Kunst
Farbe auf die Wunden: Jad El Khoury sprayt gegen das Vergessen und für eine bessere Welt

Das Werk des libanesischen Künstlers Jad El Khoury ist vom Krieg geprägt. Er hat auch Ideen für die Schweiz

Sebastian Lavoyer, Beirut
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13 Bilder
Als El Khoury wenig später nach Kuwait ging, um als Innenarchitekt zu arbeiten, wurde die Kunst eher nebensächlich. Dennoch fand er Zeit für dieses Werk mit dem Titel "Single Man Fitting In". Es symbolisiert seinen Anpassungsprozess an eine neue Kultur.
Ein weiteres Wandbild von El Khoury mit dem für ihn so typischen amöbenhaften Figuren, die sich zu weiteren Gebilden formen.
Als er aus Kuwait zurückkam im Sommer 2017 begann er die Kriegsspuren an Häusern zu Figuren zu entwickeln. Weil das einiges an Kritik nach sich zog, entschied er sich, auf die Figuren zu verzichten und Einschusslöcher fortan nur noch mit Farbe zu markieren - wie Textstellen mit einem Leuchtstift.
Ein von Schüssen durchsiebtes Wellblech, das El Khoury in Violett getüncht hat.
An freien Wochenenden läuft er mit ein, zwei Spraydosen bewaffnet durch die Gegend und bemalt Kriegsmahle, die in Beirut allgegenwärtig sind.
Schon als Kind hat Jad El Khoury mit seinen amöbenhaften Figuren angefangen. Mit solchen und ähnlichen Werken hat er sich in der europäischen Urban-Art-Szene einen Namen gemacht.
Ein weiteres Beispiel seines käuflichen Schaffens.
Diese drei Bilder waren vor wenigen Wochen am Comic-Festival Fumetto in Luzern zu sehen.
Immer wieder sind Werke von El Khoury auch in Galerien ausgestellt.
Die Verwandlung des Burj El-Murr in den tanzenden Turm (Burj El-Hawa): Im Frühling 2018 installierte er bei diesem Kriegsgebäude rund 400 Vorhänge. Bis er sie an einem Samstag im Wind flattern liess, hat kaum jemand etwas von diesem Projekt mitbekommen. Das Werk wurde mehrfach ausgezeichnet.
Diese Uhr hat der libanesische Künstler für Swatch designt, er hat sie "Orange Pusher" genannt.
Jad El Khoury im Porträt. Der 31-jährige Künstler lebt und arbeitet in in Baabda, einem christlich geprägten Viertel Beiruts.

Eli Bou Jawdeh

Was für eine Stadt voller Kontraste Beirut doch ist. Gegen aussen, zum Meer hin, versucht sie, sich von ihrer besten Seite zu präsentieren. Ein Prunkbau reiht sich an den anderen. Das in den letzten Jahrzehnten neu aufgebaute Stadtzentrum ist ein «Who’s who» der Architekturszene. Zaha Hadid, Norman Foster und Herzog & de Meuron haben hier ihre Ideen verewigt. Paläste aus Stahl, Beton und Glas. Mittendrin steht dieses Mahnmal, dieses vom Krieg gezeichnete Ungetüm: das Holiday Inn. Es war Zeuge der grossen Zeiten Beiruts, damals, als man es Paris des Orients nannte, war Treffpunkt von Jetset und Spionen.

1974 wurde das Hotel eröffnet, 1975 brach im Libanon der Bürgerkrieg aus – während der folgenden 15 Jahre bekämpften sich Christen, Muslime, Israelis, Syrer und Palästinenser in wechselnden Koalitionen. Der Ort, der am heftigsten umkämpft war, das war das Holiday Inn in Beirut. Es stand strategisch günstig zwischen den Fronten. Der Kampf um das Hotel zementierte die Trennung Beiruts durch die grüne Linie. «Die Teilung blieb danach während zweier Jahrzehnte bestehen», sagt die Geografin Sara Fregonese an der Universität Birmingham und spezialisiert auf Stadtkonflikte, insbesondere Beirut.

