Kunst
Ein Bibliomane mit vielen Fragen

Paul Chan ist faszinierend, listig, lustig – das Schaulager zeigt seine grösste Ausstellung. Der Künstler ist fasziniert von Nietzsche und deshalb nicht weniger von Basel.

Susanna Petrin
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Ein sanfter Rebell und politischer Aktivist ist er auch: Paul Chan vor der Eröffnung seiner Ausstellung im Schaulager in Münchenstein. Juri Junkov

Ein sanfter Rebell und politischer Aktivist ist er auch: Paul Chan vor der Eröffnung seiner Ausstellung im Schaulager in Münchenstein. Juri Junkov

Früher liess er sich nicht fotografieren, jetzt lässt er sich nicht porträtieren. Paul Chan. Der Künstler, der die diesjährige Einzelausstellung im Schaulager bestreitet. Zwar ist er beim persönlichen Treffen gesprächig, schlagfertig, lustig. Stundenlang könnte man mit ihm über alle möglichen Themen reden – und über die unmöglichen auch. Geschichte, Literatur, Philosophie, Kunst, Politik. Putins starres Botox-Gesicht, Bushs impertinenter Versuch, Angela Merkels Nacken zu massieren. Jacques Lacan, Mark Twain, und immer wieder: Friedrich Nietzsche. Das gefalle ihm so an Basel, dass Nietzsche lange hier lebte und einige seiner wichtigsten Werke hier geschrieben hat.

Paul Chan ist so unglaublich belesen, so reich an Interessen und interessanten Gedanken – wie seine Bücher auch. Nur persönlichen Fragen entzieht er sich charmant; mit metaphorischen Geschichten, mit verspielter Ironie oder mit Gegenfragen. Manchmal weiss man nicht, wie einem geschieht, so schnell landet man im Gespräch mit Chan an einem unerwarteten Ort. «Woher kommst du?», will er wissen. Drei Fragen später: «Was heisst Himmel auf Slowakisch?» «Nebo». «Seltsam», findet er, «das klingt für mich wie etwas, das man essen kann.» Und seine Heimat? «I’m effectively homeless.» Später wird er sagen: «Ich gehe dahin, wohin die Neugier mich führt.»

Fast sicher ist nur: Paul Chan lebt und arbeitet in New York. Er ist von zierlicher, trainierter Statur, etwa 1,65 gross und trägt am liebsten Jeans und T-Shirt. Er hat eine sanfte Stimme. Er scherzt viel. Er wurde 1973 in Hongkong geboren. Vor allem wegen seines Asthmas zügelte seine Familie 1981 nach Omaha im US-Staat Nebraska, wo seine Eltern ein chinesisches Restaurant eröffneten. In einer Beckett-Aufführung erwachte Chans Liebe zur Kunst. Er entschied sich, genau das in Chicago zu studieren. Im Selbststudium zog er sich dazu Bücher rein wie andere Koks. Bis zum Delirium.

Bald schuf er erste Videoarbeiten und Projektionen, verspielte Geschichten aus Licht und Schatten. Erst zart, im Lauf der Jahre immer öfter mit Wendungen ins Gewalttätige und Sexuelle. «Sade for Sade’s Sake» etwa ist eine Art Massenorgie als sechsstündiges Schattenspiel (es wird nun auch im Schaulager gezeigt). An der Biennale in Venedig 2009 ist das Video an die brüchige Backsteinmauer des Arsenale projiziert worden. Sade habe nichts mit Sex zu tun, sondern mit Machtmissbrauch, sagt Chan. Und Chan hat nichts mit Pornografie zu tun – ein abstrahiertes Schattenspiel unterläuft dessen Regeln –, sondern viel mit Humor, Poesie sowie Verdrehungen üblicher Annahmen und Meinungen.

Projekte in Irak und New Orleans

Die zunehmende Heftigkeit seiner Werke dürfte von seinen politischen Aktivitäten herrühren. Ende 2002, kurz vor Ausbruch des Irakkriegs, reiste er mit einer kleinen Protestgruppe nach Irak, die dort Medikamente und Lebensmittel verteilte. Chan fotografierte und filmte die Menschen. Später hängte er in Manhattan unzählige der Porträts im Freien auf, in Anspielung an die Vermisstenmeldungen nach 9/11. Damals war den Amerikanern die Einreise in den Irak aber verboten. Chan und den Aktivsten drohten zehn Jahre Gefängnis oder 20 000 Dollar Busse. Glücklicherweise sei das lange Verfahren dann unter Obama im Sand verlaufen, erzählt Chan.

