Literatur
«Ich glaube nicht, dass es grosse Geschichten ohne die kleinen gibt.»

Doris Knechts neuer Roman heisst «Besser» – dabei ist das Streben nach dem Besten manchmal alles andere als gut, meint die Autorin. Kein Wunder also kommen im Buch Liebesszenen vor, die alles andere als romantisch sind.

Anna Kardos
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Quer gestreift statt kleinkariert: Doris Knecht. Pamela Russmann

Quer gestreift statt kleinkariert: Doris Knecht. Pamela Russmann

Josefine v. Eisenhart

Gratulation, Sie haben den unromantischsten Liebesakt der Literaturgeschichte geschrieben.

Doris Knecht: Ich habe eine Schwäche für unromantische Liebesszenen. In meinem Lieblingsfilm «The Big Easy» sind zwei ewig hintereinander her. Als sie es endlich miteinander ins Bett schaffen, ist es eine Abfolge von Peinlichkeiten. Das ist so rührend. Darum wollte ich eine Liebesszene schreiben, die so realistisch ist.

Dafür werden im Buch die schönen Liebesszenen übergangen.

Jaja, eh! Der Punkt ist: Ich kenne einige Frauen, die dabei an etwas ganz anderes denken. Genau das wollte ich einmal beschreiben. Und prompt kam von weiblichen Leserinnen sehr viel Zuspruch. Andererseits haben Literaturkritiker auch die Nase gerümpft und fanden: Muss das sein? Ich fand aber: Es muss so sein.

Die Kolumnistin, die auch ernst kann

Doris Knecht (1966) ist so manchem Schweizer Leser als ehemalige Kolumnistin des «Tages-Anzeigers» und des «Magazins» in bester Erinnerung. Keine andere hat das Leben zwischen Kindern und Karriere mit so viel Selbstironie und Humor beschrieben wie die in Vorarlberg geborene Autorin. Seit der Geburt ihrer Zwillingstöchter lebt Doris Knecht mit ihrer Familie in Wien, wo sie für den «Kurier» und den «Falter» Kolumnen schreibt.
Vor zwei Jahren gab sie ihr Romandebüt mit «Gruber geht» und wurde dafür auf Anhieb für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Auch in ihrem soeben erschienenen zweiten Roman «Besser» (Rowohlt Berlin, 284 Seiten, Fr. 29.90) schafft die Autorin den Spagat zwischen leichtem Tonfall und ernster Thematik, wenn sie die Geschichte einer Vorzeigemutter erzählt: Ein Mann, der sie auf Händen trägt, ein Loft in einem In-Quartier und zwei süsse Kinder - Antonia führt in den Augen ihrer Freunde so etwas wie ein Märchendasein. Doch niemand ausser ihrem engsten Freund weiss, dass das Märchen eine dunkle Vergangenheit hat. Denn ihre Kindheit verbrachte Antonia als Kind einer suizidalen Alkoholikerin auf dem Land, ihre Jugend als Heroinsüchtige auf der Strasse. Und so droht die Protagonistin immer wieder aus ihrem Hochglanzleben heraus- und in die Vergangenheit zurückzufallen. Ein Buch zum Wegschletzen, das trotzdem nachhallt. (ank)

Ihr Roman ist eine Cinderella-Geschichte. Aber nicht vor dem ersten Kuss, sondern im verflixten siebten Ehejahr. Weshalb stellen Sie diese Phase einer Beziehung dar?

Ich selbst kriege gerne erzählt und analysiert, was in meinem Umfeld passiert. Deswegen spielt der Roman in der Nähe meines eigenen Milieus, mit Kindern und Ehe. Ich wollte die Brüche oder gar Verlogenheiten in einer langen Beziehung nicht kritisieren, sondern beleuchten, wie viele versuchen, ein halbwegs anständiges Leben zu führen. Und dass das nicht immer gelingt.

Männliche Autoren schreiben noch als über 70-Jährige VerknallGeschichten.

(Lacht.) Daran scheitern die besten Schriftsteller!

Entwickelt man als Autorin einen anderen Blick auf die Liebe?

Vermutlich schon. Vor allem als Autorin, die älter wird. Ich bin jetzt über vierzig. Plötzlich begreift man da die Angst der über 50-jährigen Frauen davor, zu verschwinden. Deshalb geht man sicher anders an das Thema heran als ein Mann, der glaubt, er ist bis 80 frisch und kann sich alles nehmen, was er will.

