Im April 1917 reichte der französische Künstler Marcel Duchamp ein mit «R. Mutt» signiertes Pissoir bei der grossen Schau der Society of Independent Artists in New York ein. Das Werk wurde nicht angenommen. Die Diskussion, die es auslöste, hält jedoch bis heute an.

Duchamp stellte mit seiner Aktion Fragen, die für die Kunst des 20. Jahrhunderts zentral werden sollten: Wer bestimmt eigentlich, was Kunst ist und was nicht? Unter welchen Umständen wird ein Werk zum Kunstwerk? Welche Rolle spielt der Künstler, welche der Betrachter?

Mit einiger Verzögerung brachen diese systemkritischen Fragestellungen in den Sechzigerjahren an die Oberfläche. Es war die Stunde von Minimal Art und Konzeptkunst. Sie schlug zu Beginn vor allem in den USA. Die Künstler gingen auf Distanz zum althergebrachten Rollenbild des einsam aus sich heraus schöpfenden Genies. Sie sahen Kunstwerke als Teil eines Systems aus Herstellungsbedingungen, Kunstmarkt, Kunstbetrachter und -diskurs.

Einen polemischen Höhepunkt erreichte diese Diskussion 1975, als der wortmächtige Reporter Tom Wolfe sein Essay «Das gemalte Wort» veröffentlichte. Darin behauptet der Autor, dass die Bedeutung dieser Kunst nicht in ihr selbst liege, sondern dass sie von Kunstkritikern herbeigeschrieben werde. Nur, wer deren Theorien gelesen habe, könne diese Kunst auch verstehen.

Brückenschlag in die Gegenwart

Das Bündner Kunstmuseum zeigt diese heroischen Jahre der Minimal Art und Konzeptkunst derzeit in einer gross angelegten Ausstellung. «Immer anders, immer gleich – Ein Versuch über Kunst und Systeme» lautet der sperrige Titel. Er zeigt an, dass es hier um mehr geht, als um reine Bildbetrachtung.

Diese Künstler und Künstlerinnen stellen die Welt nicht dar, sie hinterfragen sie. Ja, sie machen die Frage selbst zum Kunstwerk, wie etwa der Kalifornier John Baldessari, der 1967 auf eine Leinwand schreibt: «What are pictures about?» Rund 40 Jahre später antwortet ihm die britische Künstlerin Bethan Huws: «Alle grossen Kunstwerke haben konzeptuellen Inhalt.»

Was sie damit meint, zeigt sie mit einer weissen Neonschrift. «White, Grey, Black» steht da. Buchstaben, die Farbe bedeuten. Wir sind dazu eingeladen, uns diese selbst auszumalen.
Solche Brückenschläge zwischen den Urgesteinen der Minimal Art und Konzeptkunst und deren Nachfolgern leistet die Ausstellung einige.

Aus der ersten Generation sind alle wichtigen Positionen vertreten: über Carl Andre, zu Donald Judd, On Kawara, Sol LeWitt, bis zu Frank Stella, der Gruppe Art & Language, Yves Klein, der Künstlerin Sturtevant oder dem Bündner Corsin Fontana. Ihre Nachfolger und Komplizen im Nachdenken über Systeme sind die «!Mediengruppe Bitnik», der deutsche Michael Riedel oder etwa die Ägypterin Iman Issa.

Die von Lynn Kost kuratierte Schau versammelt 28 Künstlerinnen und Künstler. Was in diesem Falle heisst: 28 unterschiedliche Konzepte. Dabei gibt es Entdeckungen zu machen. Das Werk von Stanley Brouwn etwa. Der Künstler entwarf eigene Masseinheiten, um seine Bewegungen in der Welt zu vermessen: den Brouwn-Fuss, die Brouwn-Elle und den Brouwn-Schritt. Dieser ist genau 884 Millimeter lang. Die Zahl schrieb er mit Schreibmaschine auf Papier. Geramt hängt sie nun da.

Die Kritik trifft

In der Nähe ein weiteres Bild mit Schriftzug: «June 10.1967». Ein sogenanntes Date Painting von On Kawara. Über 2000 Stück hat der Japaner davon gefertigt. Sie seien «eine Art Meditation, die nützlich ist, um sein Ich zu verlieren.»

Sol LeWitt negiert ebenfalls jeden persönlichen Gestus, wenn er seine beiden «Wallpaintings» von Assistenten in Chur ausführen lässt. Ganz unterlaufen hat die Autorenschaft die Künstlerin Sturtevant. Ihre «Marylin» ist eine schwarze Kopie von Andi Warhols Ikone.

Die 28 Konzepte zeigen ebenso viele Wege auf, wie Künstler mit Systemen arbeiten. Die Gedankenwelten erschliessen sich dem Betrachter aber erst, wenn er bereits über die Werke gelesen hat, oder lesenderweise durch die Ausstellung navigiert. Ein kompakter Führer liegt am Eingang dafür bereit.

In diesem Sinne trifft Tom Wolfes Kritik: Das Gezeigte ist immer Resultat einer Theorie, die sich nur über das Wort erschliesst. Was der Autor mit seiner Polemik damals aber übersah, war die Pionierleistung dieser Künstler. Sie dachten bereits über ihre Stellung in Systemen nach, als diese noch in den analogen Kinderschuhen steckten. Heute sind Kapital und Kunstmarkt global vernetzt. Und Google weiss wahrscheinlich, dass wir im Bündner Kunstmuseum waren.

«Immer anders, immer gleich» Bis 11. November, Bündner Kunstmuseum