Stadttheater
Das deutsche Nationalepos einer Prüfung unterzogen

Michael Quast und Philipp Mosetter traten am Mittwoch mit Goethes «Faust I» auf. Die kommentierte Darbietung des Klassikers war mitnichten nur an ein bildungs- hungriges Publikum gerichtet.

Jana Fehrensen
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Philipp Mosetter und Michael Quast wecken die Lust auf «Faust I».zvg

Philipp Mosetter und Michael Quast wecken die Lust auf «Faust I».zvg

Ist Goethe lustig? Darf man über Faust lachen? Oder ist es schlicht weg respektlos? Michael Quast und Philipp Mosetter haben das deutsche Nationalepos einer gründlichen Prüfung unterzogen und der gehobenen Bildung einen satirischen Spiegel vorgehalten. Das Ergebnis war ein unterhaltsamer Abend mit Niveau.

Machen weiter wo andere «zu früh» aufgehört haben

Faust, das Lebenswerk von Johann Wolfgang von Goethe, diente seit je her als Projektionsfläche für das Bildungsbürgertum. Davon kann nicht nur so mancher Germanist ein Liedchen singen. Genau dieser Umstände nehmen sich Michael Quast und Philipp Mosetter an und potenzieren sie. Psychoanalyse, Quantentheorie und feministische Sprachwissenschaft – was versuchte man nicht alles bei Goethe zu finden. Quast und Mosetter machen nur konsequent weiter, wo andere «zu früh» aufgehört haben.

Und so bleibt Faust weder vor der freudschen Analyse noch vor Urknall-Theorie oder Heisenbergs Unschärferelation verschont. Es ist ein Teufelspakt, den die beiden Protagonisten bei ihrer kommentierten Darbietung von «Faust I» mit den «übersteigerten Bildungsansprüchen» des Publikums eingehen – und damit das selbige zum Lachen bringen, ohne den Lack des Bildungsguts anzukratzen.

«Du musst es spüren»

Quast gibt den pingelig-verklemmten Literaturwissenschafter, der gerne aus sich herausgehen würde. Doch er ahnt, dass dies zum Scheitern verurteilt ist. Deshalb konzentriert er seine Kräfte auf das Herumdirigieren von Mosetter, der alle wichtigen Schlüsselfiguren und Szenen von «Faust» im Alleingang spielt.

Staubtrockene Anweisungen und unbändige Spiellust prallen aufeinander und bilden einen fruchtbaren Boden für den bissigen und trotzdem respektvollen Humor des Abends. «Du musst es spüren, wie dir das Wasser die Beine hochsteigt, der Kalk an deinen Gelenken schabt», weist Quast seinem Partner den Weg zur Interpretation von Fausts Figur, bis dieser mit verkniffenem Mund und altersschwacher Stimme sein «Ach» rezitiert. Denn das «Ach» ist das Sinnkonzentrat des Dramas, das von nichts anderem als Scheitern spricht und laut Quast gerade deshalb zum deutschen Nationalepos erwählt worden sei.

Psychoanalyse und Quantenphysik

Die kommentierte Darbietung nimmt in ihrem Verlauf immer mehr an Tempo auf und strapaziert die Lachmuskeln des Publikums. Wie köstlich sind doch die Ausflüge zu Psychoanalyse und Quantenphysik, vor allem weil sie angeblich bereits in den ersten 30 Zeilen des Dramas postuliert seien.

Mit Vergnügen nimmt das Publikum auch die äusserst überzeugende Parodie eines Kätzchens an, das sich am Ende als ein schreiender Affe entpuppt. Nicht ganz ohne Schmunzeln geht auch der hervorragend akustisch umgesetzte Gretchen-Blues über die Bühne. Und auch der Dolby-Surround-Sound-Auftritt des bösen Geistes.

Quast und Mosetter lachen nur vermeintlich über ein höchstes literarisches Kulturgut. In Wirklichkeit wecken sie die Lust, das Original unvoreingenommen zu lesen und sich einen eigenen Zugang zu Goethes «Faust» zu erarbeiten. Das ist die wirkliche Leistung der erfrischend lustigen Aufführung.