Kunst
Das Aargauer Kunsthaus aktiviert überraschende «Stille Reserven»

Berühmte und unbekannte Maler, erhabene und banale Motive: Das Aargauer Kunsthaus macht aus «Schweizer Malerei von 1850–1950» ein vergnügliches Seherlebnis. Rätseln und Schmunzeln sind angesagt.

Sabine Altorfer
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Stille Reserven
7 Bilder
Rudolf Johann Koller, Ohne Titel (Schafe mit Mädchen), 1858. Öl auf Leinwand, 82 x 100 cm. Aargauer Kunsthaus
Die Wand mit den Männerporträts
Die kleine Gruppe der Frauenbildnisse
Hans Emmenegger, Tannenwipfel, um 1915. Öl auf Leinwand, 23 × 29 cm. Sammlung Peter Suter, Basel
Ferdinand Hodler, Der Niesen vom Heustrich aus, 1910. Öl auf Leinwand, 80 × 91 cm. Aargauer Kunsthaus
Alice Liechtin, Bergbild, 1922. Öl auf Leinwand, 67 x 80 cm. Sammlung Peter Suter, Basel

Stille Reserven

Klingt der Ausstellungstitel «Stille Reserven» nicht nach einer Notlösung? Wird hier einfach die zweite Liga aktiviert? Und klingt der Untertitel «Schweizer Malerei 1850–1950» nicht nach trockener Kunstlektion? Wer in die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus eintaucht, vergisst solche negativen Vorfragen schnell.

So viel Spass, so zum Schauen, Sinnieren und Vergleichen angeregt, hat nämlich eine Ausstellung schon lange nicht mehr. Warum? Weil es in «Stille Reserven» zum einen nicht um grosse Namen geht, nicht um das Zelebrieren von Meisterleistungen, sondern um die ganze Breite der künstlerischen Produktion in der Schweiz.

Zum zweiten ist «Stille Reserven» anders, weil die Ausstellung auf zwei ganz unterschiedlichen Sammlungen basiert. Auf dem, was der Basler Künstler, Sammler und Autor Peter Suter aus Leidenschaft und nach eigenem Gutdünken über Jahrzehnte zusammengetragen hat und andererseits auf den Schlüsselwerken zur Schweizer Kunst aus dem Kunsthaus.

Das Vergnügen gründet zum dritten in der Hängung: Kunsthaus-Kurator Thomas Schmutz und Sammler Peter Suter haben die 200 Werke mit subversiver Freude geordnet und gemixt, sodass der – sonst oft nur theoretisch proklamierte – Dialog der Werke tatsächlich stattfindet. Über Generationen und Regionen und Stile hinweg.

Genug der Theorie – hinein in die Säle, hinein in die Ausstellung, die das ganze Erdgeschoss des Aargauer Kunsthauses füllt.

Überrascht bleibt man schon im Eingangssaal stehen. So viele Bilder auf einer Wand hat man seit langem nicht mehr gesehen. Mehrere Reihen hoch hängen Porträts, lauter Männergesichter – fotorealistisch bis surreal verfremdet, ernst bis schmunzelnd, im Atelier oder vor der Stadt. Gegenüber dann das – kleinere – weibliche Pendant. Die mondäne Dame der besseren Gesellschaft, die brave Lesende und ungewöhnlich: die Frau im roten Badekleid mit einem Wasserball in Händen.

Doch wer sind diese Menschen? Und wer hat sie gemalt? Die üblichen Schilder fehlen. «Wir wollen nicht, dass die Besucher über das Wissen, über den Kopf die Bilder angehen, sondern sie sollen schauen, vergleichen, rätseln können», erklärt Thomas Schmutz. Karl Ballmers geisterhaft weisses Selbstbildnis aus der Kunsthaus-Sammlung kennt man – und auch Ferdinand Hodler, den die beiden Kuratoren als fotografisches Zitat hineingeschmuggelt haben. Aber die anderen?

Wer es wissen will, kann sich eine Liste geben lassen und die diskret angebrachten Nummern nachschlagen. Und so merkt man: Die Männer sind alles Selbstbildnisse von Künstlern, die Frauen mehrheitlich Modelle. «Die Muse des Anakreon» von Arnold Böcklin scheint diese klassische und bis vor kurzem als normal geltende Arbeitsteilung in der Kunst lächelnd zu kommentieren.

Kommentiert haben die Auswahl und die Abfolge der Themen auch die beiden Kuratoren in einem kurzen Leitfaden, der für die Besucher aufliegt. Und wer nach dem Besuch, die Hintergründe zu den «Stillen Reserven» erforschen will, für den gibt es ein sorgfältig gestaltetes Buch.

Wie Häuser und Städte malerisch verewigt wurden, wie ihre strengen Formen die Künstlerinnen und Künstler auf dem Weg zur Abstraktion animiert haben, wird vorgeführt. Von Paul Camenischs starkfarbigem «Architekturbild» bis zu Paul Zoellys geometrischer «Ordnung». Und anschliessend wird die Spannung zwischen Nah und Fern, auch zwischen Avantgarde-Erfahrungen im Ausland und heimatlicher Enge zum Thema. Fritz Baumanns kubistisches «Muttenz» kontrastiert etwa mit Eugen Golls klassizistischem Pariser «Stadtbild».

Das urschweizerische Motiv der Landschaften und Berge bildet das Kernstück. Caspar Wolf und Ferdinand Hodler haben die Malereigeschichte zwar geprägt, aber welche thematische und stilistische Vielfalt hat die um 1900 stattlich gewachsene Künstlerschaft geschaffen! Eine exemplarische Reihe: Marguerite Frey-Surbecks «Faulhorn», Elsa Möschlin-Hammars «Bergbild» und Meret Oppenheims geometrische Komposition «Dunkel Berge».

Zu Hinguckern entwickeln sich die kontrastreichen Bilder der «Schneeschmelze» bis zum fahlen Seebild des Luzerners Hans Emmenegger. Und beim Kapitel der Baumbilder und Wolken «emmeneggert» es nicht nur bei Zeitgenossen.

Mutig, gar frech kombinieren die beiden Kuratoren bei den Stillleben Goldfische, Nelken und Schafe, sie schmuggeln gar einen geisterhaften, erst 1998 entstandenen «Hund» von Miriam Cahn zu Ernst Maas surrealen «Zucchetti» von 1936. Oder sie kontrastieren Otto Wylers jugendstilhafte «Dame im Kimono» mit Karl Ballmers aufgelöster «Gliederfigur» und Paul Bodmers brauntonig-verhaltenem «Mädchen am Tisch». Schmunzeln ist auch erlaubt, wenn aus sechs nach Grösse geordneten Landschaftsbildern eine Treppe vom italienischen Flachland bis zu den höchsten Berggipfeln gebaut wird.

Die Kunstgeschichte muss nach dieser Ausstellung nicht neu geschrieben werden. Falsch wäre auch, die heute vergessenen Künstler zu verkannten Genies hoch zu stilisieren. Aber die Ausstellung funktioniert als lustvoller Augenöffner und als Beleg dafür, wie reich die Schweizer Kunstgeschichte und ihre malerische Reserve ist.

Stille Reserven Aargauer Kunsthaus, Aarau. Bis 28. April.

Katalog «Stille Reserven». Scheidegger & Spiess, 280 S., Fr. 59.–

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