Comic

Falsch abgebogen, Homo sapiens – Kultzeichner erklärt die Evolution

Kultzeichner Ralf König erklärt in «Stehaufmännchen» die Evolution: Warum der Affe vom Baum geklettert ist, den aufrechten Gang übte, im Homo sapiens seine krönende Doofheit erlebt. Ein sehr lustiges Menschheitstheater.

«Das ist Evolution! Das ganze Drama nur, weil Männer lieber im Stehen pullern!», raunzt das Äffchen die zwei griesgrämigen, übergewichtigen Klischeetouristen an. In ein schräges Affentheater sind sie hineingeraten: Stehen in Badehosen in der verdorrten Savanne Südafrikas, ohne Handyempfang, vom Weg zum Luxury Resort abgekommen und werden nun vom äffischen Platzanweiser zum Evolutionstheater unter dem letzten Baum gebeten. «Falsch abgebogen», meint das Touristenmännchen Horst grummelnd. Aber er verbindet es trotzdem mit dem desaströsen Motto: «Wir müssen nach vorn!» Der deutsche Kultzeichner Ralf König, in den 1980er-Jahren mit seinen Schwulencomics wie «Der bewegte Mann» berühmt geworden, münzt Horsts Motto evolutionsgeschichtlich: Von Anfang an inszenierte er die Story als sehr lustigen Kulturpessimismus. Runter vom Baum, Faustkeile klopfen, mit Feuer zündeln, Land erobern, Fleisch essen: Jede Idee vertieft den evolutionären Irrweg. Als das Alphamännchen des Homo erectus brüllt: «Wir werden die Herren der Welt!», verdrehen die Weibchen die Augen und treten in den Geburtenstreik: «O. k., wir verstecken den Eisprung.»

«Schweinekram» verniedlicht

Man fühlt sich sofort vertraut in Ralf Königs Figurenparade seiner Kultcomics aus der Schwulenszene. Der sexuelle «Schweinekram» ist immer noch explizit, aber äffisch verniedlicht: Auch seine Uraffen und Frühmenschen teilt Ralf König auf in behaarte Machos, schwule Sensibelchen und doofe Heteros. Weiterhin eher lieblos bis abschätzig zeichnet König die Weibchen. Hingegen ist der kleine, melancholische, vegetarische, schwule Australopithecus Flop der typische Sympathieträger im König-Comic-Universum: Er hängt entzückt an Eric, dem Alphamännchen, vor allem, weil dieser dicke Hoden hat, die sich erst beim aufrechten Gang in ganzer Pracht zeigen. Eric spielt sich aber lieber zum Herrscher der Welt auf, als dass er mit Flop rummacht. Die zwei Prototypen hat König schon oft variiert. In dieser Evolutionsgeschichte bekommen sie nun wahrhaft überzeitliche Gültigkeit. So auch ihre Nachfahren, die Vertreter des Homo sapiens: Horst und seine Gattin.

Ralf König wählt für seine Menschheitsgeschichte die Dramaturgie des Theaters im Theater – oder besser des Theaters im Comic. Denn in der ausgetrockneten Savanne wird Horst und seiner Gattin als Anschauungsunterricht ein Stück vorgeführt: Eine «humanoide Tragödie». Als Darsteller des Stücks treten vom im Baum lebenden Uraffen über den Homo erectus, den Homo habilis, den Homo robustus (eine Art Neandertaler) bis zum Homo sapiens die Repräsentanten der Menschheitswerdung miteinander auf. Der Anschauungsunterricht hat natürlich einen satirischen Unterton: «Die sollen sich das ruhig mal ansehen. Wer irgendwohin will, sollte wissen, wo er herkommt», meint das Platzanweiseräffchen. Worauf der Australopithecus sarkastisch antwortet: «Wenn ich die so sehe ... da blieb uns durchs Aussterben ja einiges erspart.»

Was hat die Evolution gedacht?

Man kann diesen Comic gut und gern als humoristisches Lehrbuch zur Frühgeschichte der Menschheit lesen. Ralf König hat sich da einiges angelesen. Und schreibt, er sei fasziniert von der Paläoanthropologie und deren Forschungsobjekt: «Nicht mehr Tier und noch nicht Mensch, aber vermutlich schon mal verwundert über die weite Landschaft blickend, im noch dumpfen Hirn kurz aufblubbernd die Frage, was das Ganze hier überhaupt soll! Genau das wissen wir ja heute noch nicht.»

So verhandelt der Comic denn auch Arbeitsteilung und Geschlechterkampf als Folge des aufrechten Gangs. Da stapft der Homo erectus ängstlich bis aufgeplustert in der Savanne herum. Das Schlusswort aber hat Horsts Gattin: «Was meinst Du, hat die Evolution sich dabei gedacht, als sie uns ... Der Affe hatte recht, wir sind am Arsch.»

Ralf König Stehaufmännchen. Rowohlt. 192 S.

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