Der Titel Ihres Romans ist «Besser». Doch nach zwei Dritteln denkt man: Die Situation kann nur schlechter werden.

Es gibt ja kein grosses Ereignis in diesem Buch. Das Leben der Hauptfiguren rollt sich so auf, die grossen Ereignisse passieren rundherum und streifen sie kaum. Und oft ist es das Beste, was in einem Leben passieren kann, dass nichts passiert. Darüber habe ich viel nachgedacht.

Ihr Roman spielt in einer Kulisse von sehr zeitgeistigem Lifestyle. Warum?

Ich kenne das eben aus meinem Umfeld – Sie nicht?

In der Literatur kommt Lifestyle aber kaum vor.

Viele Autoren machen das nicht, weil die Kritiker es trivial finden: Wie binde ich den Lammbraten, wie schaue ich auf die Stöckelschuhe einer Bekannten? Aber diese Banalitäten machen ein Leben auch aus. Ich weiss, dass viele Literaturkritiker fragen: Warum muss das sein? Kann man nicht grosse Geschichten erzählen? Ich glaube nicht, dass es grosse Geschichten ohne die kleinen gibt.

Ihr Schreibstil ist sehr leicht – oder leichtfüssig, um es nicht wertend zu formulieren.

Ich finde «leicht» keine schlechte Wertung. Wenn etwas leicht zu lesen ist, ist das für mich ein Qualitätsmerkmal.

Sprechen Ihre Romane deshalb ganz verschiedene Leser an, von der Wenig-Leserin bis zum eingefleischten Kritiker?

Bekannt bin ich ja als Kolumnistin. Und gerade deshalb ist es toll, dass sich ganz viele Leute von meinem ersten Roman angesprochen fühlten. Anfangs hatte ich ein bisschen Angst, dass er als «Zusammenmantschgerung» von Kolumnen wahrgenommen wird. Als das Buch dann für den deutschen Buchpreis nominiert wurde, war das fantastisch. Es war wie ein Stempel drauf: Das ist Literatur.

Der Plot Ihrer bisherigen Romane ist schwer: traumatische Vergangenheit oder eine tragische Erkrankung. Wählen Sie bewusst solche Themen?

Mich interessiert es, weil ich mir selber Gedanken um solche Sachen mache. Die locker-leichten Sachen mache ich in der Kolumne. In meinen Büchern beschäftige ich mich mit komplizierteren, ernsthaften Geschichten. Doch in allen ernsthaften Geschichten steckt eine Prise Humor. Du kannst eine Krebserkrankung, ein Kindheitstrauma nicht nur mit Tragödie überleben.

Da kenne ich aber einige literarische Gegenbeispiele.

Vielleicht ist es auch das Wienerische. Wir machen über alles einen Schmäh. Also wollte ich so erzählen, dass die Leute nicht vollkommen frustriert aus dem Buch rausgehen. Es scheint geklappt zu haben.

Sie sagen, die Themen Ihrer Bücher beschäftigen Sie auch privat.

Mein erstes Buch entstand, als in meinem Umfeld einige an Krebs erkrankten. Und nun entdecke ich, dass viele meiner Freunde schreckliche Kindheiten hatten in konservativen, autoritären Elternhäusern. Und wie sie alle versuchen, das nicht an ihre Kinder weiterzugeben und sagen: Bis hierher ging es mir sch... und ab jetzt bin ich selber dafür verantwortlich. Das war es, was ich im neuen Roman erzählen wollte.

Entstehen Ihre Romane also aus Ihrem eigenen Leben heraus?

Mein Kollege Robert Menasse hat einmal gesagt: Erzähl das, was du lebst. Damit die Leute, die das irgendwann lesen, wissen, wie die Welt war, damals, als du geschrieben hast. Das interessiert mich. Ich glaube, ich bin eine sehr zeitgemässe Geschichten-Erzählerin. So viele Bücher werden doch geschrieben über eine Welt, die die Autoren selber nicht mehr gekannt haben. Und ich verstehe gar nicht, weshalb nicht mehr Autoren die Welt beschreiben, in der sie leben.

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