Kunst
Der radikale Hodler mischt die Fondation Beyeler auf

Die Ausstellung der Fondation Beyeler konfrontiert die Besucher mit Hodler pur. Ein Dutzend Mal mustert Hodler einen streng. Doch zum Glück zelebriert die Fondation Beyeler den Künstler primär mit Bergbildern.

Sabine Altorfer
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Ferdinand Hodlers «Blick in die Unendlichkeit» in der Fondation Beyeler
7 Bilder
Wunderbar ruhige Blautöne im Bild «Genfer See mit Mont Blanc am frühen Morgen im November»
Die Ausstellung der Fondation Beyeler konfrontiert die Besucher mit Hodler pur
Das Kunstwerk «Landschaft bei Caux mit aufsteigenden Wolken»
Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, vor Hodlers Gemälde «Die Dents du Midi von Champery aus»
Die Ausstellung in der Fondation Beyeler zieht die Medien an
Die Taschen mit dem Poster zur Hodler-Ausstellung

Ferdinand Hodlers «Blick in die Unendlichkeit» in der Fondation Beyeler

Keystone

Ferdinand Hodler (1853-1918) zeigt sich selber nicht als Fragenden, Forschenden oder gar als Zweifler. In diesen Bildnissen ab 1910 ist er der scharfe Beobachter. Wie um diesen Gesamteindruck zu mildern, hängt an der Wand vis-à-vis zum Eingang das versöhnlichste Bild. Aus dem grössten Selbstbildnis lächelt ein zufriedener Bonvivant.

Es ist wohl kein Zufall, dass Hodler auf diesem Porträt von 1916 die breiten Schultern nicht angriffig quer, sondern schräg ins Bild stellt und mit der blauen Krawatte einen munteren Farbtupfer setzt. Auch die Augen sind nicht aufgerissen wie so oft. Und trotzdem, auch dieser Blick ist direkt auf die Betrachterin gerichtet und verfolgt einen.

Der schonungslose Blick

Erleichtert flaniert man anschliessend durch die Landschaften, an Stockhorn, Dents du Midi und Jungfrau, am kaltgrauen Thunersee im Winter und an den frühlingshellen Alpweiden vorbei. Aber spätestens im Kabinett mit den Bildnissen der kranken, der sterbenden und der toten Valentine Godé-Darel spürt man wieder Hodlers scharfen, beklemmenden Blick.

Hier hat nicht ein Liebender seine leidende Freundin gemalt, sondern einer dem das Bild, das Malen und Zeichnen wichtiger war als Mitgefühl. Die Zeichnungen und Gemälde sind anrührend, aber sie lassen einen schaudern. Valentine ist Objekt des unerbittlichen Malerblicks. Und wir werden durch ihn zu Voyeuren des Leidens. Ihr ausgezehrtes Gesicht hat Hodler schonungslos detailliert gezeichnet. Und wenn er die Tote als flache, starre Figur auf dem Bett liegend zeigt, so erinnert sie an Holbeins Darstellung des toten Christus.

«Hodler hat hier ein Tabu gebrochen», sagte Kurator Ulf Küster an der Vorbesichtigung für Medienleute in Riehen. Das habe der Künstler gerne gemacht. Aber nicht nur deswegen kommt der Betrachterin bei Valentines Anblick Egon Schiele in den Sinn. Schonungslos und in einer für die Zeit skandalösen Genauigkeit hat auch der Österreicher Menschen gezeichnet. Wie Hodler mit starken Konturen und nur partiellem Einsatz von Farbflecken.

Ergebnis 2012: Fast 370'000 besuchten die Fondation Beyeler

Die Fondation Beyeler ist auch 2012 das meist frequentierte Museum der Schweiz. Den Besucherrekord von 2011 kann es zwar nicht überbieten. Doch das Ergebnis mit 368'705 Besuchern ist das viertbeste überhaupt. Dabei kommen 64 Prozent aus dem Ausland.

«Surrealismus in Paris» (2011 eröffnet) lockte 159'412 Kunstinteressierte nach Riehen. 109'567 kamen zu «Jeff Koons» - ein Topergebnis für einen zeitgenössischen Künstler. Die Eintritte brachten 5 Millionen Franken ein, die Sponsorenbeträge machten 4,8 Millionen aus. Basel-Stadt, Riehen und Baselland bezahlten 4 Millionen. Der Aufwand für Ausstellungen, Personal und Liegenschaft betrug insgesamt 20,9 Millionen Franken. Das heisst: Die Hansjoerg Wyss Foundation und die Beyeler-Stiftung tragen einen Drittel der Kosten, 7,1 Millionen.

Direktor Sam Keller teilte mit, dass die Fondation seit dem Tod von Ernst Beyeler im Jahr 2010 erstmals wieder Werk-Ankäufe getätigt hat.

Das Programm 2013 verspricht viel: Im Mai erhält Max Ernst mit der bislang grössten Retrospektive die ihm gebührende Beachtung. Mit Maurizio Cattelan und Thomas Schütte werden zeitgenössische Künstler ausgestellt. Ebenso zeigt die Fondation die Schenkung von 33 Werken der Moderne aus der Collection Renard. (flu)

Der erfolgreiche Variantenmaler

Etwas quer in dieser, die Landschaft feiernden Ausstellung, mutet der Saal mit dem monumentalen Figurenbild «Der Blick in die Unendlichkeit» an. Fünf auf neun Meter ist es, gedacht war es für das Kunsthaus Zürich, gelandet ist es schliesslich im Kunstmuseum Basel - in den letzten Jahren allerdings im Depot. Studien und eine kleinere Fassung der steifen, blau gewandeten Frauenfiguren ergänzen es - und komplettieren die Ausstellung. Die symbolistischen Figurenbilder einfach auszuklammern wäre wohl zu krass, würde den Blick auf den späten, den radikalen Hodler aber schärfen.

Die grosse Nachfrage nach den Berg- und Seebildern war sicher ein Antrieb für Ferdinand Hodler, dieselben Sujets in Varianten immer wieder zu malen. Die andere Motivation war das Ausloten verschiedener künstlerischer Lösungen. Wie schon die Impressionisten spürte Hodler den unterschiedlichen Stimmungen, Lichtverhältnissen und Wirkungen nach. Das macht die klug konzipierte und nach Motiven geordnete Ausstellung gut nachvollziehbar. Vier Mal hängt die Stockhornkette mit Thunersee (1913/1914), drei Mal die Dents du Midi (1916) und in Variationen auch verschiedene Genfersee-Sichten (1914-1918).

Hier offenbart sich, wie Ferdinand Hodler immer neue malerische Lösungen suchte. Gehörte im Frühwerk die dunkle Kontur, die Vorzeichnung, untrennbar zu seinem Stil, lässt er sie in den spätesten Werken weg. Die Arbeit mit der Farbe wird essenziell. Berge, Wolken Seen werden als Farbflächen gegeneinander abgesetzt. Am eindrücklichsten beim «Genfersee am frühen Morgen» von 1918, wenn der orange Himmel die dunkelblaue Montblanc-Kette begrenzt, der See als blauer Spiegelungsstreifen ansetzt und sich breit über Rosa bis Grün fortsetzt. Hier wird Hodler in seinem allerletzten Lebensjahr wirklich radikal und radikal modern.

Ferdinand Hodler Fondation Beyeler, Riehen. 27. Januar bis 26. Mai.

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