Ich arbeite in und an der Stadt, nicht in einem Skizzenbuch. Also habe ich Einschusslöcher mit Farbe übermalt, als würde ich Textstellen mit Leuchtstiftmarkieren.

(Quelle: Jad El Khoury, Künstler)

Die Spuren sind bis heute zu sehen. Bomben haben Löcher in die Wände gerissen, Maschinengewehre ihr Stakkato in den Beton gefräst. Hunderte von Menschen haben in diesem Gebäude ihr Leben gelassen. Es ist wie eine Wunde, die auch nach Jahren nicht verheilt ist. Ein Mahnmal gigantischen Ausmasses, weil sich die Besitzer nicht einigen können, was mit dem Gebäude geschehen soll.

El Khoury, Swatch und Berset

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Als er aus Kuwait zurückkam im Sommer 2017 begann er die Kriegsspuren an Häusern zu Figuren zu entwickeln. Weil das einiges an Kritik nach sich zog, entschied er sich, auf die Figuren zu verzichten und Einschusslöcher fortan nur noch mit Farbe zu markieren - wie Textstellen mit einem Leuchtstift.
Ein Entwurf von El Khoury für die Grimsel-Staumauer Jad El Khoury möchte den kalten Beton der Grimsel-Staumauer zum Leben erwecken. Sein Plan: Er möchte den Beton mit Sonnenblumen verzieren, die Vögeln zugleich als Nistplätze dienen würden. 

Eli Bou Jawdeh

Wir stehen an der Fakhreddine-Strasse, Blick gegen das Meer. Zur Rechten das Beirut Terraces der Schweizer Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, zur Linken das Holiday Inn, diese Kriegsruine. Jad El Khoury (sprich: Schad El Churi) zeigt mit der Hand zum Dach des Gebäudes: «Von dort oben habe ich mich abgeseilt, um die Einschusslöcher mit Farbe zu ummalen. Ich wollte diese klaffenden Wunden transformieren, in etwas Positives verwandeln.» El Khoury ist Künstler, Anfang 30, in Beirut aufgewachsen und von der Stadt geprägt. Seine dunklen Augen richten sich immer wieder zu Boden, ein schüchterner, feinfühliger Mann.

Eigens für dieses Projekt hat er mit Klettern angefangen. Trotzdem hat er Todesängste durchlitten, als er sich mithilfe eines Freundes abseilte und mit Malen begann. Zuerst verwandelte er die Kriegsmale in seine für ihn so typischen Charaktere, diese amöbenhaften Figuren, denen er Augen, Nasen und Münder verpasst, ihnen ein Gesicht gibt. Es gab Kritik auf Social Media. Man sah seine Figuren als Grabschändung, weil man den Eindruck hatte, es gehe ihm mehr um sich selbst als um die Sache. Doch dem war nicht so. El Khoury machte sich noch einmal ans Werk. «Ich arbeite in und an der Stadt, nicht in einem Skizzenbuch. Anstatt die Einschusslöcher mit Figuren zu übermalen, ummalte ich sie nun mit Farbe. Als würde ich Textstellen mit einem Leuchtstift markieren. Für die Nachkriegsgeneration ist es eine Erinnerung an das Leid vergangener Tage. Und die Menschen, die den Krieg erlebt haben, können dank der Farbe vielleicht anders zurückblicken auf diese Zeit des Konflikts.»

El Khoury respektiert die Geschichte seiner Heimat, die Wunden der Menschen. Aber er will sie nicht einfach hinnehmen, er will vorwärtsgehen, «transformieren», wie er immer wieder betont. Eigentlich hat er Innenarchitekt gelernt, doch irgendwann wurde es ihm zu eng. Jad El Khoury wollte frei sein, frei in seiner Ausdrucksweise, frei über dem Kopf. Es zog ihn hinaus in die Öffentlichkeit. Er wollte nicht im Dienst irgendwelcher Auftraggeber stehen, sondern seine eigenen Ideen umsetzen, Kunst machen, keine Wohn- oder Arbeitsräume gestalten.

