Andreas Homoki
Homoki wegen Gagen im Gerüchtewirbel

Zürich diskutiert den Vertrag von Opernhauschef Andreas Homoki: Das Gerücht, er erhalte bei Engagements im Ausland Gagen, derweil seine Sänger diese abgeben müssen, liegt in der Luft. Es ist falsch.

Christian Berzins
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Andreas Homoki erhält vom Opernhaus Geld als Intendant wie auch als Regisseur.

Andreas Homoki erhält vom Opernhaus Geld als Intendant wie auch als Regisseur.

Wolf Silveri

Kaum war Zürichs neuer Opernhausdirektor Andreas Homoki wegen einer notabene positiven Jahresrechnung 2012/2013 durch schwach begründete Angriffe der «Sonntags-Zeitung» in Schräglage geraten, da witterten die Alexander-Pereira-Treuen Morgenluft. In Verklärung der Pereira-Ära schossen sie wegen der sinkenden Sponsorengelder und Zuschauerzahlen los auf Homoki und streuten Gerüchte. Eine böse Behauptung wurde viel gehört: Homoki erhalte für seine Regie-Arbeiten im Ausland viel Geld, die Zürcher Ensemblesänger hingegen müssten die Gagen bei Gastengagements abgeben. Hildegard Schwaninger hatte in der «Weltwoche» im Herbst bereits einmal süffig stichelnd auf den vermeintlichen Missstand aufmerksam gemacht: «Wenn ein Sänger des Ensembles ein Engagement an einem anderen Haus hat, wird ihm Geld vom Lohn abgezogen. Bei Pereira konnte er die Gage behalten. Gilt diese Regelung auch für den Hausherrn, wenn er an anderen Häusern inszeniert?»

Was ist dran am Vorwurf? Und ist er ein Einzelfall, gibt es doch auch in der Schweiz noch andere Regie führende Intendanten, am Theater Basel etwa oder am Schauspielhaus Zürich?

Opernhaus fördert Gastspiele

Das Opernhaus Zürich verneint die Frage deutlich, ob gewisse Ensemble-Mitglieder ihre Gagen, die sie bei freien Engagements verdienen, ans Opernhaus abgeben müssen. Finanzchef Christoph Berner verweist auf den Gesamtarbeitsvertrag zwischen dem Schweizerischen Bühnenverband SBV und dem Schweizerischen Bühnenkünstlerverband SBKV, der künstlerische Nebentätigkeiten regelt. Offiziell heisst es: «Bei auswärtiger Gastiertätigkeit wird das Salär am Haus pro rata gekürzt.» Mit anderen Worten, so Christoph Berner: «Das Ensemblemitglied behält selbstverständlich die auswärtige Gage, allerdings wird sein Salär am Haus für die Dauer der Abwesenheit gekürzt.»

Doch Zürich verfährt nur halb so streng, obwohl vom Grundsatz her das Opernhaus diese Gesamtarbeitsvertrag-Regel auf alle Ensemblemitglieder anwenden müsste, die in einem Festvertrag sind und keine vertraglich definierte Limite an Vorstellungen haben. Da es insbesondere für junge Ensemble-Künstler wichtig ist, sich auch ausserhalb ihres Stammhauses zu präsentieren, wendet das Opernhaus diese GAV-Regel grosszügig erst ab dem 19. Gastiertag pro Saison an, um eine solche Gastiertätigkeit in einem gewissen Rahmen sogar zu unterstützen. «Das bedeutet, dass jedes Zürcher Ensemblemitglied über mindestens 18 Tage bezahlten Gastierurlaub pro Saison verfügen kann», so Berner. Gastiert ein Bühnenmitglied an einer Benefiz- oder Charity-Veranstaltung, erfolgt nie eine Kürzung der Gage. «Sehr wichtig ist auch, dass bei einer tieferen auswärtigen Gastiergage als dem anteiligen Salär am Opernhaus sein Salär nur um den Betrag der auswärtigen Gage gekürzt wird, damit ein Künstler aufgrund seiner Gastiertätigkeit in keinem Fall finanziell schlechter gestellt wird», erklärt Berner. Was für die Sänger gilt, gelte auch für den Intendanten, so der Finanzchef: «Niemand gibt auswärtige Honorare ans Haus ab, somit auch der Intendant nicht.»

Künstlerintendanten haben noch eine zweite, bequemere Möglichkeit, den Jahreslohn aufzubessern: Sie inszenieren gegen Zusatzhonorar am eigenen Haus. Aber auch das ist in Zürich geregelt. Homokis mit der Trägerschaft ausgehandelter Vertrag beinhaltet in seinem Salär pro Saison eine Inszenierung in Zürich. Erst ab einer zweiten Inszenierung pro Spielzeit wird seine Regietätigkeit zusätzlich vergütet. Homoki «nutzte» diesen Vertragspassus in der ersten Saison mit dem «Fliegenden Holländer» und «Lady Macbeth von Mzensk» aus, in der zweiten nicht: Er inszeniert «nur» Beethovens «Fidelio» zu Hause. Dafür ist er in der laufenden Saison an der Wiener Staatsoper, einem Top-Haus, für die Regie von Wagners «Lohengrin» verantwortlich. Auch in der ersten Saison war er auswärts zu sehen (Mailänder Scala), allerdings war es nur die Wiederaufnahme seiner Zürcher «Holländer»-Inszenierung. Geld erhielt er dafür trotzdem. Homoki-Wiederaufnahmen gibt es 2014 unter anderem auch in Dresden und Oslo.