Er sei schon mehrere Male verhaftet worden, sagt er. Technisch gesehen sei er wohl ein Verbrecher. «Schreib das! Du landest einen Coup, wenn ich aus dem Land rausgeschmissen werde!» Er lacht. Chan folgt furchtlos seinen eigenen Gesetzen. Er wirkt völlig frei. (Ich bin ein wenig erstaunt, als ich später erfahre, dass er verheiratet ist und eine zweijährige Tochter hat.)

2006 war Chan in New Orleans. Als er sah, wie verwüstet die Stadt ein Jahr nach dem Hurrikan immer noch war, kam ihm die Idee, «Warten auf Godot» aufführen zu lassen. Monatelang redete und arbeitete er mit den Menschen vor Ort. Der Andrang war schliesslich überwältigend, Tausende wollten das Stück sehen. Ist er ein Humanist? «Ich bin ein Inhumanist», dreht Chan den Spiess sofort um: «inhuman, all too inhuman».

Vor viereinhalb Jahren kam der Ruf aus Basel, Maja Oeris Einladung, neue Arbeiten im Schaulager auszustellen. «Ich bin zuerst erschrocken, sagte Nein», sagt Chan. Eigentlich habe er aufgehört, Kunst zu produzieren und sich stattdessen mit seinem selbst gegründeten Verlag Badlands Unlimited aufs Publizieren verlegt – «offensichtlich verliere ich gern Zeit und Geld». Doch Maja Oeris «Beharrlichkeit», «ihr Glaube an das, was ich tue», habe ihn schliesslich überzeugt. Das Schaulager sei ein «einzigartiger Ort», schwärmt er. Die Betreiber widmeten pro Jahr einem Menschen ihre ganze Zeit, ihre ganzen Ressourcen. Vor allem sei das Schaulager «willens, etwas zu riskieren, mit einer Person von so zweifelhaftem Ruf wie mir zu arbeiten». Chan schaut sich um: «Jetzt bin ich fast so überrascht wie du, dass ich hier bin.» Von weiter hinten erklingen Orgeltöne aus einem der Videos, vor uns sehen wir auf eine Wand voller Bücher, aufgehängt wie Bilder.

1005 bemalte Buchdeckel

1005 Buchdeckel hat Chan bemalt. Diese sind im Schaulager zum ersten Mal komplett zu sehen. Und vieles mehr. Was will er mit seiner Kunst? «Sein eigenes Werk zu beurteilen, ist, wie wenn man versucht, sein eigenes Auge anzuschauen», antwortet Chan. «Es ist vielleicht am besten, wenn wir das nicht tun, nicht können.» Am Ende des Schaffensprozesses sei ihm seine Kunst so fremd wie er sich selbst. Ja, ihm sei, als ob jemand anders diese Werke gemacht hätte. «Ich stehe davor und frage mich: «Wer würde sich diese lächerlichen Sachen ausdenken?»

In seinen Vorlesungen an der Uni Basel spricht er über Odysseus. Dieser habe alles getan, um heimzukommen, Gott und das Schicksal ausgetrickst, aber kunstvoll. «Die besten Kunstwerke sind auch so: als ob sie ihr Schicksal betrogen hätten. Aber eine andere Frage ist: Was ist Heimat?»

Die Werke sollen für den Künstler sprechen. Auch das hat ihn wohl Nietzsche gelehrt. Ebenso, dass der Mensch danach streben sollte, über sich selbst hinauszuwachsen, gen Himmel zu greifen. Nebo. Jetzt ist dieser Künstler aus New York nach Basel gekommen, um im schönsten Fall auch uns anzuregen: zum Lesen, zum Denken, zum Fühlen.

Paul Chan – Selected Works. Schaulager in Münchenstein bei Basel. 12. April bis 19. Oktober.