Fazit
Die Schweiz verpasst die Feier ihrer Heroen

Das Fazit zum Jubiläumsjahr von Ferdinand Hodler, Cuno Amiet und Giovanni Giacometti: Da wäre mehr drin gelegen.

Sabine Altorfer
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Jubiläumsjahr von Ferdinand Hodler, Cuno Amiet und Giovanni Giacometti
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Cuno Amiet eiferte anfangs Hodler nach, der empfahl ihm den Titel «Richesse du Soir» für dieses Werk von 1899. Danach fand Amiet seinen farbigen Weg. SIK-ISEA, Zürich
Giovanni Giacometti (1868–1933) «Selbstbildnis», um 1913/14. Farbe und Auflösung der Fläche bestimmen seine Engadiner Bilder.
Cuno Amiet (1868–1961) «Selbstbildnis mit Apfel», 1901/02. Er war der Spezialist fürs Kolorit und sog viele Einflüsse auf.
Ferdinand Hodler (1853–1918) «Selbstbildnis», 1912. Er gilt als der wichtigste Schweizer Künstler, der in der Schweiz tätig war.

Jubiläumsjahr von Ferdinand Hodler, Cuno Amiet und Giovanni Giacometti

SIK-ISEA

Was machen die Wiener dieses Jahr für ein Aufsehen, weil drei ihrer grossen Künstler Anlass bieten für ein Jubiläum. Was die Österreicher zu den hundertsten Todestagen von Egon Schiele, Gustav Klimt und Koloman Moser können, sollte doch auch den Schweizern zum 100. Todestag von Ferdinand Hodler, den 150. Geburtstagen von Cuno Amiet und Giovanni Giacometti gelingen. Nun, gegen Ende Jahr, muss man feststellen: Es ist nur bedingt gelungen. Man hat bescheiden gefeiert.

Die Chance für eine grandiose Dreierkiste hat kein Museum gepackt, dabei hätte man doch den Schweizer Weg in die Moderne zelebrieren können. Die drei Maler-Heroen waren in Werk und Leben verbandelt, mal freundschaftlich, mal reserviert. Bis Januar sind immerhin noch zwei eher kleine, aber sehenswerte Ausstellungen zu sehen: Hodler in Bern und Amiet in Solothurn. Beide fokussieren auf einen spannenden Aspekt.

Hodlers Ordnungs-Sinn

Bei Hodler führt seine Theorie des Parallelismus als Leitfaden durch die Ausstellung, die zuerst in Genf, wo er 1918 starb, und nun in seiner Geburtsstadt Bern gezeigt wird. Sehr gut gehängt, um die Theorie zu erklären und dem Publikum doch einen sinnlichen Genuss zu bescheren. Warum hat das eigentlich niemand zuvor gemacht? Wohl weil man Hodler, den so pathetischen wie feinfühligen Maler, den Lebemann und polternden Kulturpolitiker nicht als Theoretiker wahrnehmen wollte. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass er mit seinen Geschichten von Symmetrie und Parallelen und Ordnung schon Zeitgenossen abschreckte. Koloman Moser, sein Wiener Bewunderer und Nacheiferer, notierte etwa: «Über den Parallelismus sprach Hodler wie ein Akademieprofessor.» Er staune immer von neuem, dass Hodler trotz seiner Theorie so starke Dinger produziere – der Künstler selber meine: gerade deswegen.

Hodler fand, ein Maler müsse Ordnung schaffen, ein Bild auf das Wesentliche konzentrieren. Hätten seine Seebilder solche Stärke ohne ihren streifigen Verlauf und ohne symmetrischen Wolkenbaldachin, seine Thunersee-Bilder jene Tiefe und Ruhe ohne das Zurechtrücken der Berge? Bei den symbolistischen Figurenbildern merkt die Betrachterin den Ordnungswillen schon auf den ersten Blick. «Die Heilige Stunde» von 1911 mit vier symmetrisch gespiegelten Frauen wirkt wie eine Illustration seiner Theorie. Drei Versionen des «Holzfällers» zeigen, wie er schon ausgereifte Vorstudien für die beste und grösste Fassung weiter aufgeräumt hat.

Notiert sei noch, dass in Genf nicht nur Hodler, sondern auch sein Einfluss und seine Lehrer gezeigt und in Vevey Genfersee-Bilder präsentiert wurden. Wenn also, so hodlerte es in diesem Jubiläumsjahr. Das hätte Cuno Amiet, lebte er noch, wohl mit Skepsis und Neid von der Oschwand her beobachtet. Er war mit dem um 15 Jahre älteren Hodler befreundet, wurde von ihm gegenüber Sammlern gerühmt, eiferte ihm gar kurz nach.

Amiets Faible für das Kolorit

Sein frühes monumentales Figurenbild der «Trachtenmeitschi», wie er es nannte, taufte er auf Hodlers Ratschlag hin in «Richesse du soir» um und reüssierte damit an der Weltausstellung 1900 in Paris. Doch 1904 distanzierte sich Amiet von Hodler. Der Auslöser: Bei der gleichzeitigen Ausstellung in Wien hatte ihn ein Kritiker als Epigonen Hodlers abgestempelt, ohne dass Hodler dem widersprochen hätte.