Spitzengage über 80 000 Franken?

Damit sich Homoki nicht selbst Spitzengagen auszahlen kann, gibt es eine Zürcher Regel: «Die Bandbreite der Gagen für Gastregisseure ist sehr gross, und richtet sich letztlich nach dem Marktwert des Künstlers», sagt Berner. «Homokis Regiegage wurde bewusst und einvernehmlich so definiert, dass sie unter der Zürcher Höchstgage liegt.» Angaben zur Zürcher Spitzengage gibt das Haus keine – und somit kann weiterhin viel spekuliert werden, selbst die Angaben von Insidern variieren. Im Vergleich mit dem Ausland kann man aber sagen, dass Zürcher Regiekaliber à la Christoph Marthaler zwischen 50 000 und 80 000 Franken pro Regie verdienen. Homokis Lohn für die zweite Zürcher Arbeit, oder auch jene in Wien, ist also mehr als ein Zustupf.

Schauspielhaus wie Opernhaus

Im Schauspielhaus Zürich, wo die Regisseurin Barbara Frey als Intendantin wirkt, ist dieselbe Frage auch ein Thema. Eben hat Frey in Dresden Richard Strauss’ Oper «Elektra» inszeniert (in der Oper bezahlt man höhere Gagen als im Schauspiel), in Zürich ist Frey diese Saison für zwei Neuproduktionen als Regisseurin verantwortlich, Kafkas «Der Prozess» und Goldonis «Diener zweier Herren». Brigitte von der Crone, VR-Präsidentin, gibt fast dieselben Antworten wie ihr Kollege am Opernhaus: «Im Intendantenvertrag mit Barbara Frey ist eine Inszenierung pro Spielzeit im Salär inbegriffen. Ab einer zweiten Inszenierung pro Spielzeit wird ein zusätzliches Honorar ausbezahlt. Dieses liegt im marktüblichen Rahmen, jedenfalls aber unter der Höchstgage für Regisseure am Schauspielhaus.» Zusätzlich darf sie an einem anderen Theater eine Inszenierung machen. Und auch hier wird betont, dass Barbara Frey ihre Aufgaben als Intendantin selbstverständlich auch dann wahrnimmt, wenn Sie auswärts inszeniert.

Basel ist grosszügiger

Auch am Theater Basel gibt es diese Problematik, ist doch Hausherr Delnon gleichzeitig künstlerischer Leiter des Musiktheaters der Schwetzinger Festspiele – das ist allerdings wieder eine andere, vertraglich geregelte Aufgabe. In Basel selbst inszenierte Delnon zudem diese Saison bloss eine kleine Produktion, die im Rahmen der Journées Contemporaines stattfand. Dafür wird er allerdings bezahlt, beinhaltet sein Vertrag doch keine Regiehonorare. Aber auch hier sagt die Finanzchefin, Daniele Gross: «Selbstverständlich bewegt sich diese Gage unter den üblichen Gagen.»

100 000 Franken plus Jahresgehalt

Die Theater scheinen sich der Problematik durchaus bewusst, retten sich aber mit dem Zusatz «in der Branche üblich», wenn man die Praxis allgemein hinterfragt.

Da der Direktor nicht dem Gesamtarbeitsvertrag untersteht, sondern in einem Individualvertrag von der Trägerschaft engagiert wird, gibt es jeweils individuelle Absprachen, die sich von Haus zu Haus stark unterscheiden. Legendär war die Zürcher Absprache mit Alexander Pereira betreffend Sponsorengeld-Beteiligung zu Beginn der 1990er-Jahre. Als das Haus noch zwei Millionen Sponsorgeld einholte, handelte sich Pereira die berühmten 5,4 Prozent Sponsoring-Beteiligung aus. Ein paar Jahre später holte Pereira 12 Millionen Sponsorengeld ein, konnte so sein Grundlohn von etwa 320 000 Franken auf 1 Million ausbauen.

Die kleine Schar gefragter Künstlerintendanten sitzt europaweit am längeren Hebel als die unter grosszügig interpretierten GAV-Richtlinien stehenden Ensemble-Mitglieder. Die Intendanten sind es, die den Theater-Trägerschaften die Bedingungen aufsetzen können. Sie können ihren Lohn, wie Barbara Frey oder Andreas Homoki zeigen, dank zwei Regien – die eine zusätzliche zu Hause, eine im Ausland – um durchaus mögliche 100 000 Franken «aufpolieren».

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