Kunst
Hämmern, Tanzen, Klopfen – das ist Kunst im Aargau

Mit «Rhythm in it» sucht das Aargauer Kunsthaus Rhythmen in der Kunst. Entstanden ist ein lustvoller Erlebnisparcours durch Bilder und Klänge aus hundert Jahren.

Sabine Altorfer
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Hämmern, Tanzen, Klopfen - das ist Kunst
7 Bilder
Ausstellungsansicht Rhythm in it. Werke von Ugo Rondinone (links), Adam Vackár (hinten) und Gabriel Orozco (an der Decke).
Taiyo Onorato & Nico Krebs: "Blockbuster"
Katja Strunz: "Crack Initiation Testing".
Stan Douglas: "Rings".
Ferdinand Hodler: "Genfersee mit Jura (Landschaftlicher Formenrhythmus)", um 1908
João Maria Gusmão & Pedro Paiva: "Wheels", 2011

Hämmern, Tanzen, Klopfen - das ist Kunst

Aargauer Kunsthaus

Ein leises, kurzes Trommelwirbeli empfängt die Besucher. Man hört es nicht nur, sondern sieht es auch. Zwei Instrumente stehen im ersten Raum, die Trommelschlägel des einen bewegen sich wie von Geisterhand geführt, verstummen, dann beginnt das zweite Instrument. Allerdings nur kurz, wie wenn die Leuchtschrift «Silent» an der Wand dahinter Wirkung entfalten würde. Verwirrend.

Und wie um die Verunsicherung der Besucherin noch zu steigern, hängen an der Wand daneben zwei Gemälde von Ferdinand Hodler: eines seiner berühmten Genfersee-Bilder und eine Tänzerin im grün-roten Kleid. Was verbindet diese Werke? Der Ausstellungstitel «Rhythm in it» führt uns schnell auf die richtige Spur.

Es geht um Rhythmus und Takt, um Abläufe und Tempi. Also lesen wir Hodlers fast abstrakte Streifenlandschaft als «landschaftlichen Formenrhythmus», wie der Künstler selber im Untertitel vorgibt, und interpretieren Anri Salas automatisierte Trommel als Kunstobjekt.

Kunsthaus-Direktorin Madeleine Schuppli erklärt, was Jonathan Monks Lichtobjekt mit Rhythmus zu tun hat: «Glühbirnen mit beschränkter Lebensdauer bilden den Schriftzug, eine nach der andern wird aussetzen und im Verlaufe der Ausstellung wird die Arbeit verlöschen.»

Mit raffinierten Schwarz-WeissFotos von Stan Douglas – einer mehrfach belichteten Tänzerin, beziehungsweise in der Bewegung eingefrorenen Zauberringen, zwei typischen kleinen Tinguely-Maschinen und einer klassischen geometrischen Komposition von Camille Graeser geht es weiter. Die Mischung ist nicht abwegig, aber gewagt.

Sie habe nach den vielfältigsten Formen von Rhythmen in der Kunst gesucht, nach akustischen, zeitlichen oder formalen. Im Extremfall kann das auch die Frage nach Leben und Tod sein.

Das Feld ist inhaltlich also sehr weit gesteckt. «Das ist auch eine Gefahr», sagt Schuppli, «wir mussten reduzieren und fokussieren.»

Zeitlich ist die Schau auf die letzten hundert Jahre beschränkt, der Schwerpunkt liegt bei der Gegenwartskunst. Inhaltlich ist sie aber weit offen – und sprengt auch die Landesgrenzen. 60 Arbeiten von 37 Künstlern aus zwölf Ländern hat Schuppli ausgewählt, sie füllen das gesamte Erdgeschoss.

Wenn João Maria Gusmão / Pedro Paiva nicht das Autorad drehen, sondern das Auto um das Rad rotieren lassen, ist man verblüfft über die Umkehrung des Gewöhnlichen.

Auf Effekte zielt Pierre Haubensak mit seinem grün-rot gemalten Bild, das sich vor unseren Augen aufzufalten scheint.

Eindrücklich ist, wie Martin Creed das Metronom ummünzt. Das Instrument hilft normalerweise den Musikern den Takt zu halten – wenn aber 39 Metronome in unterschiedlichen Tempi in einem Raum gleichzeitig ticken, entsteht das pure Chaos.

Am stärksten wirken jene Arbeiten, die nahe beim Kern des Themas bleiben, die Rhythmus und Takt explizit und nicht nur im übertragenen Sinn aufnehmen. Ornamente in abgezeichneten Teppichen, das nicht sehr rhythmusbewusste Zertrümmern eines Velos oder das eingefrorene Tröpfeln von Farbe vermögen nicht unbedingt zu überzeugen.

Vor allem wenn Christian Marclay daneben beweist, dass Telefonieren – wenn man denn Szenen aus Filmen gekonnt zusammenschneidet – zu einer bannenden Bilder-Ton-Fuge werden kann.

Eine berückende filmische Collage gelingt Dara Friedmann dank raffiniert gefilmter Tanzcasting-Szenen. Gabriel Orozcos Ventilatorenpaar an der Decke wirbelt WC-Papierschlangen zu perfekten Spiralen durch die Luft, und Katja Strunz’ Kuckucksuhren im Belastungstest machen Vergänglichkeit zum Thema.

Witzig ist der Film des Künstlerduos Taiyo Onorato/Nico Krebs: Ein Mann steht auf einer Leiter und scheint – trotz perspektivischer Verkürzung – auf ein Hochhaus einzuschlagen. Wir wissen, der Filmtrick kann nicht klingen.

Doch wie in alten Stummfilmen gibt es auch hier Live-Begleitung, gespielt nicht von einem Musiker, sondern von einer gebastelten Apparatur aus Hämmerchen, Metallbüchsen und Gläsern. Das klingt wie Kinder-Kino-Spiel, ist in seiner konsequenten Umsetzung – und seinen reichhaltigen Zitaten aus der Bildergeschichte – aber durchaus gelungen.

Trotz der Menge ist die Schau luftig, die Werke sind gekonnt platziert und kombiniert, die Fantasie der Künstlerinnen und Künstler lässt staunen.

Und doch beschleicht einen auch das Gefühl der Reihung, der Aufzählung. Haben wir nach dem überaus lustvollen, munteren Erlebnisparcours mehr Erkenntnisgewinn, als dass Rhythmus in der Kunst steckt?

Denn Hämmern und Klopfen, den Takt des Sekundenzeigers oder das rhythmische Pendeln einer Schaukel hat die Kunst aus dem Alltag entlehnt.

So funktioniert sie hier vor allem als Projektionsfläche, bringt aber wenig Überraschendes und nur selten noch kaum gedachte Gedanken zutage.

Rhythm in it Aargauer Kunsthaus, bis 11. August. Gleichzeitig zu sehen sind «Cut! Videokunst aus der Sammlung» und «Caravan 02/2013. Karin Lehmann». Vernissage: Fr, 17. Mai, 18 Uhr.

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