Im Kunstmuseum Solothurn richtet man ihm nun ein Heimspiel aus mit «Cuno Amiet zwischen Solothurn und der Oschwand». Der Fokus auf seine Lebensstationen erlaubt es, auch unbekanntere Werke zu präsentieren und den Einfluss der Region zu thematisieren. Von den Motiven her heisst das Porträts seiner Familie, heimische Landschaften und vor allem Bilder aus seinem Garten auf der Oschwand. Hier agierte Amiet wie einst Claude Monet in Giverny: Der Garten war ihm Passion und wurde ihm wichtigstes Sujet. Die Beete waren wohlgeordnet, bieten Durchblicke oder Nahaufnahmen von Blumen, boten Gelegenheit, seine Frau Anna bei Gartenarbeiten zu zeigen oder Schülerinnen und Besucher in einem farbenfrohen Umfeld zu malen. Das Kolorit war Amiets Stärke. Das hatte er bei Frank Buchser gelernt, und vor allem brachte er von seinem entscheidenden Aufenthalt in der französischen Künstlerkolonie Pont Aven die bunte Palette von Paul Gauguin und den heftigen Pinselstrich van Goghs zurück. Kein Wunder, wurden Sammler auf ihn aufmerksam und verband ihn dadurch eine lebenslange Nähe zu Giovanni Giacometti. Kein Wunder auch, beeindruckte sein «Gelber Hügel» den deutschen Expressionisten Emil Nolde dermassen, dass er Amiet 1906 in die Künstlergruppe «Brücke» einlud. Ein internationaler Durchbruch zeichnete sich ab, hätte nicht der Erste Weltkrieg Amiets Radius auf die Schweiz beschränkt.

Nur Schweizer Ruhm

Dieses Schicksal teilte er mit Hodler und Giovanni Giacometti. Ebenso, dass alle drei in ihren ersten Arbeitsjahren für ihr Auskommen und ihre Anerkennung kämpfen mussten. Der Briefwechsel von Amiet und Giacometti belegt diese Ungewissheit wie ihre lebenslange Freundschaft sehr schön. Schade übrigens, wurde Giovanni Giacometti – auch er ein Erneuerer der Schweizer Kunst – zu seinem 150. Geburtstag nur lokal in Stampa gefeiert mit «Giovanni Giacometti e Cuno Amiet – un’ amicizia».

Gemeinsam war allen drei Künstlern, dass sie ausserordentlich fleissig waren, dass sie bei Nachfrage und von beliebten Sujets zahlreiche Varianten in unterschiedlichen Grössen malten. Für die Zeit übrigens kein ungewöhnlicher Vorgang – und für uns heutige interessant, können wir ihr Ausprobieren, ihre Arbeitsweise so besser verfolgen. Hochgeschätzt wirken die drei als Säulenheilige der Schweizer Moderne im Kunsthandel (siehe Box unten). Ob das Jubiläumsjahr ihre Preise weiter beflügelt? Wohl kaum, meint Auktionator Cyrill Koller, weil sie seit Jahren hoch fliegen.

Ferdinand Hodler. Parallelismus. Kunstmuseum Bern, bis 13. Januar.

Cuno Amiet zwischen Solothurn und der Oschwand. Kunstmuseum Solothurn, bis 6. Januar.

Viola Radlach (Hrsg.): «Cuno Amiet/Giovanni Giacometti. Briefwechsel». Verlag Scheidegger & Spiess, 618 Seiten.

Keine Millionen für die Jubilare

Alle drei Jubilare sind Säulenheilige und sichere Werte des Schweizer Kunsthandels. «Es gibt nur eine Handvoll Schweizer Maler der Moderne von vergleichbarem Gewicht», sagt Urs Lanter, Schweizer Kunst-Experte bei Sotheby’s. Aber Millionen macht heuer wohl keiner der drei Maler an einer Auktion. Ein Wert, der am ehesten Ferdinand Hodler zuzutrauen wäre. Sein Rekord liegt bei 10,9 Millionen Franken für «Genfersee von Saint-Prex» (Sotheby’s 2007). Die höchsten Preise habe man in den Nullerjahren gelöst, bestätigt Auktionator Cyril Koller. «Nach der Finanzkrise 2008 haben sich die Preise auf hohem Niveau stabilisiert.» Das Fehlen von Rekorden hat aber auch mit dem ausgetrockneten Markt zu tun: «Die Verfügbarkeit von hochkarätigen und vor allem einzigartigen Werken ist heute gering», sagt Lanter. Kommt dazu, dass es bei jedem Maler begehrtere Phasen und Motive gibt. Bei Hodler sind es die Seenlandschaften, weil sie für den heutigen Geschmack eingängiger sind als die symbolistischen Figurenbilder. Bei Giacometti und bei Amiet sind es laut Koller in der Regel die Bilder aus dem 1. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, weil beide damals mutig, frisch und neu gemalt hätten. Amiets Rekord: 1,65 Millionen für «Winterlandschaft» (Kornfeld 2011). Giovanni Giacomettis monumentales «Flimser Triptychon» erzielte bei Koller 2016 mit 4,05 Millionen Franken den Rekord für den Maler. (sa)

Bei Dobiaschofsky in Bern war bereits letzte Woche Auktion: Hier erzielte Amiets pointillistischer «Baum in Abendsonne» von 1907 sehr gute 550 000 Franken. Es dürfte eines der besten Resultate der Saison sein.

Bei Dobiaschofsky in Bern war bereits letzte Woche Auktion: Hier erzielte Amiets pointillistischer «Baum in Abendsonne» von 1907 sehr gute 550 000 Franken. Es dürfte eines der besten Resultate der Saison sein.

HO

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