Aargauer Kunsthaus
Ein Minimalist in Form, ein Maximalist im Können

Jos Nünlist beschritt als Künstler «Andere Wege». Stille und spannende, wie das Aargauer Kunsthaus zeigt

Sabine Altorfer
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Jos Nünlist: Blatt aus der Serie Köpfe von 1989. Das poetische Profil ist nur gerade 12.5 x 17 cm gross.

Jos Nünlist: Blatt aus der Serie Köpfe von 1989. Das poetische Profil ist nur gerade 12.5 x 17 cm gross.

Timo Ullmann/Kunsthaus

Knapp, einfach, ruhig: Das gilt für die Gedichte und fast noch mehr für die Bilder von Jos Nünlist. Doch wie viel Arbeit steckt hinter jeder seiner Arbeiten. Denn einfach ist auch das Gegenteil von simpel. Meint bei Nünlist: Reduktion, Essenz. Abgespeckt auf den Kern sind seine Figuren in den kleinteiligen Blättern. Doch nicht etwa ausgedünnt wie bei Alberto Giacometti und auch nicht durch schnelle Gesten skizziert. Seine Menschen stehen eher wie altägyptische Mumien in ihren mantelartigen Umrissen da. Ob gelb vor grau, weiss vor bleistift-schwarz oder dunkel vor hell: Wir nehmen die «Gestalten», wie Nünlist sie oft nannte, als Archetypen wahr. Als Menschen schlechthin.

Er habe Jos Nünlist ab und an angetroffen, erzählt Kurator Thomas Schmutz vom Aargauer Kunsthaus. «Irgendwo in Aarau, aber eigentlich immer an überraschenden Orten, auf Wegen, auf denen nur wenige gehen.» Das und Jos Nünlist eigenwilliges künstlerisches Werk habe ihn zum Titel «andere Wege» geführt. Schade nur, entstand die Idee, den stillen Künstler im Kunsthaus zu zeigen erst nach – oder eben durch - seinen Tod 2013.

Ein Einzelgänger

Nünlist, 1936 im solothurnischen Niedererlinsbach geboren war Lehrer und konzentrierte sich danach aufs Schreiben, Zeichnen und Malen. Er lebte zuerst in Olten, ab 1976 in Aarau. Eine kleine Fangemeinde verehrte seine konzentrierten Werken, kaufte gerne die Bücher, in denen er Bilder und Texte zu einem Ganzen verband. Anerkennungen und Preise in beiden Kantonen würdigten seinen Arbeit. In lokalen Galerien wurde er gezeigt, aber in den Kunstmarkt mochte er sich nicht stürzen.

Lieber beobachtete, zeichnete, notierte er. 72 Tagebücher, immer im gleichen, recht grosszügigen Format füllte er, dazu weitere Notizbüchlein und Künstlerbücher. Oft startete er den Tag mit Beobachtungen zum Wetter. «Kälte. Der erste Morgenfrost auf den Hausdächern», notierte er am 11. November 2004. Und nur wenig später: «Es will das Stillsitzen nicht gelingen.» Stets gehören in diesen Büchern Text und Bild zusammen, hier erprobte und suchte er. Denn Jost Nünlist wollte die grundlegenden Fragen klären. «nichtig / wichtig / richtig» lesen wir an anderer Stelle.

Neben der menschlichen Figur, die Kurator Thomas Schmutz an den Anfang der Ausstellung gestellt hat, waren geometrische Kompositionen, ja gar Ornamente, sowie Motive aus der Natur und raffinierte Lichterscheinungen bildnerische Themen bei Nünlist. Welche Finessen erreichte er in seinen Bleistiftzeichnungen! Wenn wir die diversen Blätter betrachten, in denen er mit dem Stift die gesamte Fläche ausfüllte und nur einen Lichtstrahl oder ein Lichtbündel durch Aussparung herausleuchten lässt, staunen wir ob der handwerklichen Akribie, aber auch ob der so einfachen wie wirkungsvollen Bildfindung.

Meister der kleinen Form

Könnerschaft finden wir auch in Nünlists druckgrafischen Werken, in den feingliedrigen Radierungen oder konzentrierten Holzschnitten. Und selbst wenn der Künstler zu Ölfarbe und Leinwand griff, schuf er nicht schwere Gemälde, sondern leicht-luftige Miniaturen. Am liebsten sind uns aber die Aquarelle und Zeichnungen, in denen Nünlist auf der Grenze von Abstraktion und Figuration, von Sichtbarem und Vorstellbarem balanciert. Berückend in ihrer Schlichtheit sind die Köpfe: Mit einer einzigen Profilinie lässt der Künstler vor unserem inneren Auge ein Gesicht, einen Charakter entstehen.

Den Weg zu diesen Resultaten weisen die Tage- und Skizzenbücher, die in Vitrinen geschützt nur immer einzelne Seiten offenlegen. Wie gerne würde man blättern... Und denkt sich dann: Nein, das war der Fundus des Künstlers, das war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Zu sehen bekommen wir auch so genug.

Jos Nünlist Andere Wege, Aargauer Kunsthaus, bis 10. April.

Lesung Albert Freuler liest Gedichte und Texte aus dem Werk von Jos Nünlist:
So, 20. März, 13 Uhr.

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