelbar körperlich erfahrbar wie bei der Musiktheater-Gruppe Le Collectif Barbare. Denn gespielt wird in der riesigen, unbeheizbaren Alten Reithalle. Entsprechend tragen die Darsteller Skihosen, Mützen, Schals – dasselbe wird auch dem Publikum empfohlen. «Dieses Stück zeigt, was man erlebt, wenn man alleine ist oder in der Kälte ist. Es ist eine traurige Geschichte», sagt Eqbal Nabizada. Und er muss es wissen.

Der junge Mann ist einer von 15 UMA (Unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden), die gemeinsam mit Schweizer Jugendlichen im Stück mitmachen, mitspielen, mitmusizieren. Einige haben zum ersten Mal ein Instrument in der Hand. Anders Eqbal, er spielt seit zwei Jahren Gitarre, nimmt Unterricht bei einem Lehrer, «aber am meisten schaue ich Tutorials auf Youtube», sagt er. So lernt er Songs, «verschiedene Songs», wie er betont, darunter zum Beispiel «Ist da jemand» von Adel Tawil, «Wind of Change» von den Scorpions oder auch persische Lieder – «das ist meine Muttersprache», fügt der junge Mann erklärend hinzu. In der Winterreise spielt er bei den Liedern «Wirtshaus» und «Gefrorene Tränen» die Gitarre. «Nein, das ist nicht so schwierig», meint er nach kurzem Nachdenken.

«Soll ich mich vorstellen?», hatte er zu Beginn unseres Gesprächs zuvorkommend höflich gefragt – um bereits fort zu fahren: «Mein Name ist Eqbal Nabizada, ich bin 21 Jahre alt und wohne seit vier Jahren in der Schweiz, in Aarau. Ich komme aus Afghanistan». Die Sätze tönen routiniert. Wie oft er sie schon hat wiederholen müssen, weiss wohl nur Eqbal selbst.

Parallelen zum Stück

Sieht er Gemeinsamkeiten zwischen Schuberts Liederzyklus «Winterreise», wo ein unglücklich verliebter, junger Mann in der Kälte herum irrt, und sich selbst? «Ich glaube schon» antwortet er: «Da ist jemand, der so viele Schwierigkeiten hat mit Schnee und mit kalten Situationen. Ich fühle mit der Person mit. Ich hatte auch schon solche Schwierigkeiten.» Mit meteorologischer Kälte hat Eqbal tatsächlich einschlägige Bekanntschaft gemacht. Er habe einmal im Dezember draussen übernachtet: «Ich hatte nur einen Schlafsack. Das war mega kalt», fasst er pragmatisch zusammen. Ebenso sind ihm die improvisierten Zeltlager vertraut, die in der riesigen Reithalle einen Teil der Kulisse bilden.

Zeltlager selbst erfahren

«Zelte? Das habe ich auch erfahren. Zum Beispiel in Griechenland oder in der Türkei. Da habe ich auch in Zelten gewohnt», erklärt er und über seine ruhigen Gesichtszüge, die nur wenig Emotionalität spiegeln, scheint ein Lächeln zu huschen.

Dieses Lächeln kehrt auch während der Pause zurück, als einige der Jugendlichen Uno spielen. Immer lauter, immer schneller fliegen die Spielkarten auf den Stapel in der Tischmitte bis Esmat «Uno» ruft und – als ihn sechs Augenpaare ungläubig anstarren – in schönstem Schweizerdeutsch-Jugendsprache-Gemisch: «Oh mein Gott, ich bschisse nöd!» Auch Esmat ist ein UMA, auch er kommt aus dem Afghanistan und er strahlt jede Menge Energie und Spass aus. Eqbal scheint introvertierter, schaut zu, hält sich im Hintergrund.

Letzten Monat hat der junge Mann eine Schnupperlehre gemacht «in einem Heim für behinderte Menschen» erzählt er – dabei betont er statt «behinderte» wie selbstverständlich das Wort «Menschen». «Das Heim hat mich akzeptiert für ein Praktikum», fügt er mit sichtlichem Stolz hinzu. Wie es danach weiter gehe, weiss er nicht, da es mit seinem Ausländerausweis «N» nicht so einfach sei, eine Lehrstelle zu bekommen. «Ich möchte gerne mit Menschen arbeiten», erzählt er – und man glaubt es ihm sofort.

Ob er sich vorstellen könne, aus Liebesschmerz weit weg zu gehen, wie die Figur in der Winterreise? Eqbal denkt kurz nach und antwortet dann: «Als ich meine Familie verlassen habe, hatte ich diese Schmerzen. Da habe ich etwa so eine Situation wie hier im Theater erlebt. Es war ein Nachmittag. Und an diesem Nachmittag musste ich meine Augen schliessen und weggehen. Das war für mich mega schwierig», erzählt er. Mit ihm, Esmat und den anderen UMA erfährt man Schuberts «Winterreise» hier und heute.

Aarau, Alte Reithalle: «Winterreise» Ein grenzüberschreitendes Musiktheater von Le Collectif barbare. Premiere am Freitag, 15.2. 20.15 Uhr.