Nicole Kidman
Die grosse Traurigkeit der Nicole Kidman

Sie gehört zu den Besten der Besten! Im Film «Rabbit Hole» lässt Nicole Kidman einmal mehr ihre Klasse als Schauspielerin aufblitzen.

Hans Jürg Zinsli
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Da stimmt was nicht. Wir befinden uns auf einem schicken Anwesen, Typ Renaissance-Villa mit Erkern und Seeblick. Die Frau des Hauses (Nicole Kidman) macht sich im Garten zu schaffen, pflanzt eine Blume, die alsbald von einer unachtsamen Nachbarin zertreten wird. Ihr Mann sitzt nachts in der Stube, guckt Videos auf dem Handy und weint. Da stimmt was nicht, ganz und gar nicht.

«Rabbit Hole», basierend auf dem gleichnamigen Pulitzerpreis-gekrönten Theaterstück von David Lindsay-Abaire, erzählt von einem Ehepaar, das bei einem Autounfall sein einziges Kind verlor: Becca und Howie (Aaron Eckhardt) sind hilflos, verzweifelt, schotten sich von den Nachbarn ab, suchen ihr Heil in einer Selbsthilfegruppe – ohne Erfolg. Die Trauer lähmt auf allen Ebenen.

Weshalb soll man sich als Zuschauer einen solchen Film antun? «Rabbit Hole», von Theaterautor Linday-Abaire selbst adaptiert und von John Cameron Mitchell inszeniert, verliert keine Zeit mit Sentimentalitäten. Er blickt in Abgründe, fördert Ungewöhnliches zutage.

Wie sich das Unglück zutrug, erfährt man erst spät, Bilder dazu werden nicht geliefert. Stattdessen verschiebt sich der Fokus zwischendurch auf den jugendlichen Autofahrer, der auf zeichnerische Art mit seinen Schuldgefühlen umzugehen versucht.

«Rabbit Hole» ist der Titel seines Comics. Doch dieses Drama hat wenig mit den sonderbaren Figuren aus «Alice im Wunderland» zu tun, mit der Erfahrungswelt des Kinderbuchs dagegen schon. Es geht um den freien Fall der Protagonistin, den Aufprall in einer anderen Welt, den Wunsch nach einem Paralleluniversum, wo man glücklich sein könnte.

Bemühen um Normalität

Der Hauptgrund, sich diesen Film anzusehen, heisst jedoch Nicole Kidman. Mit «Rabbit Hole» knüpft sie endlich an ihre grossen Rollen an, die sie vor zehn Jahren spielte: «Moulin Rouge!», «The Others» (beide 2001), «The Hours» (2002) und «Dogville» (2003).

In «Rabbit Hole» erfüllt Kidman ihre Figur so sehr mit Leben, dass man im Kino mitunter vergisst, dass da eine Schauspielerin am Werk ist. Am besten ist sie in ihrer Rolle, wenn sie sich der schwangeren Schwester (Tammy Blanchard) gegenüber normal zu benehmen versucht und immer wieder scheitert. Oder wenn sie ihre Mutter (Dianne Wiest), die ebenfalls jemanden verlor, in aller Öffentlichkeit massregelt, nur um später in einer bewegenden Szene nachzufragen, wie die Mutter all die Jahre mit dieser Last umgegangen ist.

Keine Frage, wer Feelgoodmovies mag, liegt bei «Rabbit Hole» falsch. Der Film scheint nur für ein kleineres Publikum attraktiv. Das macht ihn jedoch nicht weniger wichtig. Statt mit einfachen Lebensweisheiten aufzuwarten, wird da nach echten Lösungsansätzen gesucht. Das ist fesselnd und anstrengend, furios gespielt und zwingend umgesetzt. Kurz: eine Herausforderung.

Rabbit Hole (USA 2010), 91 Min.

Regie: John Cameron Mitchell

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