Dem Entscheid war eine achtjährige Kontroverse vorausgegangen, in deren Verlauf man sich auf diese Regelung einigte für Autoren, deren Werk man für unausgewogen hielt.

Den Anstoss zu Spittelers Ehrung hatte 1912 der Berner Germanist Jonas Fränkel gegeben, er gewann den Nobelpreisträger Romain Rolland als Fürsprecher. Carl Spitteler ist bis heute der einzige gebürtige Schweizer Autor, der mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Zu Widerstand gegen Spittelers Ehrung hatte vor allem dessen Rede «Unser Schweizer Standpunkt» geführt. Es waren die Jahre des Ersten Weltkriegs. Spitteler hielt diese Rede am 14. Dezember 1914 in Zürich vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft. Diese hatte sich im ersten Kriegsjahr formiert mit dem Ziel, sich für Mehrsprachigkeit, nationalen Zusammenhalt und regionale Eigenarten einzusetzen. Spitteler sprach mit starken Symbolen, Bildern und mythologischen Elementen über den nationalen Zusammenhalt. In der Rede kritisierte er die Verletzung der Neutralität Belgiens durch Deutschland und löste damit in Deutschland und Österreich eine heftige Polemik aus. In der Akademie des Nobelpreises fürchtete man, eine Vergabe an Spitteler könne als Parteilichkeit ausgelegt werden und die «Verbitterung» schüren.

Spittelers Werk ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten – für heutigen Geschmack dürfte es zu stark mit Symbolismus und Allegorien beladen sein. Seine Rede jedoch hat die Zeit überstanden. Sie ist zum Symbol geworden und wurde immer wieder aufgegriffen, wenn man es in der Schweiz für nötig hielt, über das schweizerische Selbstverständnis nachzudenken.

Sonderausstellung in Liestal

Zum Jubiläum der Vergabe des Nobelpreises an Carl Spitteler haben drei Verlage aus drei Sprachregionen der Schweiz die Autoren Dorothee Elmiger, Pascale Kramer, Catherine Lovey, Adolf Muschg, Fabio Pusterla, Daniel de Roulet, Monique Schwitter und Tommaso Soldini eingeladen, aus heutiger Sicht auf Spittelers Rede zu reagieren. Auf Deutsch sind die Texte unter dem Titel «Neue Schweizer Standpunkte. Im Dialog mit Carl Spitteler» soeben im Rotpunktverlag erschienen (135 Seiten). Im März veröffentlicht der Verlag Nagel & Kimche ein Spitteler-Lesebuch mit einem Vorwort von Peter von Matt. Das Dichter- und Stadtmuseum Liestal zeigt eine eben eröffnete Sonderausstellung. Weitere Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr sind auf der Website www.spitteler.ch aufgeschaltet.