Sommerkunst
Das Emmental als Hotspot

Das Prinzip von «Kunst in Trubschachen» ist eigentlich überholt. Aber vielleicht gerade deshalb so beliebt.

Sabine Altorfer
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Prunkstück in der Turnhalle: Giovanni Giacomettis «Panorama von Flims 1» von 1904. (Ausschnitt)

Prunkstück in der Turnhalle: Giovanni Giacomettis «Panorama von Flims 1» von 1904. (Ausschnitt)

SIK-ISEA

Zwei Schulhäuser im Emmentaler Dorf Trubschachen sind für die nächsten zweieinhalb Wochen das Epizentrum für Kunstliebhaber aus der ganzen Schweiz. Hierher kommen jene, die kaum in ein Museum gehen, aber wissen oder glauben: In Trubschachen gibt es Kunst, die man versteht. Alle vier Jahre nur findet «Kunst in Trubschachen» statt; 2013 kamen rund 30 000 Menschen. Ein Phänomen.

Am Abend vor der Eröffnung ist es noch ruhig. Ich wandere vom Bahnhof am «Hirschen» und «Bären», an Bauerngärten und Skulpturen von Schang Hutter vorbei zum Schulhaus Hasenlehn. Zwei Buben mit einem Fussball unter dem Arm wissen sofort: «Sie kommen wegen der Ausstellung! Aber die ist noch zu.» Gesperrt ist für die Dorfjugend auch der Pausenplatz, dort spielen jetzt die poppig bunten «Footballers» von Niki de Saint Phalle. Sie werden den Buben gefallen.

Im Schulhaus begrüsst Oscar A. Kambly, hiesiger Guetzli-Fabrikant und Präsident des OK, die gut zwanzig Kunstführerinnen aus dem Dorf. Heute werden sie durch die eben fertig gehängte Schau geführt. Mir drückt er einen Sack Kambly-Bretzeli in die Hand. Bedruckt mit dem Logo der Ausstellung, Ferdinand Hodlers «Bildnis Giulia Leonardi». Auch das Marketing stimmt.

Angefangen wird mit einem Schulzimmer voller Werke von Robert Zünd (1827–1909). Er malte im 19. Jahrhundert die saftigsten, die grünsten Bäume in Landschaften, die so real wie ideal die Innerschweiz zum Sehnsuchtsort transformieren. Die verkannte Clara von Rappard (1857–1912) und der vom Markt wieder entdeckte Ernest Biéler (1863–1948) können als Entdeckungen gelten, bevor mit den Berner Alpen und dem Genfersee von Ferdinand Hodler (1853–1918) ans kollektive Gedächtnis appelliert wird.

Rund 200 Werke von 16 Künstlerinnen und Künstlern hat das dreiköpfige Ausstellungs-Team unter der Leitung des pensionierten Lehrers Ruedi Trauffer organisiert – bei Stiftungen, Privaten, Museen, aus der Sammlung des Bundes. Das Konzept ist einfach, aber stringent: Landschaft und Menschenbildnis vom 19. Jahrhundert bis heute.

Amateure als Garanten

So gehts von Schulzimmer zu Schulzimmer zur Aula, wo der 82-jährige Solothurner Bildhauer Schang Hutter den leidenden, den «vertschaupeten» Menschen Gestalt gib und weiter zur verspielt bunten Figurenwelt der Niki de Saint Phalle. Selbst die Turnhalle wird zur Kunsthalle: Die kräftigen Farben und die quirlige Pinselschrift von Giovanni Giacometti (1868–1933) berühren – und bestehen gegen die Striche des Hallenbodens.

Im Dorfschulhaus tauchen wir ein in die Gegenwart, hier werden die Führerinnen und Führer aus dem Dorf von abstrakten Farblandschaften bei Pia Fries, von Traumwelten bei Mirjam Helfenberger oder märchenhaften Figurationen bei Ueli Güdel erzählen.

«Wir sind Amateure», sagt mir Kambly, «das kommt von amare, lieben.» Die Kunstliebe scheint das ganze Dorf gepackt zu haben: Rund 400 Menschen arbeiten freiwillig mit. Dieser Einsatz wirkt so anziehend, dass die Menschen scharenweise nach Trubschachen fahren. Aber auch die Hoffnung treibt sie her: Wenn die Bäuerin, der Handwerker oder die Dorflehrerin diese Kunst mögen, ja sogar die vermeintlich «schwierige» Gegenwartskunst, kann sie nicht zu kompliziert sein.

Museen müsste der Erfolg von Trubschachen zu denken geben: Sie sind längst nicht mehr die heiligen Tempel, sie bieten in ihren Sammlungen Werke derselben Künstler, ebenso Führungen, Vermittlung ... Das Konzept Trubschachen müsste also überflüssig geworden sein, aber die Stärke der Emmentaler heisst Authentizität, Leidenschaft und Event. Vielleicht lockt auch die Aussicht auf eine Meringue in einem Gasthof, ein Besuch in der Guetzli-Fabrik oder eine Wanderung auf den Napf. Ein Sommer-Erlebnis eben.

Kunst in Trubschachen Bis 23. Juli, täglich 10–21 Uhr, Eintritt Fr. 15.–.

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