Die amöbenhaften Figuren kritzelte er schon als Kind auf Papier. «Ich habe oft die Fliesen bei uns zu Hause angeschaut, diese verrückten Formen. Immer wieder sah ich Gesichter in ihnen», erinnert er sich. Er malt sie noch immer. Vor allem, wenn er Aufträge kriegt wie zum Beispiel von Swatch. Anfang 2019 kam die von El Khoury für den Schweizer Uhrenhersteller gestaltete Uhr «Orange Pusher» auf den Markt. Seine Figuren finden sich in unterschiedlicher Art auch auf seinen Bildern, wenn er ausstellt, wie unlängst am Comic-Festival Fumetto in Luzern.

Der tanzende Turm und der Grimsel-Stausee

Der Burj El-Murr war nie mehr als ein Rohbau.
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Denn das Gebäude war noch nicht fertiggestellt, als 1975 der Bürgerkrieg im Libanon ausbrach.
Jad El Khoury installierte mit sechs Mitarbeitern insgesamt rund 400 Vorhänge auf der Innenseite der schwarzen Löcher, die einst als Fenster angedacht waren.
Die untersten vier Stockwerke werden noch heute von der Armee genutzt. Deshalb hatte er eine Erlaubnis von der Armee das Gebäude mit seinen Leuten zu betreten.
Die Besitzerin der Kriegsruine war aber nicht über die Installation informiert und verlangte wenige Tage nach dem ausrollen der Vorhänge, dass El Khoury alles wieder abmontiert.
Er nannte das Projekt Burj El-Hawa. Übersetzt heisst das je nach Kontext Turm des Windes/der Liebe oder der Sch..... - wie man es verstehen will, überlässt der Künstler dem Beobachter.
Der Turm gehört Solidere, dem Unternehmen, das vom ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri gegründet wurde. Das Unternehmen hat sich nach Kriegsende einen grossen Teil des Zentrums unter den Nagel gerissen und zahlreiche Stararchitekten engagiert, um dieses wieder aufzubauen.
Wenn der Wind mit den Vorhängen spielt.

Der Burj El-Murr war nie mehr als ein Rohbau.

Eli Bou Jawdeh

Aber den grössten Teil seiner Energie steckt El Khoury längst in den öffentlichen Raum. Wie vor einem Jahr, als er ein anderes Kriegsgebäude, den Burj El-Murr, «transformierte». 40 Stockwerke ist das Gebäude hoch, schwarze, fensterlose Löcher prägen es. Über jedem einzelnen hat er Vorhänge installiert, aufgerollt zuerst, so, dass nichts zu sehen war. Dann, an einem Samstag, liess er die Vorhänge runter und im Wind flattern. «Der tanzende Turm», nannte er das Projekt. Er wollte es einen Sommer lang stehen lassen, musste es aber wenige Tage später wieder abbauen.

Ein Entwurf von El Khoury für die Grimsel-Staumauer Jad El Khoury möchte den kalten Beton der Grimsel-Staumauer zum Leben erwecken. Sein Plan: Er möchte den Beton mit Sonnenblumen verzieren, die Vögeln zugleich als Nistplätze dienen würden. 

Ein Entwurf von El Khoury für die Grimsel-Staumauer Jad El Khoury möchte den kalten Beton der Grimsel-Staumauer zum Leben erwecken. Sein Plan: Er möchte den Beton mit Sonnenblumen verzieren, die Vögeln zugleich als Nistplätze dienen würden. 

Eli Bou Jawdeh

15 000 Dollar hat er für das Projekt aufgeworfen. Es war in so kurzer Zeit so populär, dass eine Galerie ihm dieses Geld nachträglich zurückerstattete. Eben wurde «der tanzende Turm» in Venedig mit einem Preis ausgezeichnet. Und bald könnten Installationen von El Khoury auch in der Schweiz zu sehen sein. Im August letzten Jahres hat er Bundespräsident Alain Berset durch Beirut geführt, ihm seine Werke gezeigt und zugehört. Dabei sind Ideen entstanden, Ideen für Projekte in der Schweiz. Zum Beispiel möchte er Grimsel-Staumauer mit Sonnenblumen verzieren, die Vögeln zugleich als Nester dienen sollen. Kalten Beton zum Leben erwecken, darauf hat er sich spezialisiert.

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