Kunstfund
Das ist die Frau, die an Pressekonferenzen einen Matisse taufen darf

Am Dienstag lud die Augsburger Staatsanwaltschaft Journalisten aus der ganzen Welt zu der Pressekonferenz im Fall des Münchner Kunst-Fundes. Mittendrin war die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann.

Andreas Ruf
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Kunsthistorikerin Meike Hoffmann

Kunsthistorikerin Meike Hoffmann

Zur Verfügung gestellt

Wenn irgendwo „Entartete Kunst" aus der Nazi-Zeit auftaucht, ist sie zur Stelle. Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin. Sie wurde heute Morgen während der Pressekonferenz zum Münchner Kunstfund kurzfristig zur gefragtesten Kunsthistorikerin der Welt.
„Wenn man vor verschollen oder zerstört geglaubten Bildern steht, ist das natürlich ein Glücksgefühl", sagte die zierliche Dame im dunklen Jackett sichtlich begeistert in die Mikrofone. Sie projizierte Beispiele von gefundenen Meisterwerken, viele davon haben die Forscher bisher noch nie zu Gesicht bekommen. Etwa ein Selbstportrait von Ott Dix oder ein Gemälde von Henri Matisse. Sichtlich verlegen beantwortete Hoffmann die Frage eines Journalisten, wie denn der Name dieses Gemäldes sei, mit: Sie wüsste es nicht, würde es aber jetzt einfach mal „sitzende Dame" nennen. Allzu oft dürfte es nicht mal ihr passieren, dass sie einen Matisse frisch betiteln darf.

Die 1962 geborene Hoffmann ist nicht nur Kunsthistorikerin, sie wird als Fachfrau auch in aktuellen Fällen zur Klärung der Herkunft von im Dritten Reich „entarteter" Kunstwerke beigezogen. Seit 1998 und der Washingtoner Erklärung sind Museen und Archive verpflichtet, die Herkunft der Kunstwerke, die während des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, aufzuklären.

Die Expertin

Meike Hoffmann studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Volkskunde und Bibliothekswissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und an der Freien Universität Berlin. In Berlin wurde sie 2005 mit einer von Werner Busch betreuten Dissertation über die Künstlergruppe „Brücke" zur Dr. phil. promoviert.

Und seit 2011 gibt es an der Freien Universität Berlin den entsprechenden Studiengang „Provenienzforschung". Konzipiert hat ihn die Meike Hoffmann, die heute Morgen den Matisse getauft hat. Doch wie wurde Hoffmann selbst zur Provenienz-Forscherin, wenn es doch erst seit 2011 eine entsprechende Ausbildung gibt? „In autodidaktischer Art und Weise", gibt die Wissenschafterin im Interview mit Deutschlandradio zu Protokoll. Zunächst gab es vor elf Jahren gerade einmal vier Wissenschafter von ihrer Sorte, erinnert sich Hoffmann. Unterdessen sei der Studiengang mit seinen 30 Plätzen jeweils ausgelastet.

Als 2010 in Berlin vor dem Roten Rathaus zufällig elf Skulpturen aus vernichtet geglaubten Restbeständen entarteter Kunst ausgegraben wurden, wurde Hoffmann ebenfalls zu Rate gezogen, um die Kunstwerke zu identifizieren. Der Fall zeigt, wie Hoffmann arbeitet. Für ihren Beruf braucht es vor allem ein scharfes Gedächtnis - und gut dokumentierte Archive. So konnte Hoffmann bis auf zwei Skulpturen alle mithilfe von Fotografien identifizieren, die von der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst" in München 1937 aufgenommen wurden. Auf diesen waren die Skulpturen zu sehen. Dabei Bewegt sich Hoffmann immer im Grenzgebiet zwischen Geschichte und Kunstgeschichte. Denn oft verraten unverhoffte Funde auch etwas über ihren Besitzer und bringen so Licht in bislang dunkle Gegenden des NS-Sumpfes.

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Keystone

Im aktuellen Fall dürften es die Norddeutsche und ihre Kollegen ungleich schwerer haben. Alleine die Fülle des Fundes wird die Forscher länger beschäftigen: 1406 Gemälde, Zeichnungen, Lithografien oder Radierungen wurden in der kleinen Münchner Wohnung des Kunstsammler-Sohns Gurlitt gefunden. Wie lange es dauern wird, die Herkunft aller Bilder zu ermitteln, konnte auch Hoffmann heute Morgen nicht sagen. „Es kann sich um Monate oder auch Jahre handeln", so die Expertin.

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